Zoff vor Sindelfinger Straßenfest „Eine Entschuldigung wäre sicher angebracht“

Das Internationale Straßenfest Sindelfingen feiert Vielfalt und Einheit der Daimlerstadt – doch die Einheit hat Risse bekommen. Foto: Eibner-Pressefoto

Eine Absage im Zorn, Kommerzvorwürfe, eine Wutrede im Gemeinderat – im Vorfeld zum Internationalen Straßenfest gibt es Zoff. Mittendrin: Vereinschef Mario Marino.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Menschen aus mehr als 120 Nationen feiern jedes Jahr gemeinsam das Internationale Straßenfest in Sindelfingen. Die Großveranstaltung steht für die Vielfalt und Einheit der Daimlerstadt. Diese Einheit hat zuletzt jedoch einige Risse bekommen: Ein Mitgliedsverein schert beleidigt aus und der Sindelfinger Gemeinderat kritisiert eine angebliche Kommerzialisierung. Hier bezieht Mario Marino Stellung. Der 57-jährige Sindelfinger ist seit anderthalb Jahren Vorsitzender des Internationales-Straßenfest-Vereins (ISF).

 

Herr Marino, in diesem Jahr organisieren Sie mit dem ISF-Verein zum zweiten Mal das Internationale Straßenfest Sindelfingen. Was haben sie aus dem letzten Jahr gelernt und was wollen Sie dieses Jahr anders machen?

Mario Marino: Gelernt habe ich tatsächlich einiges. Ich kenne das Fest ja seit meiner Kindheit, aber wenn du als Veranstalter durchläufst, siehst du Dinge, die man als Besucher nicht so wahrnimmt.

Welche zum Beispiel?

Zum Beispiel Stände, die wegen lauter Livemusik, Engstellen und wiederkehrenden Konflikten versetzt werden müssen.

So wie bei der Deutsch-Portugiesischen Vereinigung für Kultur und Sport, die seit Jahren auf dem Wettbachplatz Grillfisch angeboten hatte und dieses Jahr ihre Teilnahme abgesagt hat?

Ja. Die sind da ja immer mitten drin im Geschehen. Das hat in der Vergangenheit zu zahlreichen Konflikten mit den umliegenden Gastronomen geführt. Hinzu kommt, dass auf dem Wettbachplatz alle zwei Jahre während der Fußball-Welt- oder -Europameisterschaft ein Public Viewing stattfindet. Dass sie deswegen letztes Jahr früher aufhören mussten, hat ihnen natürlich auch nicht gefallen. Deshalb wollten wir eine Lösung anbieten, mit der alle gut leben können.

Mario Marino, Vorsitzender des Vereins Internationales Straßenfest Sindelfingen. Foto: ISF

Und wie hätte diese Lösung ausgesehen?

Wir haben den Portugiesen einen Stand in der neu aktivierten, benachbarten Grabenstraße angeboten. Dort hätten sie eine eigene Bühne bekommen und sich mehr ausbreiten können. Es gab ein Gespräch und wir hatten am Ende den Eindruck, dass sie den neuen Standort als Chance sehen könnten.

Offenbar kam es aber anders.

Ja, das hat richtig Kreise gezogen – bis hin zu einem Beschwerdebrief an den Generalkonsul von Portugal. Aber ich will eigentlich nicht, dass dies alles hier in der Zeitung ausgebreitet wird. Nur so viel: Es gab zahlreiche Gespräche mit Vertretern des portugiesischen Vereins, einem Gemeinderat, Kulturamt, Ordnungsamt, der Wirtschaftsförderung und schließlich hat uns die Verwaltungsspitze der Stadt Sindelfingen mitgeteilt, dass es bei unseren Entscheidungen keine Einmischung von Seiten der Verwaltung geben werde.

Die Deutsch-Portugiesische Vereinigung akzeptiert die Verlegung aber nicht. Dort scheint man zutiefst beleidigt. Sehen Sie denn die Chance, dass die Portugiesen wenigstens nächstes Jahr wieder dabei sind und es wieder gegrillten Fisch auf dem Straßenfest gibt?

Prinzipiell sind wir immer gesprächsbereit, aber es muss konstruktiv sein. Was den gegrillten Fisch angeht, haben wir dafür eine andere Lösung mit Salutele Catering gefunden. Das macht die Tochter eines Mitglieds des Spanischen Kulturvereins, der leider nicht mehr aktiv ist. Ihr Mann ist Portugiese. An ihrem Stand wird es jetzt neben spanischer Paella auch portugiesische Fischspezialitäten geben – und am Grill werden voraussichtlich Mitglieder der Deutsch-Portugiesischen Vereinigung stehen.

Es gibt dieses Jahr noch mehr Streitpunkte. Zuletzt hatte der Sindelfinger Gemeinderat in einem interfraktionellen Antrag die vermeintliche Kommerzialisierung des Ehrenamts- und Kulturfests beklagt und eine Neuausrichtung gefordert. Daraufhin haben Sie in einer Einwohnerfragestunde eine Wutrede gehalten. Warum hat Sie der Antrag so verärgert?

Weil er das falsche Signal an uns Ehrenamtliche sendet. Nach dem Fest im letzten Jahr hat man uns über den Grünen Klee gelobt, jetzt hagelt es Kritik, bevor das Fest überhaupt stattgefunden hat.

Absage: Die Deutsch-Portugiesische Vereinigung ist dieses Jahr nicht beim Straßenfest dabei. Foto: Stefanie Schlecht

Stimmt es denn nicht, dass das Fest kommerzieller geworden ist?

Was heißt schon kommerziell? Ich kann das Fest nicht mehr machen wie vor 40 Jahren. Damals gab es noch viel mehr Vereine. Heute gibt es doch nur noch Grauköpfe. Denen fehlt der Nachwuchs. Wir würden das Fest gerne nur mit Vereinen machen. Aber erstens gibt es davon nicht mehr so viele und zweitens ginge das auch finanziell nicht. Oder wir hätten dann vielleicht nur eine und keine acht Bühnen. Ich weiß nicht, ob die Bevölkerung das so gut finden würde.

Ganz ohne Kommerz geht es also nicht?

Das Fest ist eine Mischung. Es gibt Vereine, Gewerbetreibende und Gastronomen. Die bringen auch Vielfalt – zum Beispiel mit afrikanischem oder peruanischem Essen. Außerdem haben wir trotzdem viele Vereine: 22 nur für die Hauptbühne. Vereine sind bei uns immer willkommen. Alleine dieses Jahr nehmen wir vier neue hinzu, darunter den Deutsch-Kurdischen Verein.

Kritik gibt es auch wegen der geplanten Schlager-Arena auf dem Grünen Platz. Was sagen Sie dazu?

Es ärgert mich ungemein, wenn Leute sagen, Schlager hätte nichts mit Kultur zu tun. Doch, hat er! Es gibt nämlich auch eine deutsche Kultur, die man pflegen muss.

In der Einwohnerfragestunde haben Sie vom Gemeinderat eine Entschuldigung für den Antrag verlangt. Bleiben Sie bei dieser Forderung?

Basis für ein Gespräch mit den Gemeinderäten, die diesen Antrag unterstützt haben, ist eine Rücknahme des unberechtigten Antrags. Ich finde, bevor man so einen Antrag verfasst, sollte man sich erst die andere Seite anhören, bevor man das ehrenamtliche Engagement des Organisationsteams des größten Fests in der Region demontiert. Für diese fehlende Wertschätzung wäre eine Entschuldigung sicherlich angebracht.

Zum Schluss noch einmal zur Anfangsfrage: Was ist in diesem Jahr anders oder neu beim Straßenfest?

Es gibt zwei neue Bühnen: in der Grabenstraße und beim Domo. Dort gab es ja schon einmal eine Bühne. Damit haben wir insgesamt acht Bühnen. Auf jeder gibt es unterschiedliche Genres – von Pop bis Hardrock. Mit der Schlager-Arena auf dem Wettbachplatz wollen wir dieses Areal beleben. Am Sonntag ist dort außerdem eine Salsa-Party inklusive Tanzlehrer angesagt. Auf der Hauptbühne am Marktplatz ist ebenfalls am Sonntag ein Solo-Gesangswettbewerb geplant.

Gibt es auch beim Speisen- und Getränkeangebot etwas Neues?

Auf dem Grünen Platz ist diesmal wieder Joe Migliore vom Tower 66 mit dabei. In der Eisdiele gegenüber in der Mercedesstraße gibt’s ein eigens für das Fest entworfenes Straßenfest-Eis. Worüber ich mich auch sehr freue, ist, dass die Katholische Kroatische Gemeinde nach Jahren wieder dabei ist und in der Grabenstraße Spanferkel anbietet.

Drei Tage volles Programm

Öffnungszeiten
Das 47. Internationale Straßenfest findet vom 13. bis 15. Juni in Sindelfingen statt. Festbetrieb ist am Freitag von 18 bis 24 Uhr, am Samstag von 11 bis 1 Uhr und am Sonntag von 11 bis 20 Uhr. Bereits am Donnerstag, 18 Uhr, beginnen die Feierlichkeiten mit dem traditionellen Partnerschaftsabend mit Sindelfingens Partnerstädten in der Stadthalle.

Organisatorisches
Wie schon im letzten Jahr verkehrt ein Straßenfest-Zügle vom Glaspalast bis zum Wettbachplatz und erspart Gästen so die Parkplatzsuche. Außerdem kann die Marktplatztiefgarage während des Festwochenendes nicht angefahren werden und der Wochenmarkt am Samstag wird in die Vaihinger Straße verlegt.

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