Zukunft der Stadt Stuttgart Stadtplaner schlagen Alarm – „Der Kessel ist am Limit“

Blick auf Stuttgart. Wenn Stadtentwickler über die Stadt der Zukunft nachdenken, denken sie zum Teil weit über den Kesselrand hinaus. Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich

Wie sieht Stuttgarts Zukunft aus? Drei Architekturteams machen überraschende Vorschläge zur Stadt von morgen. Und angesichts der hohen Mietpreise fällt sogar das Wort „Wucher“.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Stuttgart ist reich an Baustellen, die Stadt ist im steten Wandel. Doch abgesehen von konkreten aktuellen Bauprojekten – wie soll das Wohnen und Arbeiten in der Landeshauptstadt gestaltet werden? Wie stellen sich Stuttgarterinnen und Stuttgarter eine positive Entwicklung der Stadt vor?

 

Aufschlussreiches dazu war jüngst im Stuttgarter Wilhelmspalais zu erfahren. Unter dem Titel „Wohin bauen wir Stuttgarts Zukunft“ firmiert ein öffentliches Forum, in dem seit 2024 diskutiert wird, wie die Stuttgarterinnen und Stuttgarter die gebaute Zukunft ihrer Stadt sehen wollen.

Wie Stuttgart wohnen und arbeiten will

Der Plan: Drei Stadtentwicklungsteams blicken auf Stuttgart, entwerfen „alternative Zukunftskonzepte, die aufzeigen, wo sich das Stuttgart von morgen verändern kann.“ Ein Selbstbild steht bereits fest: „mutig und erfinderisch“ will man voranschreiten, wichtige Aspekte für die Stadtentwicklung seien eine „leistbare“ und „gerecht ausgestattete“ Stadt, eine „Klimastadt“, eine „produktive und dynamische Stadt“.

Die Architektinnen und Architekten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben bereits viele Pläne gelesen, die in den Schubladen der Verwaltung herumliegen und die zum Teil seit vielen, vielen Jahren auf ihre Umsetzung warten. All die Neckar-Belebungs-Vorhaben zum Beispiel. Wobei diesbezüglich sogar hier und da etwas geschieht – vergangenes Wochenende wurde offiziell in Untertürkheim das umgestaltete Neckarufer mit Holzsteg, Treppen und frisch gepflanzten Bäumen eröffnet und gefeiert.

Stuttgarts Kessel? Am Limit

Ein Zwischenergebnis der Recherchen haben die Teams jetzt vor einem großen Publikum vorgetragen – der Saal war voll besetzt, neben Stadtplanern und Architekten sowie „kritischen Freunden“, die das Vorhaben begleiten, waren viele junge Leute zugegen. „Der Kessel ist am Limit“: Diese Aussage von Tristan Lannuzel vom Team „Urbanista“ teilten auch deren Kollegen.

Welche Lehren daraus zu ziehen seien, dazu präsentierten die Teams manch Bekanntes, Naheliegendes, auch Charmantes: kühle konsumfreie Orte, einfacheres, qualitativ wertigeres und damit nachhaltiges Bauen, Sportflächen unter Viadukten, bessere Zugänge zum Neckar, überdachte Schulhöfe, die man etwa auch am Wochenende als Aufenthaltsorte nutzen könnte, mehr Beteiligung und Einbeziehung der vielen Bürgervereine, eine Neuordnung des Verkehrs, sprich: „Weg vom heiligen Blechle, hin zur gesellschaftlichen Hocketse“.

Der Norden rückt ins Blickfeld der Stadtplaner – Impression von Stuttgart-Neugereut. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Blicke an den Rand des Kessels – Stuttgarts Norden

Auch Überraschungen gab’s. Die Filderebene rückte in den Blick, ebenso wie Quartiere mit vielen Nachkriegsbauten, Randgebiete im Stuttgarter Norden sowie die B 10, wo beispielsweise tags gearbeitet, abends Party gemacht werden könnte, wenn es nach Urbanist geht. Was wiederum auch nahe liegt auf eine Art: Die Stuttgarter haben immer schon gern an vielspurigen Straßen gefeiert, wo sich recht viele Abgase einatmen lassen. Siehe Theodor-Heuss-Straße.

Neben großen Stadtentwicklungswürfen gehörte auch das Nachdenken über bezahlbaren Wohnraum. 62 Prozent Mietpreissteigerung von 2011 bis 2021, nur fünf Prozent sozial gebundener Wohnraum, jede fünfte Wohnung, die 18 Euro pro Quadratmeter kostet oder mehr, nur vier Prozent unter zehn Euro pro Quadratmeter, so referierte die Gruppe „Yellow Z + Raumposition“ die Statistiken – „das ist Wucher für uns – aus Wiener Perspektive“, sagte die Wiener Architektin und Stadtplanerin Daniela Allmeier von Raumposition. Ihr Team plädierte stark für Umbau im Bestand, der möglichst so gestaltet wird, dass die Wohnungen leistbar bleiben.

Braucht die Stadt Stuttgart noch einen Plan?

Es rückte am Abend auch ein kommunistischer Dramatiker in den Fokus. Allmeiers Kollege, der Architekt und Stadtplaner Rudolf Scheuvens von Raumposition, zitierte den guten alten Bertolt Brecht zum Thema Plänemachen und was draus wird (Spoiler: oft nichts).

1600 Seiten habe die Stadt den Gruppen an bereits vorhandenen Plänen und Studien zur Verfügung gestellt, war zu hören. Ob es jetzt wirklich noch drei neue Pläne gebraucht hätte, fragten die Raumpositions-Vertreter (selbst)kritisch. Wichtig sei, rascher ins Umsetzen der Pläne zu kommen, und dazu könnte es womöglich eine gute Idee sein, über die Tätigkeit der Verwaltung nachzudenken. Kein falscher Plan womöglich. Im Februar sind die drei Teams wieder in der Stadt und präsentieren ihre Endergebnisse.

Info

Perspektive Zukunft
Entwickelt werden soll ein Leitbild und eine Strategie für die langfristige Entwicklung der Stadt Stuttgart. Drei Stadtplanungsteams erarbeiten Ideen für das Stuttgart der Zukunft. Dies sind die Teams: Team 1: urbanista, Team 2: Yellow Z + RAUMPOSITION, Team 3: TELEINTERNETCAFE + TREIBHAUS Landschaftsarchitektur + c/o Zukunft + Buro Happold.

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