Wohnen in Stuttgart Stilvolle Bauhaus-Villa mit Weitsicht

Architekt Matthias Ludwig hat das Wohnhaus von Clemens Hummel für den Stuttgarter Grafiker Burkhard Finken saniert und das Dach ausgebaut. Foto: Büro für Architektur/Valentin Wormbs

Die Villa Hummel auf der Stuttgarter Halbhöhe ist feinste Bauhaus-Architektur. Um das Haus von 1931 weiterleben zu lassen, hat der Architekt Matthias Ludwig das Gebäude behutsam umgebaut – mitsamt spektakulärer Dachterrasse. Ein Besuch.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Viele Spaziergänge waren zu unternehmen in der Zeit, als alle Museen, Restaurants und Theater geschlossen waren, Stadtviertel zu erkunden, in denen man sonst nie unterwegs war.

 

Wer dieses Hobby nach Corona beibehält, ist vielleicht einmal im Stuttgarter Osten in der Richard-Wagner-Straße unterwegs. Zwischen all den alten und neuen Villen fällt ein Haus am Steilhang auf: Flachdach, Würfelform, Terrasse, interessante Farbgebung mit braunem Putz und rostroten Klappläden, umsäumt von Kiefern.

Geradlinig schön. Das Haus von 1931 erhielt einen neue Fassadenfarbe. Foto: Valentin Wormbs/Büro für Architektur

Wem das wohl gehört? Auf der Denkmalschutzliste ist es nicht zu finden, aber dafür auf der Homepage von Antje Krauters und Matthias Ludwigs Büro für Architektur. Man stößt darauf, wenn man im Internet zu dem Architekten Clemens Hummel recherchiert.

Das Büro Hummel & Förstner hat um 1900 auf den Halbhöhen der Stadt mehrere Villen im verschnörkelt historistischen Stil entworfen, aber eben auch Jahrzehnte später 1931 dieses der Bauhaus-Architektur verpflichtete Flachdachhaus – womöglich inspiriert von den Bauten der Weißenhofsiedlung. Das Stuttgarter Büro für Architektur hat Jahrzehnte später das weitgehend im Originalzustand erhaltene Gebäude behutsam saniert.

Stilsichere Gestaltung

Der Architekt Clemens Hummel (1869-1938) lebte bis zu seinem Tode dort, danach bewohnten es seine beiden Töchter. Inzwischen heißt es Finken – nach seinem neuen Eigentümer Burkhard Finken und seiner Familie. Er öffnet die Eingangstür, nachdem man die sich slalomartig hinaufwindenden Natursteinplatten-Treppenstufen erklommen hat, und führt gemeinsam mit dem Architekten Matthias Ludwig durchs Haus.

Im Entree liegen noch die alten Solnhofer Platten, „der schwäbische Marmor“, wie Burkhard Finken lächelnd sagt. Der gelbliche Ton der Natursteine könnte altbacken wirken, doch die im warmen Graugrün gestrichenen Wände werten das Material auf. Von all den Bildern und Illustrationen – und dem Schlagzeug in der Ecke –, die aus dem Eingangsbereich eine Kunstinstallation machen, einmal ganz abgesehen.

Schonender Umgang mit dem Bestand

Der Bauherr ist Grafikdesigner, die stilsichere Gestaltung und das Farbkonzept stammen von ihm. Das Gebäude war vorher lachsfarben gestrichen, hatte aber schon die roten Läden. „Also musste man eine Farbe finden, die dazu passt“, sagt Burkhard Finken. „Weiß war mir zu fad und mit dem Braunton wirkt es weniger wuchtig, freundlicher.“

Über seinen Büropartner Matthias Bumiller kam der Kontakt zum Architekten, beide waren in den 1990ern Stipendiaten der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart, die beiden Grafiker und der Architekt arbeiten auch immer wieder gemeinsam an Projekten wie Ausstellungsdesign.

Der Fußbodenbelag und die geschwungene Eichenholztreppe durften bleiben, bauliche Veränderungen finden sichert im rückwärts gelegenen Teil neben der Küche. „Wir wollten so schonend wie möglich mit dem Bestand umgehen“, sagt der Architekt.

Bauhaus – aber nicht radikal

So modern das Haus trotz seiner bald 100 Jahre wirkt, Altherrschaftliches wie einen Lieferanteneingang (und Dienstbotenkammer) hatte Hummel durchaus noch eingeplant. „Clemens Hummel hat sich zwar von der modernen Architektur der 20er Jahre ganz offensichtlich begeistern lassen“, sagt Matthias Ludwig, „aber das Haus ist nicht so radikal in seiner Konzeption wie etwa die Wohnbeispiele von Pieter Oud oder Le Corbusier in der Weißenhofsiedlung.“

An der Stelle des einstigen Eingangs für die Lieferanten befindet sich nun ein Badezimmer, in das sogar eine kleine Wanne passt. In der Küche nebenan sind in der zugemauerten Tür Regalböden eingepasst. Sie beherbergen eine Sammlung von farbigen, gestreiften, getupften Boules,wie man sie in Frankreich zum Frühstückskaffee verwendet und die von der Frankophilie der Hausbewohner ein hübsches Zeugnis geben.

„Wir konnten auch die alten quadratischen Küchenfliesen erhalten, an manchen Stellen musste aber ausgebessert werden“, sagt Matthias Ludwig, „dazu haben wir ziemlich lange nach passenden Exemplaren gesucht und wurden in den Niederlanden bei der Herstellerfirma, die die auch originalen Fliesen produziert hat, fündig.“

Überdachte Terrasse

Die Küchenzeile mit Edelstahlplatte – „ich koche gern und wünschte mir eine robuste Arbeitsoberfläche“, sagt Burkhard Finken – ist eine schicke Mischung aus Schreinerarbeit, Maßentwurf und Ikea.

Vom Ess- und Wohnbereich mit altem Parkett geht’s hinaus zur überdachten Terrasse mit Glas-Metall-Verstrebungen, sodass man auch bei Regen draußen sitzen kann. Es wurden außerdem noch weitere bodentiefe Fenster eingebaut, „um das offene, naturnahe Wohnen noch stärker zu betonen“, sagt der Architekt. Das Credo der Bauhaus-Architekten, die Menschen mögen mit viel Licht, Luft und Sonne ein gesundes Leben führen, hatte der Architekt Hummel mit gleich mehreren freiluftgymnastiktauglichen Terrassen befolgt.

Der Garten mit den vielen Kiefern bietet viel Platz zum Sitzen und Liegen, der Kater Karl Heinz ist auch da und streicht die Stützmauer entlang. „Diese Magerbetonwand aus Kies und wenig Zement – Zement war damals teuer- konnte erhalten und ertüchtigt werden“, berichtet der Architekt. „Der Vorteil ist, das sie wasserdurchlässig ist. Und da sie so lang ist, drückt der Berg zwar dagegen, aber die Masse fängt es aus und hält“. Den Wilden Wein wird Hummel als Erinnerung daran gepflanzt haben, dass an der Stelle einst Weinreben standen.

Auffällig im Essbereich ist ein reich verziertes Buffetmöbel. Das würde eher in ein Schloss passen als in dieses dem geradlinigen Bauhaus verpflichteten Gebäude, und es bildet einen aparten Kontrast zu den Midcentury-Eames-Stühlen. „Das Buffet hat Clemens Hummel entworfen. Den Erben, die uns das Haus verkauft haben, war es wichtig, dass wir es erhalten“, sagt Finken. „Denn es war wohl ein wichtiges Möbel für ihn und sie berichteten, Hummel habe das Haus schier um das Möbelstück herum entworfen.“

Ein Büro in den ehemaligen Schlafräumen

Der Bauherr, der „die Atmosphäre alter Gebäude mag“ – und das Objekt ganz klassisch als Angebot einer Bank entdeckte, hatte innerhalb von zwei Tagen Ja zum gestrichenen Haus gesagt. Auch der Architekt hatte es als „absolut gesund und solide gebaut“ eingeschätzt.

Und Finken hat auch das Buffet behalten. Nur der dazu passende ausziehbare, mächtig große Tisch musste weichen, weil es sonst doch sehr nach konservativem Trutz ausgeschaut hätte. Er dient jetzt ein Stockwerk weiter oben als Arbeitstisch für Besprechungen.

Burkhard Finken und Matthias Bumiller haben in dem Haus im ersten Stock ihr Grafik-Design-Büro Finken & Bumiller. Weshalb es einen extra Eingang gibt – über eine Art Brücke gelangt man vom Grundstück auf der rückwärtigen Hausseite ins Büro.

Die Zimmer nach vorne, eines mit winzigem Stehbalkon, einer Kanzel gleich, gehörten den Hummel-Töchtern. Der zur seitlichen Gartenseite gehende Raum war Hummels Schlafzimmer– luxuriös mit angrenzendem Bad (jetzt die Büroküche) und großer Terrasse, die sich über dem Erdgeschoss-Wintergarten befindet.

Garten und Terrasse sind schon einmal herrliche Plätze zum Entspannen mit Sicht auf den Bopser und die Innenstadt. Doch Burkhard Finkens Lieblingsfreisitz findet sich woanders. Dafür geht es noch einen Stock weiter nach oben. Der Architekt hat bravourös umgebaut.

Die Arbeiten dauerten ein gutes halbes Jahr, dabei wurde das Dach neu gedeckt und mit Solarpanels belegt, von innen gedämmt, „damit die Proportionen des Hauses erhalten bleiben“, sagen Architekt und Bauherr unisono. Die offene Balkendecke lässt den Raum optisch höher wirken.

Die einstige Bühne fürs Wäscheaufhängen und das Dienstmädchenzimmer wurden zu einem Rückzugsort mit Schlafzimmer und Bad umgebaut – acht Männer hievten dafür eigens die alte Gusseisen-Wanne aus Hummels Bad aus dem ersten Stock nach oben. Ziemlich schwer, aber „der Vorteil ist, dass das Wasser sehr lange warm bleibt“, sagt Burkhard Finken – nachhaltig ist es obendrein, so viel Altes so lange wie möglich zu behalten.

Blick auf den Fernsehturm

Die vordere Front ist bodentief verglast und komplett zu öffnen, statt Waschbetonplatten finden sich am Boden jetzt wohnlicher ausschauende Holzdielen. Ob Clemens Hummel dort öfter saß und auf die Stadt hinunterblickte, in der damals sehr viel mehr gebaut wurde als in diesen Zeiten? Womöglich, heute ist es Burkhard Finkens Lieblingsplatz. „Ich genieße die Aussicht.“ Auf Stadt, Wald und Fernsehturm blicken – fehlt nur noch ein Seeblick.

Aber fürs mediterrane Feeling sorgen immerhin die Kiefern, die das Haus beschatten und die architekturaffinen Stadtflaneuren im Stuttgarter Osten ein hervorragendes Fotomotiv bieten. Ein Ensemble, das zeigt, wie auch ein fast 100 Jahre alter Beitrag zur Baukultur das Alltagsleben der Menschen heute noch bereichert.

Info

Hummel & Förstner
Der Architekt Clemens Hummel (1869-1938) führte gemeinsam mit seinem Studienkollegen Ernst Förstner (1891-1914) das Büro Hummel & Förstner in Stuttgart. Clemens Hummel war seit 1907 Architektur-Professor der TH Stuttgart.

Bauten
Im Jahr 1900 hatte Hummel in Stuttgart das Verbindungshaus der Burschenschaft „Alemannia“, deren Mitglied er seit seiner Studentenzeit war, in Formen einer kleinen neugotischen Burg mit Erkern, Staffelgiebel und Turm ausgeführt. Von der Heilanstalt Kennenburg oberhalb von Esslingen (errichtet 1913/14) ist nur noch ein Brunnen im Park erhalten. Die Architekten entwarfen zudem viele Mehrfamilienhäuser und Villen (unter anderem in der Stafflenbergstraße, der Sonnenbergstraße und im Herdweg). Hummel entwarf später auch die Herz Jesu Kirche (1920) im Stuttgarter Osten und die Kirche St. Fidelis (1925 erbaut und 1945 von Rudolf Schwarz umgestaltet).

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