Zackelschafe auf der Alb Nutztiere ohne Nutzwert
Die Wolle will niemand, das Fleisch darf er nicht verkaufen: Claus Fritz hält auf der Schwäbischen Alb Zackelschafe – und das halbe Dorf unterstützt ihn dabei.
Die Wolle will niemand, das Fleisch darf er nicht verkaufen: Claus Fritz hält auf der Schwäbischen Alb Zackelschafe – und das halbe Dorf unterstützt ihn dabei.
Als der Mensch begann, Schafe für die Landwirtschaft auszuwählen, landete das Zackelschaf auf einem der letzten Plätze. Dabei war es überaus genügsam: karger Boden, wenig Futter, eisige Winde? Kein Problem für das Zackelschaf. Sein Fleisch schmeckte, seine grobe Wolle hielt Postkutscher wie Nachtwächter warm. Es ließ sich leicht melken. In jeder Hinsicht war dieses Schaf solide – musste es auch sein, schließlich soll es schon vor tausend Jahren das Volk der Magyaren bei ihrer Überquerung der Karpaten begleitet haben. Doch als Zuchtschaf hatte das Zackelschaf keine Chance. Heute hält ein Mann auf der Schwäbischen Alb diese Tiere. Um ihn soll es hier gehen.
Claus Fritz, 61, pflegt auf einer Intensivstation in Sigmaringen kranke und verletzte Menschen. Als Ausgleich, sagt er, kümmere er sich um mehr oder weniger bedrohte Arten, damit sie nicht aussterben. Auf seinen 18 Hektar Land auf der Schwäbischen Alb hält er Altsteirer Hühner, Alpakas, Wollschweine, Galloway-Rinder, Sikahirsche, Damwild – und eben Zackelschafe. Damit er für die Tiere genügend Zeit hat, arbeitet er, so oft er kann, in Nachtschichten.
Das Frühjahr hat sich wie ein Eimer grüne Farbe über der Schwäbischen Alb ergossen. Im Bergwiesenweg in Egelfingen stapfen vier Altsteirer Hennen durchs Gras. Ein Galloway-Kalb tapst an ihnen vorbei und schiebt die Zunge in seine Nasenlöcher. In einem Gehege stehen vierzehn Zackelschafe und starren stumm in die Landschaft. Mit ihren Hörnern, die wie Korkenzieher armlang von ihrem Kopf abstehen, sehen sie aus, als hätten sie sich eben aus Tolkiens Mittelerde auf die Alb verirrt. Claus Fritz stellt eine Bluetoothbox auf ein Blech über dem Hühnerstall und dreht auf. Blasmusik.
Jeder dritte Freitag im Mai ist bei Claus Fritz ein sogenannter Traditionstag. Das ganze Dorf hat er über die Whatsapp-Gruppe eingeladen – rund 130 Mitglieder. Claus Fritz kennen sie alle. Etwa ein Zehntel des Dorfs steht jetzt in seinem Garten. Einmal im Jahr kommen sie hier zusammen, um Zackelschafe und Alpakas zu scheren, zu feiern mit Bier, Brause und Gegrilltem.
Die vierzehn Zackelschafe drängen sich in die Ecke ihres Geheges. Die Menschen, die Musik, das alles scheint ihnen nicht geheuer. Als Erster geht Fritz’ Enkel Kilian in das Gehege. Ein zehnjähriger Junge, der seinem Opa folgt wie ein Schatten. Der kurze Arbeitshosen trägt wie er. Metzger will er werden, seitdem sie gemeinsam ein Wollschwein geschlachtet, durch den Fleischwolf gedreht und zu Würsten gemacht haben.
Kilian packt ein Zackelschaf an den Hörnern. Die Schafe wissen nicht, was sie mit ihren Hörnern machen könnten, sagt Fritz. Sie könnten brutal zustoßen, tun das aber nicht. Nun packt er das Tier an den Hörnern, hebt es an der Wolle hoch und trägt es zu einem bierkastenhohen Tisch. Die Maschine surrt über die Wolle auf der Stirn, über den Körper. Übrig bleibt ein fremdes Wesen, dünn und nackt, wie ein Mensch, der aus einer zu großen Daunenjacke steigt.
Die Wolle vom Zackelschaf landet in großen blauen Säcken. Sondermüll. Die Wolle kriegt Claus Fritz nicht verkauft und das Fleisch, sagt er, können er und seine Familie nicht auch noch essen. Sie essen ja schon die eigenen Hirsche und die Wollschweine und die Rehe, die er im Wald schießt. Verkaufen kann Fritz das Fleisch auch nicht, sagt er, die bürokratischen Hürden seien ihm zu hoch.
Es gab Zeiten, da war das Zackelschaf, wirtschaftlich gesehen, ein Jackpot. Die Stämme der Magyaren sollen die Vorfahren des Zackelschafs auf ihre Wanderschaft ins Karpatenbecken mitgenommen und im 9. Jahrhundert ins Gebiet des heutigen Ungarn gebracht haben. Zwischen dem 16. und dem frühen 18. Jahrhundert war das Zackelschaf in dieser Region die häufigste Schafrasse. Hirten schätzten seine Wolle und mochten das Fleisch.
Doch genauso wie der Mensch das Zackelschaf einst förderte, verlor er später das Interesse an ihm. In Spanien züchtete er das Merinoschaf – diese Rasse war so wertvoll, dass bis 1760 jeder, der eines der Tiere ausführte, mit der Todesstrafe rechnen musste. Nur die spanische Krone durfte Merinoschafe verschenken, auch, um diplomatische Beziehungen zu stärken.
Unter Philipp V. kam das Merinoschaf erstmals nach Mitteleuropa. In Sachsen züchtete man es ab 1766, die Textilindustrie schätzte die feine Wolle. Der Mensch wollte mehr und mehr Merinowolle – und verdrängte das Zackelschaf nach und nach.
An der Schermaschine steht Hariolf Bartsch, 58. Ein Mann aus Fritz’ Generation. Einer, der als Maschinenbauer schafft und zwischen April und Juni in die Dörfer auf der Schwäbischen Alb und in Oberschwaben fährt, um den Schafen und Alpakas am Feierabend und am Wochenende die Wolle zu nehmen. Die ersten drei Tage tue sein Kreuz noch weh, dann, sagt er, sei sein Rücken wieder trainiert für die Saison.
Bis zu 50 Kilogramm schwere Böcke muss er über seinem Knie halten, ihren Kopf unter seine Schulter geklemmt, damit die Hörner bei einem Ruck nicht in seinen Schädel krachen. Warum er das macht? „Es ist wie ein Virus“, sagt Bartsch. Mit 14 hat er seine ersten Schafe geschoren, damals noch mit der Handschere. Da tranken die Erwachsenen Bier, er bekam Essen und gutes Geld. Die Gemeinschaft, draußen zu sein, das mochte er. Jetzt will er scheren, bis er weit über 80 ist.
„Man trifft so nette Schafhalter“, sagt Bartsch und zeigt auf Fritz. Er setzt sich eine Flasche Mineralwasser an den Mund, trinkt, atmet aus und lässt seinen Blick über den Garten wandern. „Ein Mal im Jahr treffen wir uns.“ Fritz schaut auf. „Das ist die beste Freundschaft“, sagt er und lacht. Bartsch nickt. „Da kommt man nie ins Streiten.“
Die Tiere sind wie Kitt zwischen Claus Fritz, den Nachbarn und seinen Freunden. Seinen besten Freund Ralf lernte Claus Fritz bei der Arbeit auf der Intensivstation kennen. „Es funkte“, sagt Fritz. Während einer Nachtschicht lasen sie in der Zeitung von einer Alpakafarm auf der Ostalb. Gemeinsam planten sie, im Ruhestand Alpakatouren über die Alb anzubieten. Sie kauften die Tiere. Doch in Ralfs Kopf wucherte ein Tumor und bevor sie jemals ihr gemeinsames Projekt umsetzen konnten, war Ralf tot. „Er war ein Bruder“, sagt Fritz. In Andenken an ihn hält er seit fünfzehn Jahren Alpakas in seinem Garten.
Den kleinen Hof in Egelfingen hat Fritz von seinem Vater übernommen. Er kaufte Damhirsche dazu, vor zwanzig Jahren, dann brachte ihm jemand Hängebauchschweine. Zu seinem 40. Geburtstag schenkten ihm Freunde zwei Wollschweine. „Weil ich so von denen geschwärmt habe“, sagt Fritz.
Die ersten beiden Zackelschaf holte er am Geburtstag seiner Frau ab. „Weißt du noch?“, fragt Fritz. Brigitte Fritz schüttelt den Kopf und stöhnt, als wäre ihr das alles manchmal ein wenig zu viel. Zu seinen Tieren habe sie immer nur Ja gesagt. Ja zu den Hasen, den Hamstern, den Hirschen, Mufflons, Rindern, Hängebauch- und Wollschweinen, Zackelschafen, Wachteln, Fasanen und Alpakas. „Erst hatte er Tiere, die andere loswerden wollten – dann hat er überlegt, welche vom Aussterben bedroht sind“, sagt Brigitte Fritz.
Hinter Hariolf Bartsch steht nun ein Alpaka angeleint am Hühnerstall, neben ihm die Box, aus der Blasmusik trällert. Es hat erst gequakt und sich dann – wohl aus Protest – hingelegt. Die Alpakas wehren sich bei der Schur, fiepen und spucken grüne Paste in Richtung der Helfer. Vier Männer halten seine Beine fest, Fritz’ Tochter den Kopf. Sie streichelt das Tier. Dann fließt Blut; Bartsch hat mit seiner Maschine eine Hautfalte erwischt. „Das passiert selten“, sagt er. Eine Wunde, so lang wie ein Finger, klafft am Unterbauch des Alpakas. Bei jedem Atemzug öffnet sie sich, die Haut wirkt kaum dicker als eine Wurstpelle. Der Krankenpfleger Claus Fritz kommt mit Nadel und Faden und näht mit zwei Stichen. Anders als die Alpakas, sagt er, seien Zackelschafe „stille Leider“. Sie jaulen nicht, sie zappeln nicht.
Finanziell sind die Tiere für Fritz ein Verlustgeschäft. Laut der Datenbank der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung erhält er Subventionen: 12 206 Euro im Jahr 2024, den Großteil übernimmt die EU. Doch das reiche nicht für Maschinen, Futter, Tierarzt oder das Gehalt für den Scherer, sagt Fritz. Die Tiere sind für ihn keine Investition, sondern Heimat.
Er nimmt einen Schluck Bier. Fritz ist ein Mann, der nach acht Stunden im Krankenhaus Tiere füttert, Ställe ausmistet oder Sülze kocht. Der, wenn es sein muss, mitten in der Nacht losfährt, um ein totes Reh von der Straße aufzulesen und das Fleisch in Gulaschportionen einzufrieren. Der sich als Oberschützenmeister engagiert, als Vereinsvorstand, in der Blaskapelle und als Jäger. Das Miteinander, sagt er, „das ist auch Heimat“. Die Landschaft. Die dichten Wälder, die weiten Felder, die Hügel. Die alten deutschen Obstbäume.
Gäbe es Fritz nicht, gäbe es noch weniger Zackelschafe in Deutschland. 2023 zählte die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung lediglich 177 Zuchttiere. Auch das Leben aller anderen Schafe wirkt in Deutschland schnell anachronistisch: Ihre Wolle wurde großteils ersetzt durch die günstigere Baumwolle, ihr Fleisch ist ein Nischenprodukt. Lebten im Jahr 2000 noch 2,7 Millionen Schafe in Deutschland, so waren es im Jahr 2024 lediglich 1,5 Millionen. Die allermeisten sind Merinoschafe.
Das Zackelschaf sei durch die Hörner schwierig zu halten, seine Wolle grob und verfilzt, es produziere wenig Fleisch und sei deshalb unwirtschaftlich, sagt Anette Wohlfarth, die Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbandes Baden-Württemberg. Das Zackelschaf gilt heutzutage als Nutztier ohne Nutzwert. Ohne Liebhaber wie Claus Fritz wäre es wohl längst verschwunden.