Denn das Haus ist fein gelegen, in der Gerlinger Waldsiedlung, direkt am Waldrand. Man kommt zu Fuß bis zum Rotwildgehege und der Solitude in Stuttgart. Mit Bus und Auto ist man rasch in der Stadt.
Altes Haus mit kleinen Zimmern und einer dunklen Küche
Die Familie, die so diskret ist, dass sie lieber ungenannt bleibt an dieser Stelle, zog also ein in das Sechziger-Jahre-Haus mit den kleinen Zimmern und der dunklen Küche. „Da sieht man, welchen Stellenwert damals das Kochen, das ,Reich‘ der Frau, hatte“, sagt die Bauherrin mit einem Lächeln. Doch wohin, als es geklappt hatte, das Haus gekauft war und der Umbau anstand? Wieder umziehen? Und wohin?
Also beschloss man, da zu bleiben. Zuerst wurden Terrasse und Abstellraum zu einer Einliegerwohnung mit Küchenzeile, Bad und Wohnschlafraum umgebaut, danach das restliche Haus.
Auch der kleine Dackel freut sich über den Rasen
Ein halbes Jahr lang lebte dann die vierköpfige Familie schick saniert, doch auf wenig Raum in dieser 40-Quadratmeter-Einliegerwohnung. Und erlebte aus nächster Nähe mit, wie im Rest des Hauses Wände und Fenster herausgenommen wurden, Tonnen Erde in den Garten transportiert wurden. Denn der abschüssige Garten wurde um einen Meter angehoben. Er ist nun topfeben, ein toller Rasen zum Fußballspielen – und der kleine Dackel darf hier auch herumstrolchen.
Eine Familie mit stabilem Nervenkostüm. Die Bauherren berichten entspannt von dieser Zeit, ein bisschen stolz auch. „Praktisch war es, dass wir jeden Baufortschritt begleiten konnten und in der Nähe waren, wenn die Handwerker eine Frage hatten“, sagt die Bauherrin.
Das Ärztepaar ist nicht nur offenkundig diszipliniert, sondern auch architekturaffin. Und so kam es, dass der Bauherr in spe, während er im Flughafen aufs Boarding wartete, ein Wohnmagazin las und da eine Arbeit von Thilo Holzer bewunderte.
Der Architekt Thilo Holzer war von dem alten Haus angetan
Der Stuttgarter Architekt war von dem Auftrag gleich angetan, wie er sagt. Das Haus hatte Potenzial. Auch wenn es über eine eher abweisende Fassade aus Putz und dunklen Holzplanken verfügte. Nun strahlt es einladend weiß mit hellem Holz aus vergrauter Weißtanne und einem imposanten, fünf Meter breiten Fenster im Obergeschoss.
„Wir wollten es hell und modern, aber das Haus sollte sich in die Siedlung einfügen, es sollte kein Fremdkörper sein“, sagt der Bauherr. Garagentor und Eingang zur Einliegerwohnung verbergen sich hinter der ruhig wirkenden, horizontal angeordneten Holzfassade. „Die waagerechte Zonierung war auch vom Baurechtsamt gewünscht“, sagt Thilo Holzer. Erhalten geblieben sind Details wie das kleine Bad-Fenster an der Seite im Obergeschoss.
Max Bächer hatte die Bauleitung in der Gerlinger Waldsiedlung
„Das war nur möglich, weil die Dämmung sechs statt der heute üblichen 16 bis 18 Zentimeter beträgt“, sagt der Architekt. Das Baurechtsamt hatte die Bauherren von der Energieeinsparverordnung befreit – „wegen der erhaltenswerten Bausubstanz“. Denn das Haus ist Teil einer in den 1960ern entstandenen Siedlung für Gutverdiener. Der bekannte Architekt Max Bächer hatte die Oberbauleitung übernommen, das Ensemble ist bis heute in seiner Struktur erhalten.
Die Dämmung geht so in Ordnung: „Wir hatten vorher so kalte Wände, jetzt haben wir ein Traumklima. Im Winter müssen wir weniger heizen und im Sommer bleibt es angenehm, auch wenn wir natürlich an heißen Tagen auch die Hitze spüren“, sagt die Bauherrin. Schiebetüren öffnen den Wohnraum zur Terrasse und zum Garten.
Bessere Nutzung im Obergeschoss
Der großzügige Wohn- und Essbereich mit Küche bestand zuvor aus drei Räumen. Kleine Fenster wurden gegen ein Panoramafenster mit 60 Zentimeter tiefer Brüstung getauscht: eine Nische, in der man sitzt und in den Garten schaut.
Und – charmante Lösung – öffnet man eine der Türen der Einbauküche, findet sich da kein Geschirr, sondern eine Durchgangstür. Die führt in die Einliegerwohnung. Aktuell spielen die Kinder hier. Sie kann aber komplett abgetrennt und vermietet werden.
Lebensmittelpunkt der Familie ist das Erdgeschoss, geschlafen wird im ersten Stock. „Hier haben wir die Nutzung optimiert“, sagt Thilo Holzer. Der Raum zwischen Schlafzimmer und Bad wurde zum begehbaren Schrank. Im Schlafzimmer versetzte Holzer eine Wand, gewann mehr Platz für die Kinderzimmer.
Helligkeit bringen Balkontüren statt der Fenster. Der zehn Meter lange Balkon erhielt einen Boden aus Thermoesche, der nach Holz duftet und von dem aus man auf den Wald schaut.
Erhalten blieb die schön geschwungene Treppe
Die Räume sind zurückhaltend möbliert, vor allem mit Einbauten vom Schreiner. „Wir mussten so viele Entscheidungen treffen, dass wir uns mit dem Rest, der Wahl von Wandfarben, einzelnen Möbelstücken und Bildern, Zeit lassen“, sagen die Bauherren.
Da hier alles derart organisch, folgerichtig und praktisch wirkt, kommt man nicht wirklich auf die Idee, dass natürlich alles erst ausgesucht und entschieden werden musste, der Eichenholzboden, die sandfarbenen Fliesen im Bad mit Badewanne für die Kinder ebenso wie die haptisch interessanten Laminam-Fliesen im Elternbadezimmer.
An alte Tage erinnern ein Rundbogen in der Diele und die geschwungene Treppe aus Solnhofener Platten mit dem Metallgeländer und der Messingleiste. Für dieses Entree hat der Lichtplaner drei verschieden geformte Pendelleuchten von Mawa ausgesucht, die das Material der Treppe aufnehmen und in zeitgemäßem Licht erstrahlen lassen. „Retroleuchten aus den 60ern, die neu aufgelegt wurden“, sagt Thilo Holzer.
Für diese Sanierung, die Zeittypisches neu interpretiert, hat eine Architekturjury völlig zu Recht einen Preis in der Kategorie „Nachhaltige Häuser“ vergeben.
Dieser Text erschien erstmals am 04.12.2020.