Wohnen in Stuttgart Ein Stuttgarter lebt seit 34 Jahren ohne Heizung – seine Lösung ist topaktuell

Das Haus von Rainfried Rudolf war bereits in den 90er Jahren eine Sensation. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Der Stuttgarter Architekt Rainfried Rudolf baut Häuser ohne Heizung. Dabei hat er gemerkt: die können noch viel mehr. Eine Idee, von der viele träumen und die trotzdem eine Nische ist.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Rainfried Rudolf hat die misstrauischen Blicke satt. Wie sie die Zimmer absuchen nach verborgenen Heizkörpern oder gar einem Öfelchen. Nach Beweisen für Hochstapelei. Zu tief habe sich bei allen die Vorstellung eingebrannt: Im Winter wird geheizt. Er sagt: „Ich habe ein Haus ohne Heizung gebaut, und es ist bärig warm.“ In eben diesem Haus sitzt der heute 80-Jährige mit der auffällig blauen Brille im Korbsessel und knuspert eine Brezel. Seine Frau Hana Rudolf, bei der er nicht mehr wohnt, sitzt daneben barfuß in ihren Birkenstock.

 

Von außen sieht die Doppelhaushälfte, Baujahr 1937, im putzigen Wohngebiet Wolfbusch in Stuttgart völlig normal aus. Nur wer genau hinschaut, bemerkt: Hier raucht kein Schornstein, er fehlt sogar komplett. Außen liegen die Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, drinnen muss die Jacke gleich runter. An der Decke verlaufen die Rohre einer Lüftungsanlage, die das Luftvolumen im Haus per Wärmepumpe alle vier Stunden komplett austauscht. Ja, es ist warm. Trotzdem. Die beiden sagen das im Schlaf.

Nicole Mertens lebt seit 20 Jahren und damit von Anfang an in den Atrium-Häusern in Stuttgart-Wolfbusch. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Dieses Haus ohne Heizung ist keine Neuerfindung mehr, im Gegenteil. Das Architekten-Ehepaar hat das Häuschen vor bereits 34 Jahren für sich selbst saniert. Damals war das Haus auf jeden Fall eine Sensation: mindestens in Stuttgart oder sogar weit darüber hinaus. 1994 haben die Rudolfs den Umweltpreis der Stadt Stuttgart dafür erhalten.

Aktueller den je

Und obschon das alles lange her ist, passt das Haus ohne Heizung jetzt wieder bestens in die Zeit. Erst sanieren oder erst Heizung tauschen? Vor dieser Frage stehen in der Gegenwart etliche Hausbesitzer, wenn ihr Budget nicht beides gleichzeitig hergibt. Der fortschreitende Klimawandel macht den Wechsel nötig. Stuttgart will 2035 emissionsfrei werden, Deutschland erst im Jahr 2045. Laut Umweltbundesamt gehen fast 70 Prozent der CO2-Emissionen im Bereich Wohnen aufs Konto der Raumwärme. Fossile Energie wird wegen des steigenden CO2-Preises teurer. Wer heizt da noch gern zum Fenster raus?

Sanieren und heizen bedingen sich. Lassen die Wände, das Dach und die Fenster weniger Wärme entweichen, kann die Heizung kleiner und damit billiger ausfallen. Oder sogar ganz wegfallen wie bei Rainfried Rudolfs Doppelhaushälfte in Stuttgart.

Bei dieser Bilanz spricht man von Passivhaus

Erreicht haben er und seine Frau das, weil das Haus extra-dick gedämmt ist. 65 Zentimeter stark sind die Wände an den meisten Stellen. „Ist das nicht ein bisschen überzogen?“, war eine der Fragen, die von Außenstehenden andauernd kam. Rainfried Rudolfs Antwort damals wie heute: natürlich nicht.

Damit passive Wärmequellen wie Körpertemperatur oder Kochtopf ausreichen, dürfe ein Haus maximal 15 Kilowatt pro Quadratmeter und Jahr verbrauchen, erklärt Rudolf. Bei dieser Bilanz spricht man von Passivhaus. Zur Einordnung: Ein Neubau ohne Passivhaus-Standard verbraucht etwa dreimal so viel. Ganz zu schweigen von unsanierten Gebäuden, die vor der ersten Wärmeschutzverordnung 1977 gebaut wurden. In ihnen heizt man zu etwa einem Drittel ins Nichts. Damit die Wärme nicht zu großen Teilen verpufft, gibt es viel zu tun. Allein in Stuttgart gelten 200 000 von 320 000 Wohneinheiten als sanierungsbedürftig.

Dass er vor vielen Jahren gebaut hat, wovon heute viele träumen, ist für Rainfried Rudolf ehrlich gesagt ein alter Hut. Sein Eigenheim ohne Heizung war aus heutiger Sicht für ihn bloß der Anfang. „Wir haben dann nur noch Häuser ohne Heizung gebaut“, sagt er. Aber für ihn kam vor 20 Jahren etwas Wesentliches und Wichtigeres hinzu. „Die soziale Komponente.“

Um zu zeigen, was er damit meint, hat er es nicht weit. Er läuft von seinem Häuschen im Wolfbusch nur zwei Straßen weiter zu den besonderen Reihenhäusern. Dort haben er und seine Frau Hana insgesamt 20 Wohneinheiten für Familien gebaut – ohne Heizung und 25 Prozent günstiger als normal.

Seit 20 Jahren in den besonderen Häusern in Stuttgart

Nicole Mertens, selbst eine Architektin, wohnt seit 20 Jahren in einem dieser Reihenhäuser und damit von Anfang an. „Ich habe hier ein Patenkind“, erzählt sie. „Und letztes Jahr waren wir mit vier Nachbarn im Urlaub.“ Dass es zwischen ihnen so vertraut zugeht, erklärt sie sich auch mit dem Atrium.

Das Atrium ist eine Art Großwintergarten, der jeweils zehn Wohneinheiten überspannt. Nicole Mertens steht dort jetzt in ihren Pantoffeln, um sie herum: große Pflanzen, Stühle, Bänke, Spielzeug, E-Bikes. Ursprünglich war der verglaste gemeinsame Flur ein konstruktiver Trick, wie Rainfried Rudolf sagt. Um den Wärmeenergie-Verbrauch der Reihenhäuser auf den Passivhaus-Standard zu drücken. Mit der Zeit habe sich dann herausgestellt, dass diese Art von Haus noch mehr kann. „Man begegnet sich in einem zusätzlich warmen Raum, man kommuniziert, das Verständnis wächst.“ Und dann kommt sein Lieblingssatz: „Das Atrium-Haus ist eine Schule für Demokratie.“

Das Atrium ist ein Paradies

Hana und Rainfried Rudolf in ihrem Haus ohne Heizung, für das sie 1994 den Umweltpreis der Stadt Stuttgart bekommen haben. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Zwischen der Küchenzeile von Nicole Mertens und dem Atrium ist nur eine Glasscheibe, wenn sie kocht, sieht das die ganze Nachbarschaft. „Ich könnte auch Jalousien hinhängen“, sagt sie. Aber ihr macht das nichts aus, im Gegenteil. „Man kann das Atrium-Haus mehr genießen, wenn man auch mehr davon hat.“ Wenn man sich nicht völlig abschottet. Privatheit haben sie hinten raus – den Garten mit hohen Holzzäunen, das Schlafzimmer im Keller, „und wenn ich abends auf dem Sofa liege, dann mache ich schon die Tür zum Atrium zu“, sagt sie.

Der Transparenz ausgesetzt

Man könne sich „bedarfsweise zuschalten und wegschalten“, sagt Rainfried Rudolf, der neben ihr steht. Doch grundsätzlich sei man der Transparenz ausgesetzt. „Man muss sich darauf einlassen. Es sind andere Wohnerlebnisse.“ Er spricht nicht nur als Erdenker, sondern auch aus Erfahrung.

Es folgten weitere Atrium-Häuser, in Holzgerlingen und Herrenberg. Im Projekt „Stadtwerk“ in Herrenberg mit 50 Wohnungen lebt er seit zehn Jahren selbst mit seiner Partnerin Christine Sommer-Wefers und etwa 100 anderen Leuten. Zehn Prozent der Gesamtfläche sind laut Rudolf Gemeinschaftsräume. Es gibt einen Salon mit Bibliothek, ein Musikzimmer, ein Fitnessstudio und einen sehr großen Veranstaltungsraum. Und es gibt vor allem: viel Glas, durch das man durchschauen kann.

Die Jüngeren seien „sozial ängstlicher“

Rainfried Rudolf und seine Partnerin haben keinen Vorhang; wenn sie am Tisch sitzen und Kaffee trinken, ist das ein bisschen wie im Zug. Was er beobachtet hat: Die jüngeren Bewohner machen eher die Schotten dicht. „Sie sind sozial ängstlicher“, sagt Rudolf. Er geht die Galerie entlang. Eine Nachbarin verräumt gerade etwas im Schrank, woanders kann man durchs Fenster mit einem alten Mann gemeinsam Zeitung lesen. Schaut Rainfried Rudolf neugierig rein zu den anderen? „Na wenn man sich sieht, grüßt man sich, das hat sich so eingespielt.“ Es gebe mehr Sicht- und Blickkontakt. „Aus Kontakt entsteht Kommunikation, und Kommunikation ist das A und O der Demokratie.“

Besonders ab 30 Wohneinheiten werde es interessant. „Je größer die Häuser sind, desto besser funktioniert die Demokratie. Es kommen auf einmal Verhaltensweisen ins Spiel.“ Irgendwann beginne sich die Gruppe zu organisieren, zu sortieren. „Jemand nimmt das Heft in die Hand, und die anderen sind froh darum“, es entstehen Gremien – oder Zettel, auf denen zum Beispiel steht, dass Dreckschuhe bitte draußen gut geputzt werden sollen.

„Wir bürsten alles quer“

Rainfried und Hana Rudolf haben ihr Büro namens „BUENA VISTA socialarchitecture“ 2019 altershalber geschlossen. Seither macht er trotzdem weiter. Weil er für seine Idee brennt. Doch warum sind die Atriumhäuser auch nach all den Jahren eine Nische geblieben? Sein Endgegner seien die Bauträger, die aus seiner Sicht die Preise treiben. „Die brauchen wir eigentlich gar nicht.“ Der Architekt könne das auch allein. „Aber das misst man uns nicht zu.“ Für Kommunen sei es bequemer, wenn ein Großer schnell investiert, anstatt dass einer wie er erst mal fünf Jahre herumorganisiert, bis er eine Baugemeinschaft zusammen hat. „Wir bürsten alles quer.“

Weil der längst gemerkt hat, dass er gegen eine unsichtbare Wand anrennt, hat er nun auf seine älteren Tage die Strategie gewechselt. Als er von seinem Büro noch leben musste, sei er vorsichtiger gewesen, sagt er. „Jetzt kann ich frech und böse auftreten. Frechheit siegt.“ Sie haben Nico Reith, den Oberbürgermeister von Herrenberg, ins Atrium-Haus eingeladen, damit er mal live sieht, was hier anders ist. Rainfried Rudolf will jetzt insgesamt politischer werden. Wieder.

Für den Stuttgarter Architekt Berufung und Mission

Der Architekt nennt sich selbst einen Alt-68er. Als der Club of Rome Anfang der 1970er Jahre Die „Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht hatte und damit auf die sich anbahnende ökologische Krise hinwies, war der damals junge Rainfried Rudolf überzeugt: Es muss sich etwas ändern, um eine gute Zukunft auf diesem Planeten zu haben. Dafür wollte er sich auch beruflich einsetzen. „Das war für mich nicht nur Berufung, sondern Mission.“

Weitere Themen