Paartherapeut Markus Wagner weiß, wie man mit Zweifel umgehen kann. Foto: privat/KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle
Ein Paartherapeut erklärt, wie Zweifel in Beziehungen in etwas Positives umgewandelt werden können und weshalb man sich immer erst einmal selbst hinterfragen sollte.
Ina Schäfer
26.11.2025 - 06:00 Uhr
Wenn Paare an der Beziehung zweifeln, muss das nicht ihr Aus bedeuten. Der Stuttgarter Paartherapeut Markus Wagner erklärt, weshalb Unsicherheiten – vor allem in Zeiten des Umbruchs – ganz normal sind und gibt Tipps, wie mit Zweifeln umgegangen werden kann.
Welche Zweifel haben die Paare, die zu Ihnen in die Praxis kommen?
Es gibt viele verschiedene Arten von Zweifeln. Das eine ist: Ist diese Partnerschaft die richtige für mich? Ist die Zukunft, in die wir uns hinbewegen die richtige? Ist das Beziehungsmodell das richtige?
Wie entstehen Unsicherheiten bezüglich der Beziehung?
Es ist immer wichtig, die Paardynamik anzuschauen. Denn oft hängen Unsicherheiten mit negativen Interaktionsmustern zusammen. Wenn sich ein Paar voneinander entfernt oder sich permanent destruktiv streitet, kommen oft Zweifel auf, im Sinne von: ‚Wir streiten uns immer so heftig, das kann ja nicht das Richtige sein!‘. Oder jemand fühlt sich in der Partnerschaft zu wenig beachtet und respektiert – auch das kann zu Unsicherheit führen. Bedenken gibt es auch aufgrund unterschiedlicher Bedürfnisse. Jeder hat seine ganz eigenen Bedürfnisse, das ist auch völlig normal in Paarbeziehungen. Jedoch reicht es nicht, diese einmal zu besprechen, sondern die müssen kontinuierlich im Laufe der Beziehung immer wieder ausgehandelt werden.
Weil sich Menschen im Laufe der Zeit verändern und sich auch das Leben des Paares ändert – etwa durch Kinder, einen Jobwechsel oder Ähnliches?
Ja, absolut. Gerade in Phasen, in denen es viel Stress und große Veränderungen gibt, treten Schwierigkeiten auf. Das Thema Kinder ist ein gutes Beispiel: Wenn Kinder auf die Welt kommen, muss jeder eine Rolle einnehmen, die es vorher in der Beziehung noch gar nicht gab. Das Paar hat plötzlich viel mehr zu tun, ist zeitweise vielleicht überfordert - gerade in solchen Situationen kommen vermehrt Zweifel auf. Paare streiten sich mehr, es kommen neue To-dos, die verteilt werden müssen. Weshalb kann der Mann nicht so gut wickeln wie ich oder andersrum? Ich sehe den Partner auf einmal ganz anders, nicht mehr als Liebespartner sondern als Elternteil. Da kann die freundschaftliche Ebene ins Spiel kommen, wo zuvor die romantische Ebene überwogen hat. Dass sich Gefühle manchmal für einige Zeit ändern ist ok, die verändern sich normalerweise auch wieder in eine positive Richtung.
Paartherapeut Markus Wagner Foto: privat
Wann werden in solchen Phasen die Zweifel kritisch?
In so einer Phase fehlt oft die Nähe. Wenn man sich in der Beziehung zu sehr voneinander distanziert ist das immer sehr schwierig zu managen für Paare. Wenn die Paardynamik leidet, kann das die Zweifel sehr groß werden lassen.
Wie sieht eine gesunde Paardynamik aus?
Es ist eine gute Mischung aus Nähe und Distanz. Manchmal ist man sich sehr nah und dann entfernt man sich wieder, das ist ganz normal. Es gibt zwei Grundbedürfnisse im Menschen: Das eine ist das Bindungsbedürfnis, also das Bedürfnis nach einer sicheren Bindung und das zweite ist das Autonomiebedürfnis, also so zu sein, wie man ist. Sich auch mal abzugrenzen von anderen und das zu machen, worauf man Bock hat. Diese zwei Grundbedürfnisse sind sehr wichtig für jeden von uns und die können nur in einer dynamischen Paarbeziehung gelebt werden. Wenn ein Paar sich nur nah ist, wird das Autonomiebedürfnis aufgegeben, wenn ein Paar nur distanziert ist, ist das schlecht für das Bindungsbedürfnis.
Aufgrund dieser Dynamik, dass sich Paare immer wieder voneinander entfernen, ist es also ganz normal, dass hin und wieder Zweifel aufkommen?
Das ist ganz normal, ja. Außerdem hinterfragt jeder sich oder andere Dinge mal - das gehört ebenfalls dazu. Doch wenn die Zweifel in der Paarbeziehung überwiegen, dann ist es ungesund. Wichtig ist, dass sie nicht dominieren.
Ist es auch eine Frage von Selbstbewusstsein, wie sicher man sich mit der Entscheidung für diesen Partner und diese Beziehung ist?
Das ist auf jeden Fall ein Thema, das verstärkt bei unsicher gebundenen Menschen auftreten kann. Wer sich unsicher fühlt oder nie eine sichere Bindung erfahren hat, neigt generell zu Zweifeln. Sie zweifeln an sich selbst, hinterfragen sich kontinuierlich und denken sich dann: Mein Partner könnte ja auch an mir zweifeln! Wie kann der mich mögen, wie kann der mit mir zusammen sein?
Und dann steht wahrscheinlich im Vordergrund, an sich selbst und nicht an der Beziehung zu arbeiten?
Wenn es um Zweifel geht, muss man sich generell erst einmal selbst hinterfragen: Was hat das eigentlich mit mir zu tun, wenn ich unsicher bin? In welchen Situationen kommt die Unsicherheit und zweifle ich generell an Beziehungen, auch an freundschaftlichen? Ist das eher ein Thema, das ich mit mir selber habe? Also erst einmal eine Selbstkonfrontation mit dem Zweifel. Und dann, wenn ich ihn anspreche, versuchen ein ehrlich mutiges Gespräch mit dem Partner zu führen.
Wenn der Zweifel eher etwas mit mir zu tun hat, sollte ich den weniger ansprechen. Jedes Mal, wenn ich meine Bedenken äußere, verletze ich ja den anderen, das muss einem bewusst sein. So etwas macht ja was mit einem. Trotzdem: Man kann sehr gut über Zweifel sprechen, das mache ich viel in den Paartherapien. Es ist wichtig darüber zu sprechen, wenn im Sinne einer Veränderung darüber gesprochen wird. Ein Zweifel ist oft eine unklare Formulierung dessen, was ich eigentlich möchte.
Um es positiv zu formulieren, kann das Aussprechen der Bedenken also auch dazu führen, dass geschaut wird, wo die Probleme in der Beziehung liegen?
Der Zweifel ist die harte Axt, die es braucht, um Bedürfnisse zu erkennen und dann im besten Fall eine Veränderung herbeizuführen. Das ist natürlich etwas, das man erst einmal herausarbeiten muss, was gar nicht so einfach ist: Nicht jeder hat einen klaren Zugang zu seinen Bedürfnissen oder kann seine Bedürfnisse klar äußern. Das Aussprechen ist aber ein guter Weg in die Richtung. Außerdem tut es auch nicht gut, Bedenken immer herunterzuschlucken und dann in Streitsituationen damit herauszuplatzen.
Sie plädieren für Ehrlichkeit?
Ich sage immer, jede Paarbeziehung braucht Ehrlichkeit, aber nicht die gnadenlose Ehrlichkeit. Die gnadenlose Ehrlichkeit kann Schaden anrichten. Ich kann Zweifel schon aussprechen, aber ich muss auch schauen, was das mit dem Partner macht. Wenn ich jeden Zweifel anspreche, der mir durch den Kopf geht, dann wäre das die gnadenlose Ehrlichkeit. Wenn ich gar keinen Zweifel anspreche, obwohl ich welche habe, dann wäre es aber auch unehrlich und das tut der Beziehung auch nicht gut. Das Maß ist entscheidend.
Zur Person
Markus Wagner Der Diplompsychologe ist 1976 in Marbach am Neckar geboren und führt heute eine Praxis im Stuttgarter Westen. Dort bietet er Psychotherapie, Paartherapie und Coachings an.
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