Anders lässt sich nicht erklären, dass Millionen Menschen im Alter allein in großen Häusern leben. Nicht jeder hat außerdem eine Rente, die aufwändige Umbauten eines Hauses in zwei Wohnungen erlaubt. Flexible Wohnformen sind gefragt, praktische Grundrisse.
Ausgezeichnetes Wohnhaus
Wie so etwas aussehen kann, zeigen die Stuttgarter Architekten VON M, die sich mit preisgekrönten Sanierungen und Neubauten wie dem Hölderlinhaus in Lauffen am Neckar und dem vielfach ausgezeichneten CO2-neutralen Hotelbau in Ludwigsburg einen Namen gemacht haben.
VON M Architekten Geschäftsführer Dennis Mueller und seine Partnerin Márcia Nunes haben ein Haus für zwei Familien als Nachverdichtungsprojekt in der Stadt geplant. Ihre Idee war, ein Haus als robuste industriell vorgefertigte Hülle zu begreifen und Raum zu schaffen, der sich an die jeweilige Lebenssituation der Bewohner anpassen lässt.
Und weil Architekten auch für die unwirtlichsten Orte Ideen für eine Bebauung entwickeln können, kauften sie ein knapp dreihundert Quadratmeter kleines Restgrundstück, das mit sechs Garagen bebaut war und das keiner wollte.
Für diese weitsichtige Planung und für die Nachverdichtung mitten in der Stadt hat das Projekt soeben auch noch einen Preis – „Beispielhaftes Bauen 2023“ der Architektenkammer Baden-Württemberg erhalten.
Ein Restgrundstück in Stuttgart
Möglich wurde der Kauf nur, da offenbar niemand eine Verwendungsidee für das Grundstück mit knapp 45 Grad Neigung hatte. Abschreckend für viele war sicher auch, dass unter dem Grundstück eine Abwasserleitung der Stadt verläuft und eine Treppe neben dem Haus neu gebaut werden musste.
Die Leitung liegt jetzt neben den Häusern unter der Staffel, auf städtischen Boden. Das hat die Planungen komplizierter gemacht, berichtet der Architekt Dennis Mueller. „Doch die Stadt war sehr kooperativ und hat glücklicherweise die Hälfte der Kosten übernommen.“
Am Fuße einer Straße neben Wohnhäusern in sehr heterogenen Stilen macht ihr skulpturales und in der Vorderansicht in der Form an ein großes M erinnerndes Doppelhaus mit je 140 Quadratmetern jetzt seit 2021 den Anfang. Beton war das Material der Wahl wegen der extremen Hanglage – das linke Gebäude ist im Nordwesten mit drei von vier Geschossen erdberührt.
Industrieller Schick des Hauses
Im Inneren setzt sich die Materialwahl fort, hier wurde mit günstigen Betonfertigteilen, acht auf drei Meter, gearbeitet und lediglich maschinell geglättet. „Die Ästhetik sollte roh bleiben“, sagt Márcia Nunes, „der Estrich ebenfalls.“ Das Treppengeländer aus Stahlgitter verstärkt den industriellen Schick. Nunes: „Farbe kommt durch die Bewohner und Möbel ins Haus.“
Holzständerwände mit einer Bekleidung aus Weißtanne sorgen überdies für Wohnlichkeit. Die befreundeten Nachbarn in dem Nachbarhaus wiederum haben sich auch beim Boden für Holz – einen Eichenparkettboden – entschieden.
Zur Diskussion um Beton als Baustoff sagt der Architekt: „Letztendlich entscheidet aber nicht nur das eingesetzte Material darüber, ob ein Gebäude nachhaltig ist oder nicht. Das Schlimmste beim Bauen ist, dass Gebäude nach 30 bis 40 Jahren abgerissen werden. Wenn ein Haus hundert oder zweihundert Jahre steht, ist das auf jeden Fall nachhaltig. Auch die Struktur eines Hauses ist ein wesentlicher Faktor. Eine strukturelle Nutzungsoffenheit und damit die Möglichkeit, Grundrisse und Räume anzupassen, führt definitiv zu einer längeren Lebensdauer von Gebäude.“
Spätere Umnutzung schon mitgedacht
Der Architekt, der an der Peter Behrens School of Arts (PBSA) in Düsseldorf eine Professur für Baukonstruktion und Entwerfen hat, setzt sich fürs Bauen im Bestand ein, weiß aber auch, dass Abriss und Neubau oft billiger kommt als Umbauen und Sanieren. Er fordert politische Lösungen, finanzielle Anreize: „Es müsste gesetzlich festgeschrieben werden, dass für einen unnötigen Abbruch Gebühren verlangt werden.“
Bei seinem Entwurf hat er viel dafür getan, dass das Gebäude gut umnutzbar ist: „Das Haus ist kein Maßanzug“. Jederzeit könnte ein Aufzug eingebaut werden. Und schon jetzt ist das Erdgeschoss Einliegerwohnungs-tauglich, „es könnte ja sein, dass wir später einmal unsere Eltern zu uns holen wollen“, sagt Márcia Nunes. Auch die anderen Stockwerke sind offen für Umnutzung.
„Flexible Strukturen mitdenken heißt auch, dass alle Zimmer ungefähr gleich groß sind“. So wäre das Haus überdies als WG, für Mikroapartments und Büros geeignet. Dazu schufen Nunes und Mueller ein kreuzförmiges Grundrissschema mit Leichtbauwänden, die räumliche Veränderungen leicht möglich machen.
Komfortverzicht für mehr Flexibilität
Um genügend Stauraum zu bekommen, fungiert manche Wand zugleich als Schrank. Und damit die Räume wirklich leicht trennbar sind, haben die Bewohner auf Komfort verzichtet, Lichtschalter wurden nicht immer direkt neben der Eingangstür angebracht, sondern da, wo die tragenden Wände sind und das ist zuweilen eben die äußere Wand.
In dem ans Schlafzimmer angrenzenden kleinen Badezimmer findet sich ein rundes Fenster – eine gute Entscheidung in Sachen Raumqualität, findet auch der Nachwuchs, wie der Architekt sagt, „es ist der Lieblingsplatz unseres Kindes“. Einer der Lieblingsplätze der erwachsenen Bewohner ist ganz oben, eine kleine Dachterrasse für die Aussicht auf schöne Sonnenuntergänge.