Doris Leibinger bildete mit ihrem Mann den Mittelpunkt dieser Großfamilie – auch im Bewusstsein, dass die Familie in einem Familienunternehmen vom Rang des Weltmarkführers Trumpf eine zusätzliche, fundamentale Komponente hat. Ohne intakte Familie wäre ein so erfolgreiches Familienunternehmen schwer vorstellbar. Wenn Berthold Leibinger der Vater des Erfolgs war, dann war Doris Leibinger in diesem Sinne die Mutter.
Dieser Erfolg speiste sich aus Können, Disziplin, Fleiß, Resolutheit, Durchhaltevermögen, Zusammenhalt und der Bereitschaft, sich in den Dienst einer Sache zu stellen und Herzensanliegen zu formen. „Unsere Familie ist vom Ethos des schwäbischen Protestantismus geprägt“, sagte Nicola Leibinger-Kammüller jüngst in einem Interview. Diese Prägung ging von beiden Elternteilen gleichermaßen aus. Ebenso der Sinn für das, was das Leben in immateriellem Sinne bereichert: Musik, Literatur, Kunst.
Wegweisende Arbeit für das Kinder- und Jugendhospiz
Doris Leibinger war ein Kraftzentrum. Besonders auch für ihren Mann. Bei der Trauerfeier für Berthold Leibinger im November 2018 in der Stuttgarter Stiftskirche zitierte Altprälat Martin Klumpp ihn in seiner Predigt mit den Worten: „Wenn meine Doris kommt, wird es immer hell.“ Das strahlt sie auch auf Bildern aus: Helligkeit und ein herzhaftes Lachen.
Mit derselben Freude und Entschlossenheit verfolgte Doris Leibinger ihre sozialen Herzensanliegen. Sie entsprangen einer tiefen christlichen Überzeugung und Haltung. In ihren Worten: „Der Mensch muss sich aufgerufen fühlen zu helfen nach seinen Möglichkeiten. Der, der hat, soll großzügig sein.“ Das beherzigte sie auf vielfältige Weise, wobei es ihr nicht um Almosen, sondern um Respekt vor dem Leben ging. Und um Würde.
Davon zeugt ihr nachhaltiges Engagement für die Hospizarbeit in Stuttgart, die sie als Mitglied des Fördervereins 27 Jahre lang mit Rat und Tat und „frohem Herz“ unterstützte, wie der Verein dankbar vermerkt. Namentlich für das Erwachsenenhospiz und das 2017 eröffnete stationäre Kinder- und Jugendhospiz machte sie sich stark. Der Weg vom Tor bis zum Eingang des Gebäudes in der Diemershaldenstraße trägt ihren Namen. Das ist angemessen, denn für das modellhafte, weit über Stuttgart hinaus ausstrahlende Kinder- und Jugendhospiz ist sie buchstäblich wegweisend gewesen. Ohne Doris Leibinger würde es das Hospiz in dieser Form nicht geben. Auch andere Stuttgarter Einrichtungen verdanken ihrem Einsatz wichtige Impulse: die Behinderteneinrichtung BHZ oder das Anna-Haag-Mehrgenerationenhaus. Zudem brachte sie sich als Jugendschöffin ein.
Ihre Stiftung entfaltete eine große Wirkung
2007 konzentrierte sie ihre sozialen Aktivitäten in einer eigenen Stiftung. „Die Doris-Leibinger-Stiftung verfolgt mildtätige Zwecke mit dem Schwerpunkt Kinder und Jugendliche“, heißt es auf der Homepage dezent. Ihre Wirkung jedoch ist nicht hoch genug zu schätzen. Die großzügig bemessenen Stiftungsmittel kommen unter anderem jungen Missbrauchsopfern zugute. Auch in diesem Zusammenhang spricht Doris Leibinger von einem inneren Bedürfnis: „Es ist mir ein Herzensanliegen, hilfsbedürftigen Kindern, auch solchen, die der Willkür Erwachsener oft wehrlos ausgeliefert sind, hilfreich zur Seite zu stehen.“ Ihre Stiftung unterstützt außerdem Familien bei der häuslichen Pflege von schwerstbehinderten Kindern und engagiert sich für die Verbesserung der oft schwierigen Lebenssituation von blinden und taubblinden Menschen.
Der Anstoß zur Stiftungsgründung war eine Zufallsbegegnung mit einem taubblinden Kind gewesen. Dieses Erlebnis ließ Doris Leibinger nicht mehr los. Sie erkannte, dass es Menschen mit diesen Behinderungen an Unterstützung fehlte. In ihr gewannen die Taubblinden eine starke Fürsprecherin. Mit Hilfe der Doris-Leibinger-Stiftung wurden konkrete Verbesserungen erreicht. Dazu zählt die Ausbildung von Taubblindendolmetschern, an denen es vielerorts fehlt, auf deren Dienste Menschen mit eingeschränkten Sinnen bei Behördengängen jedoch dringend angewiesen sind. Weitere soziale Projekte sind in Planung. 2019 wurde mit der Stiftung taubblind leben eine Fördervereinbarung geschlossen. Ganz im Sinne und im Geist Doris Leibingers.
Nach innen und nach außen wirken – das fügte sich bei ihr zu einem stimmigen Bild. Doris Leibinger zeigte Herz für „die Ihren“ und für andere. Und sie liebte Stuttgart. 1934 wurde sie hier geboren, ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in Ditzingen. Nach dem Abitur 1953 machte sie in Stuttgart eine Ausbildung zur Dolmetscherin, arbeitete bei der Firma SEL. Sie nahm die Stadt aber auch von außen wahr. 1958 ging sie, frisch verheiratet, mit ihrem Mann in die USA. 1961 kehrte die junge Familie mit Tochter Nicola nach Deutschland zurück. Parallel zur Familie wuchs auch das Familienunternehmen.
Stuttgart wünschte sie mehr Selbstbewusstsein
Weil sie Stuttgart liebte, konnte sie auch an Stuttgart leiden. Etwa wenn sie den Eindruck hatte, die Stadt würde schlecht regiert oder schlechtgemacht. Das „ewige Gemaule“ über Stuttgart mochte sie nicht. Nach ihrem Geschmack konnte die Stadt mehr Selbstbewusstsein vertragen: „Seien wir doch froh, dass Stuttgart ein bisschen mehr Pfiff, ein bisschen mehr Schick und Eleganz bekommt“, schrieb sie einmal. Überhaupt sollte die Landeshauptstadt stolz auf das sein, was sie zu bieten hat – gerade auch in der Kultur. Zu deren Förderung haben sie und ihre Familie großzügig beigetragen. Profitiert haben das Kunstlied, die klassische Musik, das Landesmuseum Württemberg und viele andere Kultureinrichtungen mehr.
Ein weiteres Herzensanliegen war ihr der Dialekt. Doris Leibinger war Schwäbin durch und durch. Mit größter Selbstverständlichkeit. Die Mundart entsprach ihrer direkten, ungekünstelten und bodenständigen Art. Es war ihr zum Beispiel wichtig, dass man „Grüß Gott“ sagt statt „Guten Tag“. Am vergangenen Samstag ist sie im Alter von 86 Jahren in Gerlingen verstorben. Der Schwabe würde sagen: „Ade Doris Leibinger.“