Wohnquartier in Stuttgart Wohnen am Stöckach – wie Stuttgarter Architekten einen Lost Place retten

Die von Harris + Kurrle Architekten gestalteten Wohnbauten mit Treppe für die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) werten das Quartier am Stuttgarter Stöckachplatz auf. Foto: SWSG/Sebastian Bullinger

Gute Nachrichten für Mieter, genervte Anwohner und Freunde ambitionierter Architektur: die neuen Wohnbauten am Stuttgarter Stöckachplatz werten das ganze Quartier auf.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Stuttgart hat viele Plätze mit klingenden Bezeichnungen. Doch die wenigsten dieser Stadträume sind Orte, an denen sich die Anwohner oder Passanten aufhalten wollen. Im Grunde handelt es sich um größere Kreuzungen, Verkehrsknotenpunkte ohne eine erwähnenswerte Aufenthaltsqualität.

 

Das galt auch viele Jahre lang für den Stöckachplatz im Osten, ein Drehkreuz für mehrere Stadtbahnlinien und reichlich Autoverkehr. Um ehrlich zu sein: Viele hatten den Stöckachplatz längst aufgegeben, was vor allem auch an der unwirtlichen Atmosphäre lag, nachdem ein Supermarkt und eine Bankfiliale im Gebäude der ehemaligen Hauswirtschaftsschule geschlossen hatten, von Angsträumen war schon die Rede.

Ein Leuchtturmprojekt der Stadt Stuttgart

Doch jetzt begegnet man einem völlig veränderten, ja einladenden Platzcharakter, der durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges zunächst verloren schien. Wo die Hack- und Werastraße auf die Neckarstraße zulaufen, thront nun auf dem Areal der früheren Hauswirtschaftsschule ein helles, dezentes Gebäudeensemble leicht überhöht über dem Areal. Ein Leuchtturmprojekt der Stadt innerhalb der ambitionierten weiter gefassten Stadtteilsanierung, die unter „Stuttgart 29 – Teilbereich Stöckach“ firmiert.

Sehnsucht nach einem Ort für alle

Der schmucklose, heruntergekommene Gewerbebauriegel (Hackstraße 2) wurde ersetzt – und das war auch richtig so, denn ein Umbau auf diesem Lost Place hätte sich in diesem Fall wirklich nicht gelohnt. Weil der Stöckachplatz eine herausragende städtebauliche Bedeutung besitzt, wurde seitens der Stadt großen Wert auf eine deutliche Aufwertung des Gebiets durch einen Neubau gesetzt, der zahlreiche Funktionen erfüllen sollte.

Man wollte Wohnraum schaffen, eine Kindertagesstätte errichten, eine Tiefgarage bereitstellen (die den Wegfall des Parkplatzes am Stöckachplatz kompensiert) sowie einen Supermarkt in das Gebäude integrieren. Zudem war ein Stadtteilzentrum mit Begegnungsräumen angedacht. Nicht zu vergessen: sechs zusätzliche barrierefreie Wohnungen wie auch die Integration des Raphaelhauses mit vollstationären Angeboten für Schwerstbehinderte.

Nach einem Architekturwettbewerb im Jahr 2014, den Harris und Kurrle Architekten sowie Jetter-Landschaftsarchitekten – beide aus Stuttgart – gewonnen haben, wollte man zudem von Beginn an die Bürgerschaft bei den Planungen miteinbeziehen. Und dann soll diese gebaute Wundertüte auch noch formal überzeugen, gute Architektur sein, die den städtebaulichen Kontext respektiert. Bei all dem Sollen und Wollen denkt man an die viel zitierte Quadratur des Kreises, ein Problem, bei dessen Lösungsversuch man eigentlich nur scheitern kann, zumal in diesen Zeiten.

Neue, alte Blickbeziehungen im Stuttgarter Osten

Doch Harris und Kurrle Architekten haben im Auftrag der Bauherrin, der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG), das scheinbar Unmögliche möglich gemacht. Harris und Kurrle Architektin Joana Schultze bringt es auf den Punkt: „Wir haben in unserem Entwurf die ursprüngliche städtebauliche Beziehung zwischen der ehemaligen Hauswirtschaftsschule und dem Zeppelin-Gymnasium aufgegriffen“, erklärt die Architektin bei einem Rundgang mit den Kollegen von SWSG. „Der Stöckachplatz soll künftig auch durch die neu gestalteten, sich zum Stadtraum öffnenden Baukörper ein für alle einladender Ort werden.“

Architektin Joana Schultze von Harris und Kurrle Architekten: „Der Stöckachplatz soll ein für alle einladender Ort werden.“ Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Tatsächlich zitiert der Neubau von Harris und Kurrle Architekten die 1878 erbaute und im Zweiten Weltkrieg leider zerstörte Stöckachschule, die links und rechts ebenfalls zwei fünfstöckige Türme – inklusive Erdgeschoss – besaß, die miteinander durch vierstöckigen Baukörper verbunden waren. Wie soll man den historischen Kontext wiederaufnehmen und gleichzeitig die angesprochene Öffnung herstellen?

Stuttgarter Spezialität – Bauen am Hang

Kein leichtes Unterfangen, schließlich mussten sich die Planer auch hier wieder mit einer Stuttgarter Spezialität auseinandersetzen: dem Bauen in Hanglage. Timo Bakowies, Leiter Baumanagement Neubau bei der SWSG, erinnert sich: „Ende 2019 fand die erste Begehung statt, wobei sich zwei zentrale Fragen stellen: Wie fängt man den Hang ab? Wie bewerkstelligen wir den Rückbau?“

Die Aufgabe bestand nun mal auch darin, die weiter oben liegende Landhausstraße über einen Steg und eine Treppe mit dem Stöckachplatz zu verbinden. Die Treppe gab es schon vorher, doch man benutzte sie nur ungern, vor allem nach Anbruch der Dunkelheit.

Die Antwort der Architektinnen und Architekten: Ein eindrucksvoller skulpturaler 13 Meter langer Betonsteg über den geschützten Kita-Außenraum hinweg, eine Terrasse sowie eine breite, mittig angelegte, einladende Freitreppe. „Wichtig war die nun deutlich sichtbare Durchwegung zwischen Stöckachplatz und der Landhausstraße, die in den Neubau integriert ist“, sagt Christoph Brückner, der für die SWSG die Projektsteuerung verantwortete.

Christoph Brückner verantwortete für die SWSG die Projektsteuerung. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Zahlen zum Neubau am Stuttgarter Stöckachplatz

  • 28 Mietwohnungen, 6 barrierefreie Wohnungen
  • KfW 55- Standard, inklusive Photovoltaik
  • 1 Tiefgarage mit 63 Stellplätzen
  • 1 Stadtteil- und Familienzentrum mit Café
  • 1 Dreigruppige Kindertagesstätte
  • 1 Supermarkt auf einer Fläche von 1550 Quadratmetern
  • Baubeginn: 2023
  • Kosten: 26 Millionen Euro

Die Freitreppe ist für alle da; dennoch sind die Hauseingänge der künftigen Bewohner nicht exponiert gesetzt. „Der Neubau besteht aus vier unterschiedlich hohen Baukörpern, die auf einem gemeinsamen Sockel stehen“, erklärt Timo Bakowies von der SWSG. „Durch die unterschiedlichen Höhen der vier Häuser und die halböffentlichen Zugangsbereiche werden für die Bewohner eigene Akzente gesetzt – sie können sich mit ‚ihren‘ Häusern identifizieren.“

Auch ein Zugewinn: die Veranda auf der Terrassenebene fungiert als Erschließungsfläche von Kindergarten, Stadtteil- und Familienzentrum. Hier soll noch ein öffentliches Café entstehen, ein Treffpunkt, den es bis dato nicht gab.

Genau dieses Wechselspiel aus Transparenz und Intimität überzeugt. Die Baukörper wirken zudem alles andere langweilig, was auch an der klugen Setzung der Fensteröffnungen liegt. „Bei der Anordnung der Fenster haben wir bewusst eine Kleinteiligkeit vermieden“, sagt die Architektin Joana Schultze. „Unabhängig von der Nutzung der zugehörigen Räume wurden daher einheitlich große Faschen ausgebildet, um eine ruhige und maßstabgerechte Fassade für den Stadtbaustein auszubilden.“

Perfekte Verkehrsanbindung am Stöckachplatz

Beim Besuch in einer der hellen, angenehm behaglich wirkenden Wohnungen und dem Blick aus dem Fenster hinüber zum Zeppelin-Gymnasium erkennt man, wie lebenswert dieser hochfrequentierte Platz im Grunde schon immer war. Man musste diesen Vorzug nur freilegen. Die Verkehrsanbindung ist perfekt, es gibt fußläufig Schulen, Restaurants, Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten, vom nahen Schlossgarten zu schweigen.

Diese urbane Qualität schätzen offenbar auch die künftigen Bewohner so positiv ein, denn viele Wohnungen in dem mediterran anmutenden Viertürme-Wohnbau sind bereits vergeben. „Von den 28 Wohneinheiten sind 14 öffentlich gefördert“, sagt Saskia Bodemer-Stachelski, Sprecherin der SWSG. „Die anderen 50 Prozent sind frei finanziert. Die Wohnungen werden über die üblichen Online-Plattformen inseriert. Ein Großteil ist bereits vermietet.“ Von den sechs zusätzlich barrierefreien Wohnungen seien aber noch einige frei, sagt Saskia Bodemer-Stachelski. Die Baukosten belaufen sich laut SWSG auf rund 26 Millionen Euro.

Prestigeprojekt für harris + kurrle architekten aus Stuttgart

Dass bei diesem Vorhaben nicht nur neuer, dringend benötigter Wohnraum entstanden ist, kann man nur loben. Doch mindestens so wichtig war und ist der hohe architektonische Anspruch, der am Stöckach von Harris und Kurrle Architekten eindrucksvoll eingelöst wurde.

Dass das kein alltägliches Projekt für das Team war, dem kann die Architektin Joana Schultze nur bestätigen: „Ja, für unser Büro ist das schon ein prestigeträchtiges Projekt an einem dermaßen städtebaulich wichtigen Ort, was für uns als Stuttgarter Büro daher auch etwas sehr Besonderes ist.“

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