Das Quartier am Rotweg soll neu gestaltet werden – hier das Fotos eine Modells. Damit ein für die Zukunft tragbarer Stadtraum entstehen kann, sollte man sich auch mit der Geschichte des Viertels beschäftigen. Foto: /Victor S. Brigola
Der Stadtteil Stuttgart-Rot soll zwei neue Quartiere erhalten: eine Chance, aber auch eine Gefahr. Ein Rundgang durch den Stadtteil Rot im Jahr 2023 – und ein Jahr später. Was hat sich in der Zwischenzeit getan?
Ein Ort, ein Wunsch, viele Studenten. Das war im Jahr 2023 die Ausgangslage. Konkret gesprochen: Im Garten des Immanuel-Grözinger-Hauses, einem Hochhaus, das ein Wohnheim für Männer in Stuttgart-Rot ist, sollte ein Gewächshaus entstehen. Aus dem Wunsch der Bewohner wurde ein Plan: In Anbetracht des Ortes, also dem Garten, sollte ein organisches Gewächshaus entstehen, das runde und weiche Formen hat statt scharfer Kanten.
Die Materialien wurden einfach gehalten, nur Baulatten und Folie kamen zum Einsatz. Auch die Art und Weise, wie das Gewächshaus zustande gekommen ist, ist von Bedeutung, denn es ist nicht von einer Hand, sondern von verschiedenen Studenten der Hochschule für Technik Stuttgart erbaut worden. Diese konstruierten zunächst in kleinen Teams verschiedene Teilstücke.
Die Vorgabe: diese mussten in die U-Bahn passen. Vor Ort erst wurden die Stücke zusammengesetzt und ergaben dann zusammen das große Ganze. Das Ergebnis ist so schlicht wie eindrücklich: Schlicht in seiner Funktion und den Materialien, aus denen es besteht, eindrücklich durch seine markante Form.
Warum diese Geschichte? Weil sich an ihrem Beispiel vielleicht am besten zeigt, wie man ein neues Quartier planen und bauen sollte, das lebendig ist und funktioniert, wie man so sagt: Nie losgelöst von dem Ort, an dem es entsteht und nicht als unbezahlbares Prestigeobjekt.
In Rot entstehen derzeit gleich zwei neue Quartiere, die gleichfalls beide Projekte der Internationalen Bauausstellung 2027 in Stuttgart (IBA) sind: Das Quartier am Rotweg und das Quartier Böckinger Straße. Eine Chance für Rot mit seinen rund 10 500 Einwohnern, das ein fast reines Wohngebiet ist und von großen Wohnhäusereinheiten im Besitz von großen Baugenossenschaften dominiert wird.
Aber auch eine Gefahr. Denn Menschen lassen sich nicht einfach verpflanzen, sie sind mit dem Altbekannten verwurzelt. Damit sie das Neue akzeptieren, braucht es ein Verständnis für und ein Wissen um die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner.
Und eine kluge Überführung dieser in eine architektonische Form, die zeitgemäß ist, aber nicht abschreckend, ein Heim bietet, aber nicht zu heimelig ist, sondern auch offen und großzügig. Schlicht ein Zuhause – nicht nur in einer Wohnung, sondern in einem Quartier, einem Stadtteil. „Wir vermieten hier keine Wohnungen, wir vermieten wohnen“, sagt denn auch Martin Gebler, Leiter strategische Quartierentwicklung bei der Baugenossenschaft Neues Heim.
Noch heute hat Rot einen Migrationsanteil von 65 Prozent
Um Rot zukunftsfähig zu machen, muss man zudem seine Vergangenheit kennen, erklärt Grazyna Adamczyk-Arns, Projektleiterin der IBA, die sowohl 2023 als auch 2024 durch Rot führt. Der Stuttgarter Stadtteil Rot ist in den Nachkriegsjahren aufgesiedelt worden, um Flüchtlingen und Heimkehrern schnell und preiswert Wohnraum zur Verfügung zu stellen. 1949 waren rund 35 Prozent aller Wohnungen in Stuttgart zerstört, und es wurden bisherige landwirtschaftliche Flächen für die Wohnbebauung genutzt.
So entstand bis 1960 für 15 000 Menschen in Rot neuer Wohnraum, größtenteils in den für Rot noch heute typischen vier- bis fünfgeschossigen Wohnblocks. Diese Entstehungsgeschichte prägt den Stadtteil und die Menschen in Rot noch heute.
Denn noch heute hat Rot einen Migrationsanteil von 65 Prozent, sagt Gebler. Er ist auch zuständig für das neue Quartier am Rotweg – die Neues Heim zusammen mit der Baugenossenschaft Zuffenhausen eG (BGZ) entwickelt. Durch das Projekt, bei welchem 230 Wohneinheiten in unterschiedlichen Wohnungstypen entstehen werden, soll gezeigt werden, wie Nachkriegsquartiere generationengerecht weiterentwickelt werden können. „Wir müssen im Kopf behalten, wer in diesem neuen Quartier wohnen wird“, sagt Gebler, „hier gibt es nicht nur bauliche Herausforderungen, sondern auch soziale“.
Im Sommer 2023 standen die alten Wohnblocks noch, die im Herbst dann abgerissen wurden, da der alte Baumbestand als erhaltenswerter als die Gebäude eingestuft worden war. Die letzten Mieter waren bereits im Herbst 2022 ausgezogen, nachdem die Baugenossenschaften mit jedem einzelnen Bewohner ins Gespräch gegangen waren, um eine passende neue Wohnung zu finden – etliche seien in einen der Neubauten der Baugenossenschaften gezogen.
Leicht war der Abschied jedoch längst nicht jedem gefallen, denn das Fundament der Häuser war von ihnen noch teilweise von Hand mit der Schaufel ausgehoben worden – „da ist das Haus zum Lebensinhalt geworden“, sagt Gebler.
Das Immanuel-Grözinger-Haus, ein Männerwohnheim, soll in das Quartier Böckinger Straße integriert werden. Foto: Zophia Ewska/Zophia Ewska
Die Frage war also: Wie geht man damit um? Ignorieren? Nein. Sondern zum Thema einer Ausstellung machen: Studenten der Hochschule für Technik Stuttgart (HFT) sprachen mit den Bewohnern. Danach bedruckten sie Bettlaken mit Schwarz-Weiß-Fotos vom Baracken-Notlager „Schlotwiese“: Niedrige, strohgedeckte Hütten, in denen in der frühen Nachkriegszeit die Geflüchteten aus der Batschka, einer Region zwischen Serbien und Ungarn, untergekommen sind. Sie haben 1948 die Genossenschaft Neues Heim gegründet, die dann die Siedlung gebaut hat, zusammen mit der Baugenossenschaft Zuffenhausen.
Entstehen sollen zehn Gebäude aus Holz-, Holzhybrid- und Recyclingmaterialien
Auf die Fassaden der auf den Abriss wartenden Häuser schrieben die Studenten Zitate der Erstbewohner. So stand etwa: „Die Not schmiedete uns Schlotwieser zu einer einzigen großen Familie zusammen“ an einer Hauswand, „Hier fanden die Ersten von uns ihr neues Heim“ an einer anderen. Zudem gab es eine temporäre Laborbühne – ein Raum für Kommunikation –, die neuen Wohnungen wurden in 1:1-Modellen nachgebaut.
„Das was in der Planung wichtig ist, wird hier komprimiert dargestellt“, sagte Gebler damals. Es kam zu einer Beteiligungskultur, bei der Interessierte sich einbringen konnten, auch etwa mit kreativen Ideen zur Zwischennutzung. Denn die Wohnungen sollten nicht leer stehen – so zogen vorübergehend etwa Flüchtlinge und Pflegekräfte ein. Proteste gegen den Abriss einzelner Anwohner gab es freilich dennoch.
Ein Jahr später, im Frühsommer 2024, klafft an der Stelle eine Baugrube. Entstehen sollen zwischen der Rotweg, Fleiner Straße sowie Schozacher Straße zehn Gebäude aus Holz-, Holzhybrid- und Recyclingmaterialien, die sich locker um eine Gemeinschaftswiese und zwischen den Altbestand an Bäumen gruppieren.
Vorgelagerte, verbindende Laubengänge sollen als Orte der täglichen Begegnung ein ungezwungenes, gemeinschaftliches Zusammenleben fördern. Den Rahmen geben die drei Siegerentwürfe des städtebaulichen Wettbewerbs vor: „Wir haben diese drei unabhängigen Büros verpflichtet zusammenzuarbeiten“, sagt Gebler.
Diese Büros, das sind ISSS research, architecture, urbanism aus Berlin, EMT Architektenpartnerschaft, Eckert Tagwerker Bauhofer aus Stuttgart mit Jetter Landschaftsarchitekten, ebenfalls aus Stuttgart, sowie StutdioVlayStreeruwitz mit rajek barosch landschaftsarchitektur aus Österreich. „Diese Zwangsheirat funktioniert gut“, sagt Gebler, „Gemeinsames, das entsteht, ist viel besser, als was von einem alleinekommen könnte – auch wenn der Prozess anstrengender ist.“
Vom Rotweg und dem Bauloch geht es weiter, quasi zum Anfang dieser Geschichte, nämlich zur Böckinger Straße, wo auch das Immanuel-Grözinger-Haus steht. Das Wohnheim für alleinstehende Männer in sozialen Schwierigkeiten wird nebst Gemeinschaftsgarten von der Evangelischen Gesellschaft (eva) betrieben.
So soll es im Quartier Böckinger Straße einmal aussehen . Foto: IBA’27/HildundK, München | Berlin
Das 1967 errichtete Hochhaus liegt am westlichen Rand einer ehemals landwirtschaftlich genutzten Fläche in Stuttgart-Rot. Nun soll es – und somit auch seine Bewohner – Teil eines sozial durchmischten Stadtquartiers mit über 400 Wohnungen werden, denn auf einem Teil des Gemeinschaftsgartens sowie auf der brachliegenden Fläche soll das Quartier Böckinger Straße entstehen.
Bisher liegt die Fläche aber noch genauso brach wie vor einem Jahr
Die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft mbH (SWSG) plant das Quartier zusammen mit der eva als zusammen mit der IBA’27-Projekt, auf 5,5 Hektar soll es Raum für etwa 750 Bewohnerinnen und Bewohner geben. Auf dem abschüssigen Gelände mit einem Gefälle von zwölf Metern sollen künftig kleinere Gebäude an der Böckinger Straße mit gegenüberliegenden größeren Wohnblocks einen verkehrsfreien, gemeinschaftlichen Raum bilden, wo ein Netz aus Wegen, Grünflächen und Plätzen die nahen Kleingartenstrukturen aufnimmt. Die Planung stammt von Hild und K aus München und Berlin sowie vom Studio Vulkan.
Insgesamt sind zehn Wohngebäude geplant, zudem soll es eine Kita geben, ein Stadtteilhaus und auch das IBA’27-Haus als Experimentierfeld für neue Bau- und Wohnformen soll hier entstehen.
Bisher liegt die Fläche aber noch genauso brach wie vor einem Jahr. Dem Auge nach hat sich nichts getan, obschon die Bauausstellung bereits in drei Jahren stattfinden soll. „Das stimmt so nicht“, sagt Timo Bakowies, Projektleitung Baumanagement bei der SWSG. „Unsere Planungen sind sehr wohl vorangeschritten, wir haben Artenschutzmaßnahmen getroffen, der Bebauungsplan wurde eingereicht und wir haben die Zeit genutzt, um mit den Behörden Vorgespräche zu führen – Ende des Jahres 2024 wollen wir mit der Baugrube starten“, sagt er. Man hoffe, dass bis im Jahr 2027 „etwas zu sehen sein wird“.
Grazyna Adamczyk-Arns sieht die beiden neuen Quartiere als neue Chance für Rot. „Schon jetzt ist Stadtteil einer, in dem die Menschen gerne leben: Er ist gut angebunden, es gibt viel Grün drumherum, eine gute Versorgung und es gibt viele Wohnangebote in allen Facetten“, sagt sie.
Von den Anwohnern höre man deshalb „einmal Rot, immer Rot“. Die neuen Quartiere sollen einen fruchtbaren Boden dafür bieten, dass die alteingesessenen Bewohner das weiterhin sagen – und die neu hinzukommenden ebenfalls zu dieser Überzeugung gelangen.