Damit in einer Tiny House Siedlung Räume wie Gästezimmer und Büros zur Verfügung stehen können, soll in einer Siedlung in Jülich auch ein Gemeinschaftshaus entstehen. Foto: HS Düsseldorf/Lorenz_Steinhaus_VanDerGrinten
Die Designerin und Wissenschaftlerin Nadine Nebel lebt auf 34 Quadratmetern. Sie erforscht, wie wenig Platz Menschen zum guten Leben brauchen und berichtet darüber auf der Tiny House Messe in Karlsruhe.
Wohnen auf wenig Quadratmetern kann auch ein Statement für nachhaltiges Leben sein, hat die Forscherin und Designerin Nadine Nebel herausgefunden. Die Wissenschaftlerin erforscht in einem Reallabor, wie Tiny Houses funktionieren und ob sie glücklich machen.
Frau Nebel, Sie forschen darüber, wie viel Wohnfläche der Mensch zum Glück braucht. Sie leben selbst auf 34 Quadratmetern. Warum?
Früher dachte ich, dass ich später einmal, wenn ich im Berufsleben stehe, in eine größere Wohnung ziehe. Doch während und nach dem Studium bin ich öfter umgezogen, da fand ich es schön, mit so einer Leichtigkeit durchs Leben zu gehen und mit wenig Ballast zu leben. Ich fragte mich, was ich mit beispielsweise zwei extra Zimmern machen würde, hatte keine Antwort darauf und entschied mich endgültig für das Wohnen auf wenigen Quadratmetern.
Gibt es Momente, in denen Sie sich doch etwas mehr Raum wünschen?
Als die Regierung am Anfang der Pandemie uns vorgerechnet hat, wie viele Konserven wir zu Hause haben müssten, um uns über eine bestimmte Zeit versorgen zu können, habe ich mir schon so meine Gedanken gemacht, wo ich die denn alle lagern soll. Aber – nein, darüber hinaus nicht. Ich bin sehr ordentlich und daher froh, dass ich stets schnell mit dem Aufräumen und Putzen fertig bin. Und die Gewissheit, mir meine kleine Wohnung finanziell in jedem Fall immer leisten zu können, ist auch angenehm. Ich bin sehr glücklich in meinem 34 Quadratmeter-Apartment, auch wenn gesellschaftlich etwas anderes erwartet wird.
Nadine Nebel erforscht das Wohnen. Foto: Martin Schwan
Wie meinen Sie das?
Menschen vergleichen sich ständig und überall. Viele empfinden Besitz, große Wohnungen, Häuser, Autos als erstrebenswert und zeigen damit an, dass sie es im Leben „geschafft haben“. Wenn ich sage, dass ich freiwillig in einem kleinen Apartment lebe, ernte ich oft ungläubige Blicke. Das muss man aushalten. Ich fühle mich mit weniger Quadratmetern unabhängiger, Besitz macht mich eher nervös. Ich überlege auch sehr lange, bevor ich mir Dinge anschaffe, ob ich sie wirklich brauche.
Wenn Sie häufig umziehen, Sie sprachen von wenig Ballast – was machen Sie dann jedes Mal mit den Möbeln?
Ich habe vor dem Einzug in meine jetzige Wohnung alle meine Möbel, außer mein Bett, verkauft. Da sie von guter Qualität waren, war das auch kein Problem. Qualität und Quantität voneinander zu lösen, ist wichtig. Mehr ist nicht gleich besser. Ich bin nur mit meinem Schrankbett eingezogen und einem Schreibtisch, der sich aus einer Holzplatte und Tischböcken zusammensetzte. Erst als ich den Wohnraum „verstanden“ habe, fing ich an, nach und nach erste Möbel zu kaufen. Ich bin der Meinung, jeder Raum hat andere Anforderungen, auf die es dann gilt zu reagieren.
Noch beliebter als das minimalistische Wohnen sind Tiny Houses. In Jülich entsteht eine Siedlung mit 17 Minihäusern. Das ist nicht sehr umweltverträglich: Flächen werden versiegelt für eine Neubausiedlung.
Um ein neues Bewusstsein für andere Wohnformen zu schaffen, halte ich es fürs Erste vertretbar. Die Vorteile kleiner Häuser müssen jedoch stadtplanerisch mitgedacht werden. Es ist nämlich nicht damit getan, konventionelle Einparteienhaussiedlungen durch Tiny-House-Siedlungen zu ergänzen. Da gibt es noch eine Menge zu tun.
Können Sie das konkretisieren?
Für die genannte Siedlung in Jülich wird die Forschungsgruppe Lilmore des Instituts für lebenswerte und umweltgerechte Stadtentwicklung der Hochschule Düsseldorf gemeinsam mit dem Fachbereich Architektur ein Gemeinschaftshaus entwerfen, in dem beispielsweise Waschmöglichkeiten und Gästezimmer, Plätze für Co-Working und Feiern untergebracht sind. Zudem findet auf einem der 17 Grundstücke unser Prototyp von einem Tiny House Platz, der sich den Lebensphasen seiner Bewohnerinnen und Bewohner anpasst.
Wie kann das funktionieren?
Die Idee besteht darin, ein Tiny House zu entwerfen, das flexibel auf unterschiedliche Nutzungsanforderungen reagieren kann. Es wird modular erweiterbar sein. Mit zunehmender Haushaltsgröße wächst das Haus mit. Dabei ist der Fokus stets auf die Wohnfläche pro Kopf gerichtet, sodass das Haus bei einem Auszug von Haushaltsmitgliedern wieder schrumpfen kann, beziehungsweise: sollte.
Sie befragen die Bewerber in Jülich zu ihren Wünschen. Was sind die Ergebnisse?
Einige Menschen wünschen sich ein Eigenheim, können jedoch ein herkömmliches Einparteienhaus nicht finanzieren und entscheiden sich daher für ein Tiny House. Oftmals müssen die Grundstücke nicht gekauft werden, wodurch diese finanzielle Belastung entfällt. In Jülich beispielsweise werden Grundstücke zur Erbpacht mit jährlichen Raten angeboten.
Andere möchten grundsätzlich weniger Wohnfläche beanspruchen und umweltbewusster leben. Ein weiterer Vorteil ist die ebenerdige Wohnfläche in Kombination mit einem kleinen Garten. Beides kann auch im höheren Alter noch selbstständig instand gehalten werden. Weniger häufig genannt, aber dennoch ein Beweggrund, ist die Flexibilität. Tiny Houses können unter Umständen bei einem Ortswechsel mit umziehen, wenn sie entsprechend mobil gebaut wurden.
Minimalismus ist ein trendiges Glücksversprechen, doch warum braucht man dazu ein Tiny House? Man könnte in eine Wohngemeinschaft ziehen, da gibt es sogar Zimmer, die kleiner als 20 Quadratmeter sind.
Das stimmt, doch hängt so eine Entscheidung auch von persönlichen Befindlichkeiten ab. Wenn jemand ein großes Ruhebedürfnis hat, ist eine Wohngemeinschaft wahrscheinlich weniger geeignet. Alleine in einem Tiny House zu wohnen mit 50 qm Wohnfläche hat nach meinem Verständnis nichts mit Minimalismus zu tun.
Wie meinen Sie das?
Es ist halt ein kleines Haus, ja. Aber niemand würde eine 50-Quadratmeter- Singlewohnung als klein betiteln. Es ist nur der Kontext. 50 Quadratmeter pro Person ist mehr als die durchschnittliche Pro-Kopf-Wohnfläche in Deutschland – egal ob in einem frei stehenden kleinen Haus oder in einer Wohnung eines Mehrparteiengebäudes. Wichtig wäre, dass die Menschen ehrlich zu sich sind und die Frage nach dem eignen Platzbedarf wahrheitsgemäß beantworten. Wie viel ist genug? Wann bin ich glücklich? Danach sollten sie ihre Wohnflächen wählen bzw. anpassen. Klar ist auch, dass die Antworten unterschiedlich ausfallen.
Und was meinen Sie? Sie erforschen ja genau diese Fragen.
Es kristallisiert sich heraus, dass ich nicht DIE EINE Zahl nennen werden kann. Die Bedürfnisse und Anforderungen an Wohnräume sind sehr verschieden, nicht nur in Deutschland.
In Deutschland steigen die Quadratmeterzahlen pro Kopf ständig. Warum wohl?
Das ist einerseits die Folge des gestiegenen Wohlstands. Ich glaube, viele Menschen hinterfragen nicht, ob sie den vielen Platz in einer Wohnung oder einem Haus wirklich benötigen.
Das führt dazu, dass die Schere zwischen denen, die in stark überbelegten Wohnungen leben und denen, die riesige Wohnflächen für sich beanspruchen, immer weiter auseinander geht. Andererseits hängen die steigenden durchschnittlichen Pro-Kopf-Wohnflächen mit den zunehmenden Singlehaushalten und dem demografischen Wandel zusammen. Es gibt momentan einfach zu wenig kleine Wohnungen für diesen Bedarf.
Das klingt, als würden Sie sich wünschen, dass die Quadratmeterzahlen pro Mensch staatlich reglementiert werden?
Ich denke nicht, dass unsere Bundesregierung dies einführen wird. Hilfreich fände ich aber, wenn die Menschen sich bewusst machen würden, dass nicht nur das Neubauten CO2 intensiv ist, sondern vor allem ihr Konsum in sämtlichen Bereichen, der in der Regel auf größeren Wohnflächen höher ist. Außerdem sollten wir uns die Natur zum Vorbild nehmen. Es ist naheliegend, dass sie freundlich zu uns ist, wenn wir ihr ebenso freundlich begegnen.
Menschen sind anpassbare Wesen. Gut ist, dass wir in der Lage sind, unsere Wohnformen an die steigenden Umweltkatastrophen anzupassen. Jedoch entfällt mit fortschreitender Anpassung die Dringlichkeit einer Verhaltensänderung immer mehr. Die Folge ist: Wir machen so weiter wie bisher. Ein anderer Ansatz ist, die Umweltkatastrophen ernst zu nehmen und mit der Natur, nicht parallel zu ihr zu leben. Gebäude sollten beispielsweise verstärkt zirkulär gebaut werden. Die Natur funktioniert im Kreislauf, sie produziert keinen Müll. Das machen nur wir Menschen.
Warum ist das so wenig umweltfreundliche Einfamilienhaus dennoch immer noch auf der Wunschliste vieler auch jüngerer Menschen?
Es ist immer noch die meistgebaute Wohnform in Deutschland. Das heißt, viele junge Menschen wachsen in solchen Häusern auf. Sie werden damit groß, sodass diese Art des Wohnens meistens nicht hinterfragt wird. Andere vergleichen sich mit ihren Freundinnen und Freunden, die in Einparteienhäusern wohnen und empfinden dies als erstrebenswert. Es fehlt an Hintergrundwissen und zum Teil auch an attraktiven alternativen Angeboten. Alternative Wohnkonzepte müssten bereits in der Schule thematisiert werden.
Der Suffizienzgedanke mit der Kernfrage „Wie viel brauche ich wirklich?“ sollte nicht als Verbotsstrategie verstanden werden, sondern vielmehr sollte die Betonung auf den Vorteilen und Chancen liegen. Angesichts der zunehmend individuellen Lebensstile und der Anforderungen an eine flexible Gesellschaft wäre es sinnvoll, neben zur Wohnung gehörenden Einbauküchen und Einbaumöbeln auch vermehrt Wohnungen zu entwerfen, bei denen alle Zimmer die gleiche Größe haben. Solche Wohnungen lassen sich flexibler nutzen – sei es für Familien oder andere diverse Wohngemeinschaften. Zudem halte ich das traditionelle Wohnzimmer für überholt.
Warum das denn?
Weil in einem Raum, der nur über eine schicke, oft riesige Sofalandschaft mit Fernseher verfügt, vor dem man lediglich abends sitzt, so wenig gewohnt und gelebt wird wie in kaum einem Zimmer. Und dann stellt sich wieder die Frage: Brauche ich diesen Raum wirklich?
Zur Person
Die Forscherin Nadine Nebel (40) ist Designerin und Szenografin. Sie ist Forschungsreferentin des Fachbereichs Architektur der Hochschule Düsseldorf und als Designerin Mitglied des hochschulübergreifenden Instituts „In-LUST“ (Institut für eine lebenswerte und umweltgerechte Stadtentwicklung) .
Das Projekt Nadine Nebel begleitet das Konzept der Jülicher Tiny House-Siedlung (Nordrhein-Westfalen) mit einer Forschungsgruppe. Auf der Tiny House Messe „New Housing“ in Karlsruhe (28.-30.Juni) spricht sie am 30. Juni um 15 Uhr über „Wohnzufriedenheit bei Kleinwohnformen“.