Wohnen in Tübingen Geflüchtete und Penthouse-Bewohner unter einem Dach
Das „Haus am Park“ der Tübinger Baugruppe Wolle+ belegt: Wohnen ist ein entscheidender Integrationsfaktor. Die qualitätvolle Architektur hat daran einen großen Anteil.
Das „Haus am Park“ der Tübinger Baugruppe Wolle+ belegt: Wohnen ist ein entscheidender Integrationsfaktor. Die qualitätvolle Architektur hat daran einen großen Anteil.
Tübingen - Die klare Geometrie des Baukörpers, der puristische Beton, die Traumlage direkt am Neckar: Alles an dem Wohnungsbau nahe dem Tübinger Stauwehr strahlt Hochwertigkeit aus. Im Innern bestechen die Wohnungen mit bodentiefen Fenstern in allen Räumen, Eichenstabparkett und ausladenden Balkonen. Ein Hauch von Luxus vermittelt auch der Name: „Haus am Park“. Auf dem freien, auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Wohnungsmarkt ist das Objekt indes nicht zu finden. Die private Baugemeinschaft Wolle+ hat das Wohngebäude nur wenige Gehminuten vom Zentrum der Unistadt entfernt in Eigenregie und in enger Kooperation mit der Stadt Tübingen errichtet.
So reduziert der Bau formal daherkommt, so bunt ist die Bewohnerschaft. Wolle ist die Abkürzung von „Wohnen für alle“ – und das „Haus am Park“ ein integratives Wohnprojekt: 49 Menschen leben unter einem Dach, und ihre geografische Herkunft, ihre sozialen Milieus sind höchst unterschiedlich.
Im Erdgeschoss wohnen drei ehemals unbegleitete geflüchtete Minderjährige in drei Mikroapartments, dazu kommt ein Studentenapartment. Die sieben Wohnungen im ersten und zweiten Geschoss, zwischen 44 und 102 Quadratmeter groß, sind das neue Zuhause von Geflüchteten und ihren Familien. Bis zu 123 Quadratmeter bieten die drei Zwei- bis Drei-Zimmer-Penthouse-Wohnungen im obersten Geschoss. Exklusiv deren Bewohnern steht die Dachterrasse mit einem umwerfenden Blick über den Neckar und die Tübinger Südstadt zur Verfügung.
Ebenfalls zum Projekt gehört der Betonkubus auf der Flussseite des Wohnriegels. Hier, im „Brückenhaus“, hat die Kit-Jugendhilfe, die die geflüchteten Jugendlichen betreut und Teil der 13-köpfigen Baugruppe ist, ihren Sitz. Zudem dient ein großer Gemeinschaftsraum als Quartiers-Treffpunkt und Veranstaltungsort; die im ersten Stock liegende Clusterwohnung teilen sich zwei alleinerziehende Mütter und ihre vier Kinder. Die Vielfalt von Nutzern, Akteuren und Wohntypen spiegelt sich auch im Planerteam: Die Stuttgarter Architekturbüros Yonder und SOMAA entwarfen das „Haus am Park“, das „Brückenhaus“ entstand nach den Plänen von Simon Maier aus Tübingen.
Privates Engagement und eine integrationsfördernde Wohnraum-Strategie der Stadt treffen bei dem Projekt gewinnbringend für alle Beteiligten aufeinander. Tübingen hat sich zum Ziel gesetzt, Geflüchtete nicht in temporären Bauten unterzubringen, sondern möglichst langfristig bezahlbaren Wohnraum in guter Qualität für sie zu schaffen, so Julia Hartmann, die Wohnraum-Beauftragte der Stadt. Unter anderem wurden elf Grundstücke ausgeschrieben, für die sich private Initiativen bewerben konnten. Der Deal: Der Boden wird zum Festpreis weit unterhalb der Marktlage verkauft, die Bewerber erklären sich bereit, einen Großteil des Wohnraums für mindestens zehn Jahre an die Stadt zu vermieten, den diese wiederum zur Anschlussunterbringung von Geflüchteten nutzt.
Für das Filetstück am Neckar gab es vierzig Bewerber, das integrative Konzept der Baugruppe Wolle+, maßgeblich entwickelt vom Tübinger Wohnsoziologen und Projektentwickler Gerd Kuhn, erhielt den Zuschlag. „Die Integration von Geflüchteten kann nur gelingen, wenn die Menschen qualitätvollen Wohnraum erhalten“, formuliert Kuhn den Grundgedanken. Julia Hartmann ergänzt: „Containerbauten als Gemeinschaftsunterkünfte in unattraktiven Lagen sind für die Integration ein Desaster. Die Menschen können viel besser in unserer Gesellschaft ankommen, wenn sie in Einzelhaushalten mitten unter den Einheimischen leben können.“
Von der Sozialbindung befreit sind die Penthouse-Wohnungen. Derzeit sind alle drei vermietet; hier einigten sich die Eigentümer mit der Stadt darauf, die ortsübliche Vergleichsmiete nicht zu überschreiten. „Die Mitglieder der Baugruppe stehen voll hinter der Idee, mit den Wohnungen die Integration von Zugewanderten voranzubringen. Gleichzeitig schaffen sie mit ihrer Investition attraktives Eigentum, das sie später für sich selbst oder etwa auch für ihre Kinder nutzen können“, erklärt Gerd Kuhn die Motive der Bauherren.
Damit diese Rechnung aufgeht, müssen sich die Wohnungsgrundrisse anpassen können. Die Architekten haben deshalb bei ihrem Entwurf die tragenden Elemente auf ein Minimum reduziert; jede wohnungsinterne Wand kann entfernt werden, erklärt der Architekt Tobias Bochmann, der bis Ende 2020 zu den beiden Partnern von SOMAA gehörte. Eine der Wohnungen ist derzeit in fünf kleinere Zimmer plus Gemeinschaftsraum unterteilt. Später kann sie sich mit wenig Aufwand zum Beispiel in ein offenes Loft verwandeln.
Die Flexibilität paart sich mit formaler Robustheit. Die kerngedämmten Beton-Halbfertigteile für die tragenden Außenwände stammen aus dem Industriebau; die Architekten lassen die Fassadenteile regelmäßig minimal vor- und zurückspringen; so entsteht eine raffinierte Gliederung. Entscheidend ist: Die architektonische Gestaltung macht zwischen Penthouse-Etage und Geflüchteten-Wohnungen keinen Unterschied; alle haben die gleichen Qualitäten.
Dass das Wohnen ein bedeutsamer Integrationsfaktor ist, haben zwei Stuttgarter Wissenschaftlerinnen in dem Forschungsprojekt „Zusammenhalt braucht Räume – integratives Wohnen mit Zuwanderern“ herausgearbeitet. „Doch bei den Integrationsanstrengungen wird Wohnen vielfach ignoriert, hier liegt der Fokus immer noch auf Sprache und Erwerbsarbeit“, sagt die Architektur- und Wohnsoziologin Christine Hannemann vom Institut Wohnen und Entwerfen der Universität Stuttgart. Mit Einheimischen zusammenzuwohnen trage wesentlich dazu bei, dass sich Zugewanderte angenommen fühlten; Ortsansässige wiederum entwickelten durch den Kontakt zu Geflüchteten mehr Verständnis und Toleranz für deren Kulturen.
Einer hochwertigen Architektur kommt bei integrativen Wohnprojekten eine gewichtige Rolle zu, haben die Forscherinnen, die sechs Beispiele in der Republik untersuchten, herausgefunden. „Materialauswahl, Fassadengestaltung, Farbgebung, die stadträumliche Einbindung – all das hat eine „enorme Bedeutung für die Akzeptanz“, so Hannemann, die sich von dem Projekt von Wolle+ begeistert zeigt. Mindestens genauso wichtig: Orte der Begegnung zu schaffen sowie das Zusammenleben der unterschiedlichen Gruppen von Experten moderieren zu lassen.
Vom „Brückenhaus“ mit den Angeboten des Jugendhilfe-Trägers profitieren nicht nur die Bewohner vom „Haus am Park“, sondern alle Nachbarn und das ganze Quartier. Die einheimischen Anwohner seien der Baugruppe anfangs mit großer Skepsis begegnet, berichtet Kuhn, ehemaliger Mitarbeiter des Fachgebiets Architektur- und Wohnsoziologie am IWE Stuttgart, inzwischen engagierten sich mehrere Dutzend als Paten für die Neu-Zugewanderten.
Die Städte selbst haben es in der Hand, die Integration mit solchen Projekten voranzubringen. Sogar die Hauptstadt schaut, wie die kleine Polis am Neckar es macht, wenn es um Wohnraum für Geflüchtete geht. Der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, berichtet Julia Hartmann, will das Tübinger Modell kopieren.
Forschungsprojekt: Ein Buch fasst die Untersuchung zum interkulturellen, gemeinschaftlichen und moderierten Wohnen zusammen: Christine Hannemann/Karin Hauser (Hg.): „Zusammenhalt braucht Räume. Wohnen integriert“. Jovis-Verlag, Berlin. 192 Seiten, 24,80 Euro.
Tübingen: Die Stadt betreibt mit der sogenannten Konzeptvergabe von städtischen Grundstücken vorwiegend an Baugemeinschaften seit gut zwanzig Jahren eine erfolgreiche Wohnungsbaupolitik, die attraktive, lebendige Quartiere wie das Französische Viertel, das Loretto-Areal oder das Mühlenviertel hervorgebracht hat. Derzeit sind weitere Quartiere in Planung.