Auch das Museum Würth hat Christo verpackt – ausnahmsweise innen. Foto: Würth
Christo und Jeanne-Claude haben Bauwerke und Landschaften auf der ganzen Welt verpackt. Auch in Künzelsau hat das Künstlerpaar ein verrücktes Projekt realisiert – genau dort, wo nun eine Ausstellung über ihre einzigartigen Installationen zu sehen ist: im Museum Würth.
Sie hätten richtig gut Geld verdienen können. Schließlich ist bekannt, dass der Unternehmer Reinhold Würth nicht geizt, wenn es um Kunst geht. Auch für ein werbewirksames Projekt mit dem berühmten Künstler hätte man sicher großzügig ins Säckel gegriffen. Aber Christo und Jeanne-Claude hatten ihre Prinzipien: Wenn sie Gebäude verhüllten, verpackten und verschnürten, so taten sie das unentgeltlich. Die spektakulären Großprojekte finanzierten sie allein durch den Verkauf von Zeichnungen und Entwürfen.
Indirekt hat Würth dann aber doch seinen Anteil geleistet, dass Christo und Jeanne-Claude 1995 die Ausstellungsräume bei Würth in Künzelsau verpackten – ausnahmsweise innen. Die Wendeltreppen wurden mit Stoff umhüllt, die Fenster verhängt, sogar die Tische und Stühle wurden verpackt. Es wird ein tolles Spektakel gewesen sein, die Mitarbeitenden mussten nun tagtäglich durch diese Stoffmassen hindurch. Er wolle die Routine des Laufens unterbrechen, sagte Christo, damit sich eine neue Beziehung zum Boden und den Räumen ergibt.
Christo packte alles ein, was ihm in die Finger kam
Im Gegenzug kaufte Würth im Lauf der Jahre an die 130 Arbeiten an, die nun ausgestellt werden an eben diesem Ort, der einst verpackt war – im Museum Künzelsau im Verwaltungsgebäude des Unternehmens. Es ist eine der größten Sammlungen zu Christo, sodass sich mit den Beständen gut nachzeichnen lässt, wie Christo sich einen ewigen Platz in der Kunstgeschichte sicherte als Verpackungskünstler. Es war schon eine verrückte Idee, als er als junger Mann begann, alles einzupacken, was ihm in die Finger kam – Lackdosen und Flaschen, Gemälde und Computermonitore, Kinderwagen, Telefon, Stuhl und Sessel. Auch ein Fahrrad samt Dachgepäckträger umwickelte er und hängte das Ensemble an die Wand.
In der Ausstellung in Künzelsau ist sogar ein Schaufenster aufgebaut, dessen Fenster Christo abklebte, um das Publikum mit der eigenen Enttäuschung zu konfrontieren, weil eben nichts zu sehen ist. Sendepause – und vielleicht führt das kurze Innehalten dazu, das Selbstverständliche künftig etwas bewusster wahrzunehmen.
Jeanne-Claude und Christo 2006 in Rostock, wo sie ihr Projekt „Over the River“, eine Verhüllung des Flusses Arkansas im US-Bundesstaat Colorado, präsentierten Foto: dpa/Jens Büttner
Als Christo und Jeanne-Claude 1995 den Reichstag in Berlin verhüllten, war das aber auch ein politisches Statement. Das hinter Stoff verschwundene Gebäude markierte den Neubeginn des wiedervereinten Deutschlands und wurde zum Symbol für Demokratie.
Mehr als zwanzig Jahre hatte Christo für dieses Projekt gekämpft – zur Freude der fünf Millionen Menschen, die damals nach Berlin pilgerten. Denn es war ein phänomenales Erlebnis und extrem imposant, wie dieses historisch aufgeladene Bauwerk einfach verschwunden war hinter silbrig glänzendem Gewebe.
Eine Insel vor Miami wurde quasi erweitert. Foto: Christo/Würth
Auch dieses Projekt finanzierte man durch den Verkauf von Entwürfen und Zeichnungen, auch kleine Stoffstücke wurden als Multiples angeboten. Damit wurde möglich, was für Christo und Jeanne-Claude entscheidend war: Ihre Installationen sollten für alle zugänglich sein, womit sie die Idee einer demokratischen Kunst wahr machten. Das Paar entwickelte und realisierte die Projekte auch stets gemeinsam, da Christo aber die Zeichnungen machte, war es am Ende dann doch immer er, der im Zentrum der Aufmerksamkeit stand.
Auch als Paar waren sie eine Ausnahmeerscheinung – nicht nur, weil beide am 13. Juni 1935 geboren wurden, er in Bulgarien, sie in Casablanca. Sie lernten sich in Paris kennen, wohin er über Prag geflohen war. Sie lebten letztlich in New York, waren mit Deutschland aber eng verbunden, weil Christo hier seine ersten Sammler und in Köln seine erste Einzelausstellung hatte.
Die Ausstellung in Künzelsau erinnert zwar nicht an alle, aber doch einige Projekte, die Geschichte schrieben: der verhüllte Pont-Neuf in Paris und der verpackte Küstenstreifen in Australien, die endlosen Schirmreihen in Japan oder das abgehängte Tal in Colorado, neben dem ein verpackter Baum wie eine Petitesse wirkt. Die Werke wurden immer größer und irrwitziger – und mögen sich als Marotte abtun lassen. Kritiker, sagte Christo einmal, fänden die „Irrationalität und Absurdität unserer Projekte zum Verrücktwerden“, aber genau deshalb machten sie sie. Vor Ort aber boten die temporären Installationen ein Erlebnis besonderer Art und eine Seherfahrung, die man so kein zweites Mal wird machen können.
Herzensprojekt Arc de Triomphe
Nachruhm Jeanne-Claude starb bereits 2009, Christo lebte bis 2020, konnte sein Herzensprojekt trotzdem nicht vollenden: Erst 2021 wurde der Arc de Triomphe in Paris für 16 Tage vollständig mit silberblauem Stoff verhüllt.
Ausstellung „Verhüllt, verschnürt, gestapelt. Christo und Jeanne Claude, Sammlung Würth“. Bis 25. Januar, Museum Würth, Reinhold-Würth-Straße 15, Künzelsau. Geöffnet täglich von 11 bis 18 Uhr.