Wolfram Koch im Schauspiel Stuttgart Aus Scherz wird Schmerz

It’s Showtime: Wolfram Koch in „Zack. Eine Sinfonie“ Foto: Astrid Karger

Eine Bombe hat im vergangenen Jahr den Frankfurter „Tatort“-Kommissar Brix aus der Krimireihe befördert – jetzt entfaltet der Schauspieler Wolfram Koch anderswo Sprengkraft: Im Stuttgarter Schauspiel feiert er den spätdadaistischen Dichter Daniil Charms: „Zack. Eine Sinfonie.“

Tanzen, Hüpfen, Singen – das war jüngst die Antwort einer Erstklässlerin, als sie nach ihren Lieblingsfächern in der Schule gefragt wurde. Ihren kreativen Spieldrang könnte sie auch im Theater ausleben, auf offener Bühne wie der Kindskopf, der 63 wird und vor anderen Erwachsenen tanzt, hüpft, trötet und Versuche startet, Lieder zu singen und Geschichten zu erzählen. Die Versuche scheitern. Es kommen nur unverständliche Laute und Geschichten aus dem Mund, sinnloses Zeug, Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutungslosigkeit. Aber just darin, in der Verweigerung des Sinns, liegt die Sprengkraft der Miniaturen von Daniil Charms, denen der famose, oft kurzbehoste Wolfram Koch auf die Beine hilft, auf seine dünnen Altherrenbeine in rosa Damenwäsche.

 

In Glitzeranzug und Rüschenhemd

It’s Showtime – und noch ist Koch als Ansager der „Music Hall“ vollständig bekleidet, als er im schreiend violetten Glitzeranzug und blassrosa Rüschenhemd die Bühne betritt. Nein, er stürzt aus einem Schrank, durch den Lametta-Vorhang in Gold, und beginnt die Performance mit Perücken, Gebissen, Gehampel. Wie im Zirkus, ruckzuck Verwandlungen, bevor er zur Kurzprosa über Puschkin anhebt. „Pusch“ hustet Koch auf die Bühne und mit dem Namensfetzen auch buntes Konfetti. Dann die Geschichte des russischen Nationaldichters, dessen Sohn so lange vom Stuhl fällt, bis auch der heilige Dichter runterkippt. Ein Idiot auch er?

Wolfram Koch Foto: Astrid Karger

Man erfährt es nicht. Ende der Geschichte ohne wirkliche Pointe und Auftakt von „Zack. Eine Sinfonie“, der durchgeknallten Hommage an Charms, der mit 37 Jahren 1942 von Stalins Schergen in Leningrad in die Psychiatrie gesperrt wurde und verhungerte. Auch wenn man sagen muss, dass während der Nazi-Blockade der Stadt auch weitere 1,1 Millionen Menschen starben, die meisten an Hunger, stimmt doch: Diktaturen verstehen keinen Spaß! Dann machen sie Ernst wie bei Charms.

Man muss also die Biografie des Dichters kennen, um die Brisanz seines Werks zu ermessen, es galt als „defätistisch“ und wurde in der Sowjetunion erst spät wieder veröffentlicht. Und das ist der einzige Mangel, den man der spätdadaistischen Party vorwerfen kann: dass man nichts aus dem kurzen Leben des lustigen Dichters mit dem traurigen Tod erfährt.

Koch holt das Letzte aus sich raus

Nun, etwas verklausuliert kommt Charms’ Schicksal schon vor. Dann etwa, wenn der große Komödiant Koch die Odyssee einer Professorenwitwe schildert, die ihren auf einer anderen Odyssee verstorbenen Gatten – er reiste wegen einer Gehaltserhöhung von Pontius bis Pilatus – bestatten will. Ein verrückter Albtraum, der für die Frau nicht gut ausgeht. Am Ende sitzt sie auf dem Schrank einer Irrenanstalt und angelt. Aus Scherz wird Schmerz.

Aber schon wartet Koch nervös zappelnd auf den Auftritt der Music-Hall-Bigband, holt das Letzte aus sich raus und schmiert den Popel an die Wand.

Und so geht „Zack“ dahin, der Ansager verheddert sich in Wortspiele, ein auch über Sprache stolpernder Clown, der nichts gemeinsam hat mit Kommissar Brix aus dem Frankfurter „Tatort“, den er elf Jahre spielte. Im September wurde er dort mit einer Bombe aus dem Leben und der Krimireihe befördert. Jetzt hat Wolfram Koch Zeit für andere Sprengkräfte.

Zack. Eine Sinfonie: Solo-Abend mit Wolfram Koch. Aufführungen im Schauspielhaus Stuttgart am 17. Januar und 9. Februar, jeweils 19.30 Uhr.

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