Stuttgart - Leere Wände, wohin man blickt. In Videokonferenzen, bei Wohnungsbesichtigungen oder in Werbeprospekten von Einrichtungshäusern vermisst man immer öfter etwas, was früher selbstverständlich war: Bücher. Fein sortiert im Bücherschrank als dekorativer Hintergrund. Die Tapete des Bildungsbürgers.
Doch Bücher haben als Mitbewohner ausgedient. Und das nicht nur im Privaten. Während heutzutage in klammen Kommunen Schließungen von öffentlichen Bibliotheken diskutiert werden, gab es Zeiten, als die Menschen ihren Büchern Paläste gebaut haben. Wo eine prächtige Bibliothek stand, da wurde am Rad der Zeit gedreht.
So richteten die nach dem Dreißigjährigem Krieg erstarkten Fürstenhäuser in Deutschland in ihren prächtigen Residenzen noch prächtigere Bibliotheken zur repräsentativen Zurschaustellung ihrer Macht ein. Mit den barocken Sammlungen versuchten die Regenten, ihrer Endlichkeit etwas Unsterbliches entgegenzusetzen. Keine Sammlung war jemals vollständig. So wurde die Bibliothek zum Sinnbild für die Ewigkeit.
Die Privatbibliothek sorgte für soziales Prestige
Die einfachen Leute hingegen, von denen die wenigsten überhaupt lesen und schreiben konnten, besaßen höchstens die Bibel, hatten öfter lediglich ein Gesangbuch und den Katechismus auf dem Nachtschränkchen liegen.
Das änderte sich endgültig mit dem Aufstieg des Bürgertums im 19. Jahrhundert, eine bis heute prägende Epoche auch und vor allem für die Wohnkultur. Denn im Biedermeier trennte man in der herrschaftlichen Großbürgerwohnung zwischen einer privaten und einer gesellschaftlichen Sphäre.
In diesem Repräsentationsraum fand sich stets ein Bücherzimmer, in dem Bücher nicht nur gelesen – oft in größerer Runde –, sondern auch hergezeigt wurden. Oft war das Bücherzimmer das Herrenzimmer, in das sich der Herr und Familienvater des Hauses aus dem Salon mit seinen Freunden zurückzog, um rauchend und trinkend seine Belesenheit zu demonstrieren.
Die Privatbibliothek sorgte für soziales Prestige, Bildung war kulturelles Kapital. Das Lesen wurde zelebriert, die eigene akademische Laufbahn inszeniert. „Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seine Böden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken“, beschrieb der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse den bildungsbürgerlichen Anspruch an das eigene Domizil.
Alle fünf Sekunden wird auf der Welt ein „Billy“-Regal verkauft
Für die Lexika, Sachbücher und Romane brauchte es schließlich passende Möbel, stattliche aus Nussbaum oder Mahagoni gefertigte Bücherschränke und -vitrinen. Je edler und teurer, desto besser. Man sprach von einer regelrechten „Bibliomanie“, von der Sucht nach gedrucktem und sorgfältig archiviertem Papier, die um 1900 eine Spezialisierung bei Möbelherstellern nach sich zog.
Vorgefertigte Bücherschränke mit vielerlei Funktionen wie verschließbaren Rollladentüren, eingebauten Sekretären und ausziehbaren Laden konnten beispielsweise bei Shannon Registrator in England geordert werden, später übernahm die Produktion die Firma der Gebrüder Aug. Zeiss & Co. in Berlin.
Diese bibliophile Sehnsucht nach Wissen hatte auch noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg Bestand, als die Wandschränke in den Wohnungen praktischen Regalsystemen wichen. Einrichtungshäuser wie Ikea revolutionierten den Markt mit der seriellen Herstellung von Regalsystemen wie etwa mit dem günstigen, sehr schlichten „Billy“, in dem Studenten ihre Bücherlasten einsortierten.
1978 von dem Designer Gillis Lundgren entwickelt, wurde es seither annähernd 80 Millionen Mal verkauft. Alle fünf Sekunden kauft irgendwer auf der Welt ein Billy- Regal, teilt das Unternehmen mit. Mittlerweile gilt das Billy als Designikone.
Das gedruckte Buch sieht alt aus
Wer es sich leisten konnte und seinen bildungsbürgerlichen Auftritt mit einer avantgardistischen Möblierung adeln wollte, investierte noch in den 70er Jahren in das Regalsystem „Vitsoe“ von Dieter Rams, das heute beim Antiquitätenhändler mitunter höhere Preise erzielt als ein perfekt restaurierter Jugendstilschrank.
Einen Distinktionsgewinn bescheren einem auch die Regalsysteme von Nils Holger Moormann. Wobei man sich fragt, ob die Qualität der einsortierten Bücher dem erlesenen Geschmack bei der Wahl des Möbels standhält.
Im Zweifel sind solche Gedanken typisch für ältere Semester, späte Achtundsechziger und deren Kinder im Geiste, die noch ihren Hausaltar aus Suhrkamp-Taschenbüchern von Marcel Proust bis Thomas Bernhard in Ehren halten. Warum? Weil das Lesen von Büchern kein Volkssport mehr ist, zumindest nicht in diesem Land. Laut einer repräsentativen Studie des Allensbach-Instituts aus dem Jahr 2019 ist die Lesehäufigkeit von Menschen ab 14 Jahren, die täglich oder mehrmals wöchentlich Bücher lesen, in den letzten Jahren deutlich gesunken, seit 2013 um sage und schreibe neun Prozent! Nur noch vier von zehn Bundesbürgern nehmen regelmäßig ein Buch in die Hand. Traurig, das.
Prahlen mit leeren Wänden
Es ist nicht so, dass die Menschen nicht lesen würden. Doch gegen die Möglichkeiten der Wissensvermittlung durch digitale Trägermedien sieht das gedruckte Buch alt aus. Die Buchlektüre ist sicher noch wichtig, vor allem für Ältere, die ihre Informationen nicht ausschließlich über soziale Medien beziehen. Doch soziales Prestige gewinnt man nicht mehr durch das Lesen.
Aufs Vorzeigen dessen, was man im Zweifel nicht mal gelesen, aber als Erstausgabe teuer erstanden hat, folgt oft genug die verständnislose Frage, wozu der Mensch überhaupt derlei Staubfänger hortet. Die Bücherwand gehört nicht mehr zum Selbstverständnis einer Elite. Der ökologische Minimalist besitzt nicht mehr als hundert Dinge, er ist flexibel, zieht gerne um. Will er kiloschwere Bildbände und sperrige Nietzsche-Gesamtausgaben mit durchs Leben schleifen? Sicher nicht.
Darüber hinaus hat sich auch das Wohnen verändert. Die Mieten sind hoch, die Quadratmeterpreise für Eigentum steigen auf absurde Höhen. Nicht jeder kann sich einen Raum leisten, in dem nur seine Bücher wohnen. Wer es doch könnte, will aber im Zweifel lieber zeigen, was er alles nicht hat, nicht braucht. Er prahlt mit leeren Wänden und wenigen Möbeln, die dann aber dafür teuer sein dürfen.
Menschen, die sich einen Architekten leisten, um ihr Haus zu bauen oder die Altbauwohnung von einem Interior-Designer sanieren zu lassen, wünschen sich eher ein Smarthome, Technik und Energiefreundlichkeit.
Sie zeigen ihren Gästen bei der Haustour stolz, was das Gebäude alles selber kann und wie wenig Energie es verbraucht. Architekten verstecken die paar Kochbücher und Krimis der Hausherren hinter diskreten Türen von Einbaumöbeln oder im Apothekerschrank. Der an eine Showküche angrenzt, in der nur die Kaffeemaschine davon zeugt, dass hier manchmal etwas dampft und köchelt.
Das Buch wird zum Dekorationselement
Außer natürlich, das bunte Buch soll als Eyecatcher etwas Farbe in die kühl designte Behausung bringen. Dann fungiert in der weißen Villa ein mehrere Meter hohes, maßgeschneidertes Buchregal als Skulptur. Bei weniger großzügigen Verhältnissen tut es der von Ron Arad entworfene biegsame Metall-Bücherwurm in Schneckenform an der Wand.
Da haben dann vielleicht immerhin die Bücher Platz – kein Trend ohne Gegentrend –, die das Bedürfnis des Menschen nach Haptik, nach Anfassen, Riechen, Umblättern bedienen. Editionen wie die „Naturkunden“-Reihe von Matthes & Seitz. Schönes Papier, hervorragender Druck. Preisgekrönt von der Stiftung Buchkunst wurde auch die „Reclam Bibliothek“ mit ihren horizontalen Farbstreifen auf dem Einband.
Sie alle passen hervorragend zu den farblich aufs Sofa abgestimmten High- oder Lowboards vom Designer. „Schon seit Längerem ist ein Trend weg von den wuchtigen Wohnwänden früherer Jahre hin zu zierlicheren Einzelmöbeln zu beobachten“, sagt auch Christine Scharrenbroch, Kommunikationsleiterin des Verbands der deutschen Möbelindustrie.
In diesen Möbeln teilen sich die schönen Bücher mit ausgesuchten Objekten – Vasen von Alvar Aalto und handbemalten Figürchen aus Tannenholz von Alexander Girard – den dekorativen Platz. Und wer weiß, vielleicht werden sie auch wieder mal gelesen.
Info: Wie sortiert man die Bücher im Regal?
Egal, ob man nur ein paar Dutzend oder tausende Bücher daheim hat, stellt die Ordnungsfrage. Sammeln lässt sich nach Nationalität oder gleich kontinentweise. Andere packen Bücher genreweise zusammen, also Roman, Drama, Gedicht. Die Zeit ist auch Ordnungsstifter: Das Veröffentlichungsdatum kann helfen oder man wählt ganz autobiografisch das Datum des Bücherkaufs als Kriterium. Auch das Sortieren nach Farben der Bücher ist beliebt. Ganz schlicht alphabetisch von A bis Z geht natürlich immer.
Für Fortgeschrittene hingegen: sortieren nach vermuteter Sympathie der Autoren – also Robert Musil und Thomas Mann, auf dessen Erfolg Musil neidisch war, keinesfalls im selben Regal. Dafür Peter Handkes Frühwerk gern neben den von ihm geschätzten französischen Autoren des Nouveau Roman. Wer dann Gästen seine Sammlung präsentiert, kann schön mit Sekundärliteraturwissen protzen.
Info: Bücher über Bücherregale
Die Fotokünstlerin Candida Höfer hat berühmte Bibliotheken fotografiert, erschienen im Verlag Schirmer/Mosel.
Von berühmten, toxischen Büchern in einem mittelalterlichen Kloster handelt der auch verfilmte Bestseller „Der Name der Rose“ von Umberto Eco.
Unbedingt lesenswert auch ist das formidable Buch „BiblioStil: Vom Leben mit Büchern“ (36 Euro) von Nina Freudenberger und Sadie Stein, erschienen im Prestel-Verlag. Es zeigt in Text und Bild, wie Designer, Buchhändlerinnen, Schriftsteller – darunter Karl Ove Knausgård, Jonathan Safran Foer – und andere Künstler ihre Bücher aufbewahren, was sie sammeln, wo und warum sie lesen. „Ich liebe es, abends im Bett Romane zu lesen“, sagt zum Beispiel der Sammler Emmanuel de Bayser. „Ich will dann einfach nur der Welt entfliehen.“
Wer sich auch für die Bücher im Regal interessiert und gern vielfarbig sammelt, ist bei Suhrkamp gut aufgehoben. Etwa die farblich auffällige „Edition Suhrkamp“ und die „Bibliothek Suhrkamp“, mit denen sich regenbogenfarbene Regalreihen zusammenstellen lassen.
Und die zeigen, der Besitzer ist Connaisseur, der nicht nur einen Bestseller des jeweiligen Autors gelesen hat – in die Reihen aufgenommen wurden besondere, anspruchsvolle Werke. Gestaltet hat sie der Grafikdesigner Willy Fleckhaus – bei dem Stuttgarter Verlag Hartmann Projects ist auch ein immer noch erhältliches Buch mit vielen Fotos über Fleckhaus’ Arbeit erschienen: „Fleckhaus: Design, Revolte, Regenbogen“.