Ingrid Herrmann, Albrecht Lannes, Elke Hirschbach-Zentner und Vanessa Holzapfel (von links) in ihrem Gemeinschaftsraum. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko, KI/Midjourney/Montage: Ruckaberle
Gleich beim Feuerbacher Bahnhof wohnen mehrere Generationen unter einem Dach. Sie bilden Stuttgarts erste Mieterbaugemeinschaft. Und: Sie suchen noch Gleichgesinnte.
An einem eisig-sonnigen Morgen laden Männer Fitnessgeräte aus einem Lkw, der vor einem Bauzaun parkt. Sie tragen die Geräte über schneebedeckten Asphalt und stellen sie auf Paletten vor einem hellen Neubau ab. Das Bild passt gut zu dem neuen Quartier am Wiener Platz gleich hinter dem Bahnhof in Stuttgart-Feuerbach: Noch ist vieles unfertig, Baustellen prägen das Bild. Doch etwas Neues ist im Entstehen und soll sich mit Leben füllen, wie hier im Fitnessstudio. Bald schon soll es voller trainierender Menschen sein.
Neben dem künftigen Fitnessstudio, nur ein paar Schritte über eine provisorische Palette und durch die Haustür der Burgenlandstraße 7, sitzen Ingrid Herrmann, Elke Hirschbach-Zentner, Vanessa Holzapfel und Albrecht Lannes an einem Tisch mit hell-gemusterter Sternen-Tischdecke. In einer Ecke des luftigen Raums ist eine kleine Küchenzeile, in der anderen eine Zeile mit Waschmaschine und Trockner. „WaschBar“ nennen sie ihren lichtdurchfluteten Gemeinschaftsraum, der gerade noch ein bisschen karg ist, für den sie aber schon eifrig Pläne schmieden.
„Cocktailabend“ und „Klavier“ steht auf Klebezetteln an der Wand. Ideen für Aktivitäten und Einrichtung. Ein Bücherregal können sie sich vorstellen, Spielenachmittage, Feste sowie Ausflüge, etwa auf die Experimenta. Und Ingrid Herrmann freut sich schon auf gemeinsames Kochen und Backen. Diesen Winter hat es nicht geklappt mit der Weihnachtsbäckerei, aber nächsten Winter, unbedingt.
Stuttgarts Erste Mieterbaugemeinschaft: Mieten und Mitbestimmen
Die vier Menschen im Alter von 26 bis 75 Jahren sind Teil von Stuttgarts erster Mieterbaugemeinschaft. Durch den Kauf von Geschäftsanteilen sind sie Mitglieder der Baugenossenschaft Neues Heim geworden. Sie waren beim Bau des barrierefreien Hauses von Anfang in den Planungsprozess eingebunden, durften mitbestimmen, wie ihre Wohnungen aussehen sollen. Sie haben lebenslanges Wohnrecht – besitzen aber selbst keinen Wohnraum, sondern wohnen zur Miete. „Das Beste aus der Idee der Baugemeinschaften wird hier mit den Stärken der Genossenschaft zu einer neuen Form des gemeinschaftlichen Wohnens entwickelt“, schreibt das Neue Heim über das Modell.
Neben den privaten Zimmern und Wohnungen gibt es einen Gemeinschaftsraum mit Küchenzeile, Waschmaschine, Trockner und eine Dachterrasse. Der Keller beherbergt neben Abteilen für die einzelnen Parteien ebenfalls geteilten Platz, für Fahrräder etwa, und einen Zugang zur Tiefgarage mit Autostellplätzen (im Schnitt 0,3 pro Wohnung) – die bisher aber niemand nutzt. „Ich habe mein Auto verkauft, nachdem ich hierhergezogen war“, erzählt Herrmann. Die Anbindung sei durch den Feuerbacher Bahnhof schließlich sehr gut.
Ingrid Herrmann in ihrem neuen Heim in Stuttgart- Feuerbach. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
Stuttgarterinnen haben innovative Wohnideen
„Wir haben schon immer gesagt, dass wir anders wohnen wollen, wenn wir mal nicht mehr arbeiten“, sagt Ingrid Herrmann und schaut Elke Hirschbach-Zentner an, die zustimmend nickt. Die beiden 67-Jährigen haben sich in den 1980er-Jahren beim Studium an der Uni Stuttgart kennengelernt und angefreundet. Herrmann studierte damals Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaften, Hirschbach-Zentner Geschichte und Philosophie.
Anders wohnen, das sollte heißen: nicht mehr anonym, sondern gemeinschaftlich und zentral in der Stadt. Nun ist ihr Traum wahr geworden. Letzten Spätsommer ist Herrmann aus ihrer Eigentumswohnung in Kornwestheim ausgezogen und Hirschbach-Zentner aus einem großen Haus in Sachsenheim.
In der Burgenlandstraße 7 haben sie nun jeweils eine Zwei-Zimmer-Wohnung bezogen. Das Haus teilen sie sich mit vier weiteren Parteien verschiedenen Alters, zu denen Paare und eine Siebener-Wohngemeinschaft mit Menschen in ihren 20ern und 30ern und ein Hund gehören.
Eine der Bewohnerinnen der Siebener-WG ist Vanessa Holzapfel. Die 26-Jährige hat zuvor in einer 13er-WG des Studierendenwerks gewohnt. Trotz der vielen Menschen sei dort wenig von Gemeinschaft zu spüren gewesen, sagt sie. „Das war eine Zweck-WG.“ Mit Grauen erinnert sie sich an wirkungslose Putzpläne. „Das verdräng’ ich lieber.“ Holzapfel beschloss mit zwei weiteren Personen aus ihrem Netzwerk, etwas Eigenes zu suchen. Sie machten sich auf die Suche nach einem Ort, an dem sie eine große WG gründen konnten, einen geschützten Raum für queere Personen, wie Holzapfel erzählt.
Als sie auf die Mieterbaugemeinschaft stießen, waren sie begeistert. „Wir haben uns getroffen und schnell gemerkt, dass das gut passt“, sagt die selbstständige Illustratorin über das erste Treffen mit Ingrid Herrmann und den anderen. Ihnen gefiel, dass sie nicht nur in ihrer Wohnung, sondern auch im Haus eine Gemeinschaft bilden würden.
Auch Ingrid Herrmann, Elke Hirschbach-Zentner und Albrecht Lannes freuen sich über den Einzug der Jüngeren. „Mich interessiert, was die jungen Leute alle so machen“, sagt Herrmann, die ehrenamtlich Menschen mit Migrationsgeschichte hilft. Rene Ruf etwa ist jüngst aus dem Auslandssemester in Singapur zurückgekommen und gerade erst in die Siebener-WG eingezogen. Herrmann, die leidenschaftlich gerne reist, freut sich schon, von der 23-Jährigen mehr über diese Zeit zu erfahren. Und Elke Hirschbach-Zentner, die einen Minijob im Kommunalarchiv Ötisheim bei Mühlacker hat, ist insgesamt interessiert an den Biografien ihrer Mitbewohnerinnen und Mitbewohner.
Die Hausgemeinschaft trifft sich ab und an zum Frühstücken oder Brunchen und einmal pro Monat zum Jour Fixe, um sich zu besprechen, sagt Albrecht Lannes. Sie haben Gruppen gegründet. Alle sollen sich entsprechend ihrer Stärken einbringen. So gibt es etwa ein Einrichtungsteam, ein Finanz- und ein Putzteam. Auch Ausflüge mit Übernachtung schweben der Gruppe vor. Die Pläne reichen dabei über das Haus hinaus. „Wir wollen das gesamte Quartier einbeziehen“, sagt Lannes. So ist es auch vom Neuen Heim geplant.
Ingrid Herrmann, Albrecht Lannes, Elke Hirschbach-Zentner und Vanessa Holzapfel (v. li.) in ihrem Gemeinschaftsraum Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
Vom Gemeinschaftsraum aus blickt man auf eine Terrasse und in einen großen Innenhof. Der Hof soll in Zukunft grün sein, ein Platz für Treffen des gesamten Quartiers. Elke Hirschbach-Zentner sieht vor ihrem inneren Auge bereits, wie die Zukunft aussehen könnte, wenn der Gemeinschaftsraum eingerichtet und noch gemütlicher ist. „Ich stell mir vor, dass ich, wenn ich heimkomme, erstmal in den Gemeinschaftsraum gehe und schaue: Wer ist da?“ Im Sommer sitzt vielleicht Vanessa Holzapfel auf der Terrasse und zeichnet – oder Ingrid Herrmann backt gerade einen Kuchen an der Küchenzeile?
Spontane Unterhaltungen und nette Gesten gibt es auch schon jetzt regelmäßig. „Erst neulich hab ich einen Mitbewohner auf dem Gang getroffen und wir haben uns übel verquatscht“, erzählt Vanessa Holzapfel. „Vier Stunden lang.“ „Wir treffen uns oft im Treppenhaus und laden uns gegenseitig auf einen Tee ein“, berichten auch die anderen. Vor Weihnachten hingen kleine Wichtelgeschenke an den Wohnungstüren. Auch Neujahrspost gab es. Einige Mitglieder der Mieterbaugemeinschaft besuchten eine Vernissage im Kunstverein Korntal-Münchingen, dem Albrecht Lannes vorsteht. Und als zwei Bewohnerinnen des Hauses fürs Studium einen Kurzfilm drehten, kam die Hausgemeinschaft selbstverständlich zur Premiere ins Kino.
Langer Weg bis zum Einzug in Stuttgart-Feuerbach
Bis zum Einzug der Gemeinschaft war es allerdings ein langer Weg. Herrmann, Hirschbach-Zentner und Lannes kennen sich von einer Veranstaltung der Gruppe 50 + am Treffpunkt Rotebühlplatz. Albrecht Lannes und seiner Frau schwebte zu dem Zeitpunkt bereits seit Jahren eine gemeinschaftliche Art des Wohnens vor. Wie Herrmann und Hirschbach-Zentner waren sie auf der Suche nach einem passenden Projekt.
2016 schlossen sie sich mit drei anderen zu einer Gruppe zusammen, schrieben erfolgreich die Baugenossenschaft Neues Heim an, die einen Teil des neuen Quartiers am Feuerbacher Bahnhof gestaltet. Baubeginn sollte eigentlich 2017 sein, bis zum Spatenstich am Wiener Platz dauerte es dann aber noch bis ins Jahr 2023.
„Das ist unser Haus“ – Gemeinschaft statt Eigentum im Wohnprojekt
An Wohneigentum hatten alle kein Interesse. „Mir ist nur wichtig, dass ich hier lebenslang bleiben darf“, sagt Ingrid Herrmann. Albrecht Lannes verweist auf den angespannten Wohnungsmarkt. Ihm gefällt, dass die Drei-Zimmer-Wohnung im Obergeschoss, in der er und seine Frau leben, irgendwann wieder für andere Mieterinnen und Mieter verfügbar sein wird. „Das ist unser Haus“, sagt Herrmann dennoch. Die anderen nicken zustimmend und wirken zufrieden. „Es hat sich vom ersten Tag an wie ein Zuhause angefühlt.“
Eine Wohnung im Haus ist noch frei, eine sogenannte Cluster-Wohnung. Darin ist Platz für drei Parteien, alle haben je zwei private Zimmer mit Bad und teilen sich einen gemeinsamen Küchen- und Wohnbereich. Die herzliche Hausgemeinschaft hofft, auch dafür noch Menschen zu finden – die wie sie Lust auf ein gemeinschaftliches Zusammenleben haben.
Mietverhältnis mit Mitbestimmung
Modell Die Mieterbaugemeinschaft ist ein Konzept, das die Baugenossenschaft Neues Heim als Mix aus den Vorteilen einer Baugemeinschaft und einer Wohngenossenschaft beschreibt. Die Mitglieder treten durch den Kauf von Geschäftsanteilen in die Baugenossenschaft ein und erhalten dafür lebenslanges Wohn- und Mitspracherecht. Sie besitzen aber keine Wohnraum, sondern zahlen Miete.
Quartier Die Industriebrache des ehemaligen Schoch-Areals am Bahnhof in Stuttgart-Feuerbach entwickelt sich derzeit zu einem urbanen Quartier mit Modellcharakter. Das Baufeld Süd wird durch Neues Heim – Die Baugenossenschaft eG, deren Tochterfirma Neues Heim – Immobilien GmbH sowie von drei Baugemeinschaften und der Mieterbaugemeinschaft Wohnen am Wiener Platz realisiert. Da das Quartier klimaneutral mit vielen neuartigen und inklusiven Wohnformen geplant wird, hat die Internationale Bauausstellung IBA 27 das Projekt ins IBA-Netz aufgenommen. Dieses Areal ist zudem das erste, das im Rahmen des Bündnisses für Wohnen der Landeshauptstadt umgesetzt wird. 104 Mietwohnungen, 13 Eigentumswohnungen und 7 Gewerbeeinheiten werden von Neues Heim realisiert. (golo/lis)
Weitere Artikel zum Thema Architektur und Wohnen finden Sie hier.