Glücklich, wer in Stuttgart nicht auf Zuteilung einer Wohnung warten muss. Foto: IMAGO/Westend61
Immer weniger bezahlbare Wohnungen, immer mehr Menschen, die darauf angewiesen sind: Beunruhigende Zahlen veröffentlicht die Stadt Stuttgart übers Wohnen. Dies sind die Fakten.
Die Lage am Stuttgarter Wohnungsmarkt ist und bleibt schwierig, das macht der jetzt vorliegende Jahresbericht der Stadt Stuttgart zum Thema Wohnen deutlich. Im Jahr 2024 wurden im Stadtgebiet nur noch 1321 Wohnungen fertiggestellt – rund 30 Prozent weniger als im Vorjahr. Und deutlich weniger als die 1800 Wohnungen, die die Stadt jährlich fertig gestellt haben will.
Nach Abzug von Wohnungsabgängen durch Abbruch oder Umnutzung ergibt sich ein aktueller Nettozuwachs von 1085 Wohnungen. Der Stuttgarter Wohnungsbestand wuchs damit lediglich um 0,3 Prozent.
Immer weniger Sozialmietwohnungen in Stuttgart
Besser wird es erst einmal nicht, Jahr 2024 wurden 961 Wohnungen genehmigt, nach 1092 Wohnungen im Vorjahr. Da die Baukosten hoch sind und es wenige freie Flächen zur Bebauung gibt, ist keine rasche Besserung zu erwarten, hat die Verwaltung recherchiert: „Es ist davon auszugehen, dass Wohnraum in Stuttgart mittel- bis langfristig knapp bleiben wird.“
Das Amt für Stadtplanung und Wohnen hat zudem ausgerechnet, dass gerade bei bezahlbaren Wohnungen die Zahlen bedenklich sinken: 1992 gab es 21 889 Sozialmietwohnungen, 2024 waren es nur noch 14 587. Die Stadt hat aktuell das Belegungsrecht für 11 849 davon, wie Alexander Pazerat, Abteilungsleiter der Abteilung Wohnungswesen bei der Stadt Stuttgart im Ausschusses für Wirtschaft und Wohnen vorrechnete. Diese Zahl ist auch gesunken – noch im Jahr 2021 lag das Belegungsrecht der Stadt bei 12 717 Wohnungen.
Man hoffe auf Besserung in Sachen bezahlbares Wohnen, Stichwort Internationale Bauausstellung IBA 27 – in Rot und in einem neuen Quartier in Feuerbach entstehen Wohnungen, auch der 200-Millionen-Euro-Zuschuss für die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft SWSG sei „gut angelegtes Geld“, wie Baubürgermeister Peter Pätzold bekräftigte.
5435 Haushalte warten auf eine Wohnung in Stuttgart
Zum Ende des vergangenen Jahres stieg zudem die Zahl der bei der Stadtverwaltung vorgemerkten Haushalte um 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Sprich: Ende 2024 standen in der entsprechenden Vormerkdatei 5435 Haushalte, 2023 waren es 4564 – also knapp 1000 mehr. Im Jahr 2014 wurden nur rund 2000 Vormerkungen verzeichnet.
Unter den 5435 Haushalten, die auf eine Wohnung warten, waren 4023 Not- und Dringlichkeitsfälle – 2023 waren das nur 3105. In den vergangenen zehn Jahren hat die Datei keinen solchen Sprung nach oben verzeichnet. Das zeigt, wie angespannt die Situation ist.
Die Verwaltung spricht in dem Zusammenhang außerdem von einer „historisch hohen Wartezeit“ für die Zuteilung einer Wohnung. Vierzehn Prozent der Haushalte bestehen aus fünf oder mehr Personen: Für 5-Personen-Haushalte beträgt die Zeit vier Jahre, bei noch größeren Haushalten sind es sogar fünf Jahre.
Wartezeit auf eine Wohnung: Fünf Jahre
Die größte Gruppe der Wohnungssuchenden sind Alleinstehende: 51 Prozent der Haushalte bestehen aus einer Person, durchschnittlich 21 Monate dauert es, bis diese Menschen eine Bleibe gefunden haben. 23 Prozent der Suchenden bestehen aus Zwei- bis Drei-Personenhaushalten, sie warten am kürzesten – ein Jahr. Zehn Prozent der Haushalte bestehen aus vier Personen, sie warten zwei Jahre.
Die Anzahl der Personen mit Wohnberechtigungsschein ist signifikant gestiegen von 5535 im Jahr 2023 auf 6642 Ende 2024 – ein Plus von 20 Prozent. Vermittelt wurden Wohnungen in 717 Fällen, 2023 waren es 628.
Für alle Mietenden in Stuttgart gilt: „Knapp jeder fünfte Miethaushalt in Stuttgart muss mehr als 40 Prozent seines verfügbaren Nettoeinkommens für die Miete aufwenden und gilt damit als überbelastet.“ Das dieser Anteil sich in den vergangenen vier Jahren zumindest nicht weiter erhöht hat, dürfte für die Betroffenen kein wirklicher Trost sein.
Wie der Misere abzuhelfen sei, dazu gab es diverse Vorschläge und Fragen. Einig war der Rat, dass Verkäufe von städtischen Mehrfamilienhäusern in der Vergangenheit ein Fehler war – eine Anspielung an den Verkauf von 21500 Wohnungen an den Finanzinvestor Augsburger Patrizia AG im Jahre 2012.
Freie Flächen bebauen
„Wir haben in der Politik nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen“, sagte Stefan Conzelmann (SPD). Er plädierte dafür, bei Wohnbebauung auf städtischen Grundstücken auch über Objekte mit 100 Prozent geförderte Wohnraum zu denken, man müsse keine Sorge wegen der Quartiersdurchmischung haben: „Ich bin sicher, wir würden keine Ghettos bauen“, sagte er. Und es reiche auch nicht, nur auf das Rosensteinquartier allein zu hoffen. „Wir müssen in der Diskussion über Flächen sprechen“, sagte er. „Stadtklimatologisch unbedenkliche Flächen“ gelte es zu bebauen.
Innovative Wohnprojekte gefordert
Alexander Kotz (CDU) stellte fest, er höre immer wieder, man baue lieber außerhalb der Gemarkungsgrenze Stuttgarts und wie es mit dem Baurechtsamt und den Verbesserungen in Sachen Baugenehmigungserteilung stehe. Thorsten Puttenat (Stadtisten) schlug die Förderung von innovativen Wohnkonzepten wie Clusterwohnungen vor.
Peter Pätzold, Stuttgarts Bürgermeister für Städtebau, Wohnen und Umwelt, plädierte eindringlich dafür, das Rosensteinquartier „unbedingt umzusetzen“, damit bezahlbarer und mindestens 50 Prozent geförderter Wohnraum geschaffen werden könne, und gemahnte mit Hinweis etwa auf die Diskussion um die Wohnraumschaffung beispielsweise im Eiermann Areal, die schönste Planung bringe nichts, wenn nicht gebaut werde.
Info
Wohnbedarf Wie sich die Stuttgarter Bevölkerung bis zum Jahr 2040 entwickeln könnte, zeigt die Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Amts. Demnach die Bevölkerung in Stuttgart bis 2040 in der mittleren Variante um 1,6 Prozent wachsen, in der oberen Zuzugsvariante sogar um 4,1 Prozent. Die untere Variante hingegen geht von einem Rückgang um 1,3 Prozent aus. „Daraus ergibt sich für den Zeitraum 2025 bis 2035 ein durchschnittlicher jährlicher Neubaubedarf von rund 1100 Wohnungen in der konservativsten und von etwa 2000 Wohnungen in der progressivsten Variante“, ist im Wohnbericht der Stadt Stuttgart zu entnehmen.