Walter Hartmann aus Bonlanden gilt als Koryphäe auf dem Gebiet des Obstbaus. Jetzt ist er für seine Arbeit geehrt worden. Sein aktuelles Projekt: Die Züchtung resilienter Mostbirnen.

 Der Zustand der Kiwi-Pflanze gefällt ihm gar nicht. Betrübt begutachtet Walter Hartmann die braunen Blättchen an den gewaltigen Schlingen, die über den Balkon seines Hauses am Ortsrand von Bonlanden ranken. Der Frost ist der Pflanze nicht bekommen. Im vergangenen Jahr hat sie der Familie 180 Kilo Obst beschert, aber ob sie heuer überhaupt Früchte tragen wird, ist unklar. „Das tut mir im Herzen weh“, sagt Walter Hartmann, und in seinem Fall ist das nicht zu hoch gegriffen.

 

„Ich gucke jetzt im Frühjahr nach den Blüten und im Herbst nach dem Obst.“

Walter Hartmann, Zwetschgen-Experte

Walter Hartmann hat eine besondere Beziehung zu Obst. Den 83-Jährigen nennt man landläufig den „Zwetschgenpapst“. Der Pomologe war ehemals an der Uni Hohenheim vor allem für die Zwetschgenzucht zuständig. Um die 25 neue Sorten gehen auf sein Konto, darunter auch die erste Zwetschge, die gegen das gefährliche Scharka-Virus resistent ist. Seine Leidenschaft fürs Züchten, fürs Veredeln und Recherchieren brachte ihm den Beinamen ein.

Doch auch Äpfeln, Birnen oder Kirschen widmet er sich mit Hingabe. Der Obstlehrpfad in Bonlanden und die Ausbildung von Streuobst-Guides in Filderstadt gehen auf seine Kappe, den Museumsobstgarten, in dem mehr als 70 alte, fildertypische und wilde Obstsorten zu finden sind, hat er unter seinen Fittichen. Walter Hartmanns Buch „Alte Obstsorten“ ist ein Standardwerk und hat sich bis heute um die 70 000 Mal verkauft. Obstsorten erkennt die Koryphäe an der Baumform, Früchte an der Form ihrer Kerne.

Walter Hartmann bekommt den Verdienstorden des Landes

Für herausragende Verdienste um das Land Baden-Württemberg ist Walter Hartmann dieser Tage vom Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann persönlich der Verdienstorden des Landes verliehen worden; die höchste Auszeichnung hierzulande. 2018 hat er bereits die Staatsmedaille in Gold des Landes erhalten, vergeben durchs Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz. Nun war der Bonländer eine von 27 Persönlichkeiten, die im Neuen Schloss geehrt wurden, darunter auch der frühere Minister Franz Untersteller, der Komiker Dominik Kuhn alias Dodokay oder der Fußballstar Thomas Hitzlsperger. Letzterer saß gleich neben dem Ehepaar Hartmann und den drei Töchtern. „Es war ein tolles Fest, alle waren begeistert“, sagt er.

Die Zwetschge: etwa 25 neue Sorten gehen auf Walter Hartmanns Konto. Foto: Stefanie Schlecht

Schloss hin oder her, am liebsten hält sich Walter Hartmann in der Natur auf, fährt auf seinem E-Bike umher und geht auf die Suche. „Ich gucke jetzt im Frühjahr nach den Blüten und im Herbst nach dem Obst“, sagt er. Mal nimmt er nur Fotos mit, die dann im Streuobstkalender landen, die er seit Jahren für seinen Verein zur Erhaltung und Förderung alter Obstsorten gestaltet – „Ich habe mindestens 100 000 Bilder, aber ich mache immer neue“ –, mal steckt er Obst ein, das er dann daheim bestimmt.

Walter Hartmann ist auf einem Bauernhof im Hohenlohischen ausgewachsen. Der Vater habe ihm als Bub alle Obstsorten erklärt, „da war das Interesse geweckt“. Nach der landwirtschaftlichen Ausbildung folgten die Ingenieurschule in Nürtingen, später ein Studium der Agrarwissenschaften in Hohenheim und die Promotion. An der renommierten Hochschule auf den Fildern blieb er schließlich bis zum Ruhestand 2008.

Hartmann hat alle Streuobstbäume in Filderstadt erfasst

Ehrenamtlich geht es aber weiter. Walter Hartmann engagiert sich in Vereinen, Interessengruppen und in Kooperation mit der Stadt. Er ist Botschafter, Berater und Mahner, greift, wenn es sein muss, selbst zum Dünger oder steigt auf Leitern, um Misteln aus Baumkronen zu entfernen. Vor Jahren schon hat er alle 24 000 Streuobstbäume in Filderstadt erfasst. „Wir waren die Ersten im Land, die so was machen“, der Erhalt der Kulturlandschaft ist ihm ein besonderes Anliegen. Retten, was zu retten ist. „Es gehen jedes Jahr viele kaputt, wir haben ein Riesenproblem mit der Mistel“, sagt er.

Nun schickt sich der Zwetschgenpapst an, auch der Birnenpapst zu werden. 2020 bis 2024 hat er sich intensiv der Züchtung von resilienten Mostbirnen gewidmet und jedes Jahr 30 000 Blüten per Pinsel bestäubt. Die ganze Familie – die Gattin, die drei Töchter und die acht Enkel – habe er dafür eingespannt. Die Kreuzung sei fertig, die Bäumchen seien ausgepflanzt. „Jetzt warte ich, dass die ersten Blüten kommen“, doch „ob ich so erfolgreich bin wie bei der Zwetschge, weiß ich nicht“.