Thomas Siegel (l.) hat 2022 in dem Stammheimer Gebiet gebaut. Mit seiner Wärmepumpe ist er hier nicht allein. Neben ihm: Julian Deifel, der Bezirksvorsteher. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko/KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle
In Stammheim lässt sich besichtigen, wie es in vielen Teilen in Stuttgart in Zukunft aussehen könnte: In einem Wohngebiet dort heizen die meisten mit Wärmepumpe.
Auf den ersten Blick ist dem Haus nicht anzusehen, wie es beheizt wird. Denn die Wärmepumpe von Thomas Siegel versteckt sich. Als er und seine Familie 2022 in dem Gebiet in Stuttgart-Stammheim gebaut haben, haben sie das Gerät im Garten hinter dem Haus installieren lassen. Theoretisch hätte sich der Bauherr auch für eine Gasheizung entscheiden können. Aber der Gedanke kam ihm nicht, sagt er. „Das ist der neuste Stand der Technik“, sagt er. Mit dieser Einschätzung ist er in seiner Nachbarschaft alles andere als allein.
Wer durchs Wohngebiet Langenäcker-Wiesert im Osten von Stammheim spaziert, bekommt einen Eindruck davon, wie es auch in Sillenbuch, Zuffenhausen oder Botnang in Zukunft aussehen könnte: Es gibt kaum ein Haus, vor – oder hinter – dem keine Wärmepumpe steht.
Manche Wärmepumpen sind eingehaust in der Siedlung in Stuttgart. Foto: Judith A. Sägesser
An der Sofie-Reis-Straße haben sich die Eigentümer offenbar abgestimmt, hier reiht sich nicht nur Haus an Haus, sondern auch Wärmepumpe an Wärmepumpe derselben Marke. Ein paar Straßen weiter: ein ähnliches Bild. Manche der Wärmequellen stehen auf Garagendächern, andere sind eingehaust, gemeinsam mit den Mülltonnen. Die allermeisten aber: direkt im Vorgarten. In Langenäcker-Wiesert fällt man auf, wenn die Wärmepumpe fehlt. Willkommen in Stuttgarts wohl modernster Siedlung, was die Heiztechnik betrifft.
Vermarktung der Grundstücke in Stuttgart schleppend
Langenäcker-Wiesert ist Stuttgarts bis dato letztes Neubaugebiet in dieser Größenordnung. 2018 wurden die 8,8 Hektar für 320 Wohneinheiten erschlossen. Verkauft haben sich die städtischen und privaten Grundstücke zuletzt schleppend. Die Baukrise und die Zinssituation, sagt Julian Deifel erklärend, er ist der Bezirksvorsteher von Stammheim. Inzwischen seien zwei Drittel bebaut. Er hat den Eindruck, dass sich so langsam wieder etwas tut.
Neben dem Haus von Thomas Siegel wuchern Brombeerhecken. Hier wäre noch etwas frei. Weiter hinten, an der Emma-von-Suckow-Straße drehen sich derweil die Kräne, ein Bautrupp arbeitet am Fundament. Schräg gegenüber ein Rohbau aus orangefarbenem Ziegel. Der Putz fehlt noch – die Wärmepumpe ist da.
Gebiet in Stuttgart wird seit 2022 bebaut
Seit dem 1. Januar 2024 ist es Pflicht in Neubaugebieten, dass man zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbaren Energien heizt. So sieht es das aktuell geltende Heizungsgesetz vor; es soll, wie seit Kurzem bekannt geworden ist, reformiert werden. Für die Bauherren, die sich fürs Gebiet Langäcker-Wiesert entschieden haben, bleiben wenige Alternativen zur Wärmepumpe. Das war bei den Erstbeziehern, die das Stammheimer Gebiet bereits ab Spätsommer 2019 besiedelten, noch anders. Sie hatten die Wahl, die Netze BW hatten damals in Kooperation mit den Stuttgart Netzen auch Gasleitungen verlegt.
„Wenn Straßen und Gräben ohnehin für Wasser- und Stromleitungen geöffnet werden, ist die gleichzeitige Mitverlegung von Gasleitungen wirtschaftlich sinnvoll“, sagt Maximilian Hugger, der Sprecher der Stadtwerke-Tochter Stuttgart Netze, die das Gasnetz in Stuttgart seit dem 1. Januar 2025 betreiben. Gas galt außerdem vor Putins Angriff auf die Ukraine noch als Brückentechnologie hin zur Klimaneutralität.
An der Gasleitung war der Stuttgarter nie interessiert
Nach Auskunft der Stuttgart Netze gibt es im Stammheimer Neubaugebiet insgesamt 13 Hausanschlüsse. Allerdings: „Aus der Anzahl der Hausanschlüsse lässt sich jedoch keine konkrete Zahl an Haushalten ableiten“, sagt der Sprecher Maximilian Hugger. „Hinter einem einzelnen Hausanschluss kann sich beispielsweise ein Mehrfamilienhaus oder mehrere Reihenhäuser befinden.“ So oder so: Die Zahl wirkt überschaubar.
Und gibt es das Stromnetz in Langenäcker-Wiesert her, dass hier vor allem mit Wärmepumpen geheizt wird? Ja, sagt Maximilian Hugger. „Das Stromnetz wurde so dimensioniert, dass der Einsatz von Wärmepumpen im gesamten Baugebiet problemlos möglich ist.“
Für die Gasleitung hat sich der Eigentümer Thomas Siegel nie interessiert. „Für mich war klar: Wenn wir neu bauen, dann mit Wärmepumpe.“ Sie hatten zwar im Kopf, dass sie mögliche Geräusche stören könnten, „so direkt unter dem Kinderzimmer“, sagt er. Gerade läuft sie auf Hochtouren, zu hören ist so gut wie nichts. Das gilt laut Thomas Siegel für die ganze Siedlung. Trotz der außergewöhnlichen Wärmepumpen-Dichte.
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