Wohnen in Stuttgart-Asemwald Herr Rüdel zieht dreimal ins Hochhausdorf Asemwald – der Liebe wegen

Ernst-Felix Rüdel kennt den Asemwald in Stuttgart schon seit seiner frühen Kindheit. Foto: Ferdinando Iannone/dpa/KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Ernst-Felix Rüdel ist fast so alt wie die Asemwald-Wolkenkratzer in Stuttgart. 2022 ist er das dritte Mal in Block B gezogen. Weggegangen ist er nicht jedes Mal aus freien Stücken.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Am fürchterlichsten war der erste Abschied vom Asemwald. Ernst-Felix Rüdel war neun Jahre alt, als er mit seinen Eltern von Stuttgart nach Jordanien umgezogen ist. Umziehen musste. Sein Vater, ein Kulturjournalist, hatte in der Ferne einen Job bekommen. „Ich hatte unglaubliches Heimweh“, erzählt er. Heimweh nach seinen leuchtenden Elefanten, wie er die drei Hochhäuser im Asemwald in seiner Kindersprache nannte. „Das erste Jahr war wirklich schlimm.“

 

Er vermisste den Wald, die Rollschuhbahn, den Brunnen, die tollen Gartenfeste bei Frau Christmann – einfach alles in dieser für ihn perfekten Welt. „In Jordanien haben wir in einem prächtigen Haus gewohnt“, sagt er. Das Heimweh klang ab, ging aber niemals weg. Mit dem „kleinen“ Haus konnte er nichts anfangen. „Ich fand das Große des Asemwalds von Anfang an gut“, sagt er. „Ich habe eigentlich immer mit dem Asemwald angegeben.“ Oder wer hat schon ein Schwimmbad ganz oben im Wolkenkratzer?

„Wahnsinnig intensiv“ vom Asemwald geträumt

Dann war das aber plötzlich vorbei. In der Zeit habe er „wahnsinnig intensiv“ vom Asemwald geträumt, sagt Ernst-Felix Rüdel. Was er ja als Neunjähriger ja nicht abschätzen konnte: Ob und wann er je wieder dort sein würde. Aus heutiger Perspektive, 44 Jahre später, ist es so, dass er in seinem Leben bereits dreimal in den Asemwald zurückgekommen ist. Und jetzt beim letzten Mal, um zu bleiben.

Ernst-Felix Rüdel wohnt im B-Block, dritter Stock, unter der Baumgrenze, wie man im Hochhaus-Dorf sagt. Er mag das, auch weil es im Sommer kühl bleibt. Die Wohnung hatten seine Eltern damals als Erstbezieher gekauft. Heute wohnt er wieder in seinem alten Kinderzimmer. Seine Mutter ist pflegebedürftig, und er kümmert sich.

Der Asemwald glüht. Ernst-Felix Rüdel sagt, die Wohnstadt nehme die Farbe des Wetters an. Foto: Felix Wolf/privat

Früher, als die Bäume noch niedriger waren, konnte der kleine Ernst-Felix von seinem Zimmerfenster aus sehen, ob draußen auf der hinteren Wiese gerade ein Fußball-Match läuft. Den Spielplatz gibt es nach wie vor, allerdings sind nur noch die drei Reckstangen in abgestuften Höhen übrig.

Abitur am Gymnasium in Stuttgart-Plieningen

Wie hatte er das alles vermisst – und konnte sein Glück kaum fassen, als seine Mutter und er nach drei Jahren aus Jordanien in den Asemwald zurückkehrten. Ernst-Felix Rüdel machte sein Abitur am Paracelsus-Gymnasium in Stuttgart-Plieningen und ging dann im Jahr 1992 freiwillig nach Freiburg, um dort Politikwissenschaften zu studieren.

Geträumt hat er nachts trotzdem wieder und weiterhin von Stuttgart. Vom Spielen als Bub im Wald, von all den orangefarbenen Jalousien, die die drei Hochhäuser im Sommer sprenkeln, oder von dem Meer an leuchtenden Fenstern bei Dunkelheit. „Der Asemwald ist meine Heimat.“ Keine Ghetto-Hochhaus-Siedlung, sondern ein vertikales Dorf. Man sagt „guten Tag“ und läuft nicht grußlos aneinander vorbei. Man kennt sich, trotz der 1137 Wohnungen.

2005 zog Ernst-Felix Rüdel erneut zurück, nach drei Jahren dann aber der Liebe wegen wieder weg nach Denkendorf. „Da bin ich noch mal abtrünnig geworden“, sagt er und lacht, während er auf einem Bänkchen am Springbrunnen sitzt und von erzählt, wie er hier als kleiner Junge tagelang sein Boot im Kreis hat fahren lassen. Die Liebe zu der Frau zerbrach, die zum Asemwald nicht. 2022, nach einem Zwischenstopp in Stuttgart-Möhringen, kehrte er zum dritten Mal heim.

Ernst-Felix Rüdel Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Wenn der 53-Jährige, der ungefähr so lange auf dieser Welt ist wie der Asemwald, von den Hochhäusern schwärmt, wird seine Stimme ganz sanft. „Der Asemwald nimmt zum Beispiel die Farbe des Wetters an“, sagt er. Regne es stark, werde das Hellgrau zu einem Dunkelgrau, „das sieht dramatisch aus“. Oder bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang – da glüht der Asemwald zwischenzeitlich.

Wohnung im Asemwald mit 112 Quadratmetern

Seine Mutter war Künstlerin, Ernst-Felix Rüdel arbeitet bei der Stadt Stuttgart. „Reich wird man da nicht“, sagt er. Daher kann es gut sein, dass er in seinem Leben noch einmal umziehen wird, weil die 112-Quadratmeter-Wohnung irgendwann zu groß und zu teuer wird. Aber: Umziehen würde er sehr sicher bloß innerhalb der Wohnstadt. Als Student habe er viel von der Welt gesehen, sagt er. „Ich war in halb Europa.“ Brauche er nicht mehr. Ernst-Felix Rüdel ist angekommen im Asemwald. Endlich. „Er ist und war mein Rückzugsort.“

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