Wut auf Blitzer in Böblingen Autofahrer führt Feldzug: „Machtmissbrauch und Schikane“

Ein Pendler aus Schönaich hält die Blitzer-Säulen an der Panzerstraße für Abzocke – die Stadt Böblingen hält dagegen. Foto: Langner

„Unverhältnismäßiger Machtmissbrauch“: Ein Schönaicher fährt wegen der Blitzer an der Böblinger Panzerstraße schwere Geschütze auf. An der Stadt prallen die Vorwürfe ab.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Es ist ein kalt-grauer Montagnachmittag am Ortsrand von Böblingen. Auf der Panzerstraße schiebt sich der deutsch-amerikanische Feierabendverkehr durch die Verbindungsstraße zwischen Mineraltherme und Panzerkaserne. Was die meisten vermutlich nicht ahnen: Sie bewegen sich in einem quasi rechtsfreien Raum, in dem „Machtmissbrauch und Schikane“ herrschen, Autofahrer „psychologisch verwirrt“ und „in die Pfanne gehauen“ werden.

 

„Hier liegt für mich ganz klare Grenzüberschreitung, Machtmissbrauch und Unverhältnismäßigkeit von der Straßenbehörde vor.“

Ein Mann aus Schönaich, der die Stadt mit Beschwerden gegen zwei Blitzer überzieht.

So formuliert es ein Schönaicher in einem regelrechten Beschwerde-Feldzug gegen die Böblinger Stadtverwaltung. Grund für seine Empörung sind zwei Blitzersäulen, die zuvor in der Calwer Straße auf Höhe des Flugfelds standen und seit November nahe der Mineraltherme das Tempolimit von 50 Stundenkilometern überwachen. Aus Sicht des 44-Jährigen sind die Messanlagen dort „nur zum Abkassieren“ aufgestellt und deswegen „unverhältnismäßig“ und „unrechtmäßig“.

Radfahrern ermöglichen die Blitzer eine sichere Überquerung

Der Radfahrer, der an diesem Nachmittag an der Panzerstraße steht, dürfte das wohl etwas anders sehen. An der Stelle, wo der sogenannte Sandweg die Straße kreuzt, wartet er darauf, mit seinem Gravelbike die Straße zu überqueren. Vermutlich will er auf den Radschnellweg in Richtung Stuttgart.

Über ausgesendete Lichtstrahlen kann der Blitzer die Geschwindigkeit von Fahrzeugen ermitteln. Foto: Langner

Ein paar Sekunden vergehen, dann gibt es eine Lücke in dem nicht enden wollenden Verkehrsstrom und der Radfahrer schafft es auf die mit einem breiten roten Streifen markierte Mitte. Dann wartet er wieder ein paar Sekunden, bis er schließlich auch die andere Straßenseite überqueren kann. Dafür, dass er dies einigermaßen gefahrlos tun kann, sorgen wohl nicht zuletzt die beiden Blitzer.

Weil ein Stück weiter Tempo 70 und danach wieder 50 als Limit angezeigt ist, schreibt der Schönaicher Berufspendler von einem „Flickenteppich“ und „psychologischer Verwirrung“. Auch die im Juli 2025 für 5,8 Millionen Euro eröffnete Radschnellwegbrücke ist ihm ein Dorn im Auge, weil der Verkehr darunter weiterhin mit 50 Stundenkilometern „durchschleichen“ müsse.

Woher kommt sein Unmut? Wurde er dort etwa selbst einmal geblitzt? „Nein, aber meine Frau“, sagt er. Er selbst fahre sogar immer absichtlich ganz langsam mit Tempo 30 an den Blitzern vorbei. „Einfach als Provokation“, wie er trotzig erklärt. Den bei einem Sindelfinger Unternehmen tätigen Konstrukteur treibt offenbar ein sehr grundsätzliches Unrechtsempfinden um. Schon seit Jahren analysiere er jedes Verkehrsschild und halte sich auch daran. „Aber wenn sie unangemessen sind, gehe ich auf die Leute zu.“

Laut dem Autofahrer sind die Blitzer zu sensibel eingestellt

Die „Leute“ – das ist in diesem Fall die Böblinger Stadtverwaltung bis hinauf zum OB Stefan Belz. In einer Vielzahl von Mails überzieht er die Adressaten mit massiver Kritik. Er wirft der Verkehrsbehörde Unfähigkeit vor, schimpft über Abzocke, Machtmissbrauch und fehlenden Menschenverstand. Neben der „unverhältnismäßigen Beschilderung“ moniert er auch die Justierung der Blitzer. Diese würden schon bei Geschwindigkeitsübertretungen von nur einem Kilometer auslösen, habe er beobachtet.

Darüber hinaus listet er sämtliche Fehler auf, die seiner Meinung nach an dieser Stelle gemacht wurden und macht Vorschläge zu einer aus seiner Sicht „angemessenen Verkehrsführung“. Zum Beispiel fordert er, dass statt der Blitzer eine Ampel an der Panzerstraße installiert werden solle.

In seinem Kampf gegen die vermeintliche Blitzer-Abzocke zeigt der 44-Jährige einen bemerkenswerten Eifer – um nicht zu sagen Übereifer. „Ich könnte mich neben das Gerät hinstellen und dem Schauspiel der Autofahrer, die hier von der Verkehrsbehörde einfach nur diskriminiert werden, stundenlang zusehen“, schreibt er in einer Mail an die Stadt. Offenbar tut er das auch, denn in einer weiteren Mail schildert er, wie er beobachtet habe, dass ein mutmaßlicher US-Militärangehöriger mit Münchner Kennzeichen zwischen Thermalbadknoten und Schönaich gleich zweimal geblitzt wurde. „Natürlich verfolge ich das Fahrzeug, um zu wissen, warum er zurückfährt“, berichtet er.

Aber hat der Schönaicher wirklich recht damit, dass an der Panzerstraße ein Auto nach dem anderen in die Blitzerfalle fährt und die Stadt sich so die Kassen füllt?

Stadtverwaltung: Keine Beanstandungen bei Verkehrschauen

Wer sich selbst einige Zeit an die Radwegkreuzung stellt, kommt zu einer anderen Einschätzung. Zum einen sind die 50er-Schilder und auch die Blitzer-Säulen schon weithin sichtbar. Zum anderen scheint der überwiegende Teil der Menschen, die hier unterwegs sind, längst verinnerlicht zu haben, dass hier zwei Messgeräte stehen. Jedenfalls löst der Blitzer zur Stoßzeit in einem Zeitraum von rund einer halben Stunde kein einziges Mal aus.

Und was sagt die Böblinger Stadtverwaltung? „Wer sich an die Schilder hält, wird auch nicht geblitzt“, antwortet ein Pressesprecher lapidar. Darüber hinaus verweist er auf regelmäßige Verkehrschauen. Da bewerten unter anderem Landratsamt und Polizei die Situation vor Ort. Offenbar fand dabei bisher noch niemand, dass hier „Machtmissbrauch“ oder „Schikane“ betrieben wird.

So funktioniert eine Blitzer-Säule

Lasertechnik
 Blitzer-Säulen wie etwa der PoliScan Speed F1 HP der Wiesbadener Firma Vitronic nutzen Lidar-Technik. Dabei sendet ein Sensor Laserimpulse aus, die von Objekten reflektiert werden. Die Laufzeit des Lichts wird gemessen, um exakte Entfernungen zu berechnen.

Messbereich
 Die Säulen können über eine Distanz bis zu 75 Metern mehrere Fahrspuren gleichzeitig überwachen. Sie benötigen dafür keine Sensoren in der Fahrbahn. 

Weitere Themen