50 Jahre Klett-Passage – das sind auch fünf Jahrzehnte Diskussion über die Sicherheit im Untergrund. Wie sieht es zurzeit aus?

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Samstagabend, 23 Uhr. Es ist wenig los in der Passage. Aber leer ist sie nicht. Vielmehr sind die Menschen, die hier um diese Uhrzeit unterwegs sind, entweder darauf bedacht, schnell durchzukommen – oder nicht aufzufallen. Passantinnen und Passanten eilen, manche mit ungutem Gefühl, schauen sich um, beschleunigen, wenn sie jemanden sehen. Andere auffällig unauffällig, an Ecken stehend, wo sie sich schnell verstecken können. Parallele Welten, die Wege kreuzen sich für ein paar Augenblicke. Die einen sind froh, wenn sie in der Bahn sitzen. Die anderen, wenn sie ihre dunklen Geschäfte abwickeln können, ohne erwischt zu werden.

 

50 Jahre alt ist die Klett-Passage nun. Am Freitag war ihr Geburtstag – und der Freitagabend einer wie jeder andere Abend. Berufstätige, die mit der S- oder Stadtbahn pendeln, sind schon längst zuhause. Ein Schwung Theaterpublikum geht noch durch. Dann gehört die „Kletti“ den Nachtschwärmern, dem Partyvolk ebenso wie jenen, die eher ungute Aktivitäten im Sinn haben. Drogenhandel ist in der Passage immer wieder ein Problem.

Eingang zur Klett-Passage Foto: LICHTGUT

„Ich sehe zu, dass ich schnell zur Bahn komme. Konkrete Ängste habe ich nicht. Aber so richtig wohl fühle ich mich hier abends nicht“, sagt Melanie (37) aus Plochingen. Sie fügt hinzu: „Ich kenne niemanden, dem hier tatsächlich was passiert ist. Und ich bin auch noch nie in gefährliche Situationen gekommen. Aber unterirdisch ist es immer ein wenig unangenehm, dazu die ganze Baustellensituation – nach Ladenschluss will man hier nicht länger sein.“

Die 37-Jährige war beim „klassischen Shopping“, eine neue Frühjahrsgarderobe sollte es sein. Zwei Papptüten mit ihren Funden hat sie dabei, nach dem erfolgreichen Einkauf traf sie eine Studienfreundin zum Essen „und für ein paar Getränke“. Das ungute Gefühl auf den paar Metern „halte ich schon aus, das hält mich doch nicht davon ab, nach Stuttgart zu kommen.“

Die öffentliche Diskussion hat beim Blick in die Klett-Passage oft den Unterton „Alles wird immer schlimmer“, respektive „Früher war alles besser.“ Da schwingt viel subjektives Empfinden mit, wohl auch beeinflusst durch die Baustellensituation rund um den Bahnhof für das Projekt Stuttgart 21. Objektiv kann die Polizei das nicht bestätigen. Es könne über die vergangenen Jahre/Jahrzehnte „keine signifikante Veränderung oder Verlagerung von Deliktschwerpunkten verzeichnet werden“, sagt die Polizeisprecherin Sandra Hartmann. Das gelte für die Art der Taten und Ordnungswidrigkeiten sowie Störungen ebenso wie für die Kriminalitätsbelastung: Die habe in den fünf Jahrzehnten auch nicht stark geschwankt.

So leer ist es selten in der Passage – verwinkelte Ecken bieten Versteckmöglichkeiten. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Zurzeit sei die Lage in der Passage „ durch Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz und Konsumcannabisgesetz geprägt. Aber auch Diebstahl, aufenthaltsrechtliche Verstöße und Körperverletzungen beschäftigen die Polizei dort häufig.“ Dazu kämen noch Ordnungsstörungen wie Lärm, Alkoholkonsum und Vermüllung.

Der Umbau des Hauptbahnhofs habe zwar zu einem „etwas geringeren Personenaufkommen“ geführt. Das habe aber die Kriminalitätslage wenig beeinflusst. Wer denkt, weniger „normale“ Passantinnen und Passanten würde bedeuten, dass weniger Personen dort belästigt oder angegriffen werden, irrt demnach. Denn: Viele Taten, die dort geschehen, richten sich nicht gegen Unbeteiligte. Die Vorfälle seien häufig „szenetypisch“ – also innerhalb der Dealer-Szene zum Beispiel. Die Szene nutze sowohl die Menschenmengen, die sich nach wie vor durch die Passage bewegen, als auch die verwinkelten Ecken, um sich zu verstecken. Insbesondere in der kalten Jahreszeit diene die Klett-Passage zudem „für einige Personengruppen als Aufenthaltsbereich“.

Oft ist kritisiert worden, dass die Öffnungszeiten des Polizeipostens in der Passage eingeschränkt wurden. Geöffnet ist dieser von 6 bis 20 Uhr. Die Polizei stellt fest, dass die Menschen, die in den Posten kommen, nicht immer ein Anliegen haben, das direkt mit der Klett-Passage zu tun habe. Es würden sich hier Passantinnen und Passanten wegen Verlustmeldungen oder Diebstahlsanzeigen melden, auch Asylsuchende kommen dort hin. Gefragt seien auch Auskünfte zu Fahrplänen und Wegbeschreibungen – keine normale Kernaufgabe der Polizei.

Streifendienst machen in der Klett-Passage Beamtinnen und Beamte des Polizeireviers 2 an der Wolframstraße und zusätzliche Einsatzkräfte, die im Rahmen der Sicherheitskonzeption Stuttgart seit 2017 zusätzlich zur Verfügung stehen. „Letztere führen dort auch regelmäßig gemeinsame Streifen mit dem städtischen Vollzugsdienst und der Bundespolizei durch“, erläutert Sandra Hartmann von der Pressestelle der Polizei.

Zwei Maßnahmen hätten nicht den gewünschten Erfolg erzielt: Zur Fußball-EM 2024 wurde der Posten optisch aufgewertet. Das habe nicht dazu geführt, dass mehr Menschen sich bei der Polizei direkt dort melden würden. Besetzt ist der Posten mit dem Streifendienst des Reviers Wolframstraße. Auch im Jahr 2024 wurde eine Teilentwidmung vorgenommen: Bestimmte Bereiche am Rand, etwa vor den Geschäften, sind dadurch keine öffentliche Fläche mehr. Dort gilt das Hausrecht der SSB, und deren Sicherheitsdienst kann dann eingreifen. „Die Teilentwidmung hat ihre Wirkung nicht im erhofften Umfang entfaltet. Für die Betroffenen ist die Abgrenzung nicht klar erkennbar“, schildert Hartmann. Das schränke die Durchsetzungsfähigkeit ein.