Meike Hirschauer will Aufklärungsarbeit leisten und hat eine Elterngruppe zum Thema Legasthenie gegründet. Foto: Simon Granville, KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle
Die Zwillinge der Familie Hirschauer aus Ludwigsburg haben eine Lese-Rechtschreibstörung. Der Alltag ist für sie eine Herausforderung. Doch ihre Schwierigkeiten werden oft verkannt.
Für die elfjährigen Zwillinge ist es ein täglicher Kampf. Während die Klassenkameraden bereits ihre Freizeit genießen, sitzen die beiden Fünftklässler aus Ludwigsburg meist noch am späten Nachmittag an ihren Hausaufgaben. Sie sind nicht weniger intelligent als ihre Freunde, aber haben eine Lese-Rechtschreibstörung. „Für uns ist der Alltag eine fortwährende Herausforderung“, sagt Meike Hirschauer, ihre Mutter.
Dass das Lesen und Schreiben ihren Kindern schwerer fällt als Gleichaltrigen, wurde der 51-Jährigen erst bewusst, als die Zwillinge in die zweite Klasse gingen. „Damals habe ich vor allem bei einem von ihnen gemerkt, dass das Lesen keine spürbaren Fortschritte macht“, erinnert sie sich.
Sorgen werden nicht ernstgenommen
Der Junge litt unter dem Druck. „Er war am Boden zerstört“, sagt Hirschauer. Dass er länger als seine Mitschüler benötigte und mehr Fehler machte, ging nicht spurlos an dem Grundschüler vorüber. „Fast jeden Tag kam er weinend nach Hause“, erklärt sie. Um ihm die Last zu nehmen, entschieden die Eltern, dass ihr Sohn freiwillig die zweite Klasse wiederholen sollte.
Bei ihrem anderen Sohn war die Legasthenie weniger auffällig. Er liest langsamer, hat aber vor allem größere Probleme mit der Rechtschreibung. „Die Grundschule war für beide fürchterlich“, sagt die Mutter.
Die Zwillinge von Meike Hirschauer sind auf den ersten Blick unauffällig. Foto: privat//Familie Hirschauer
Mit ihren Sorgen und Bedenken wurde Meike Hirschauer an mehreren Stellen nicht ernstgenommen. „Man sieht es den Kindern nicht an“, sagt sie. Die Lehrer an der Grundschule wollten abwarten, verwiesen an den Kinderarzt. Dieser wiederum sagte, dass die Zuständigkeit bei der Schule liege. Mehrfach bekam sie zu hören, das werde besser. „Es wird immer wieder abgetan, weil nicht überall anerkannt wird, dass es sich bei Legasthenie um eine Behinderung handelt“, meint sie.
Verzweiflung und Unsicherheit nach der Diagnose
Mit der Diagnose wurden die Fragen nicht weniger: Was sollte sie tun? Wo bekämen ihre Kinder Hilfe? „Ich war verzweifelt, weil ich nicht wusste, wie ich an Infos kommen sollte“, erinnert sich die Ludwigsburgerin. Ihr fehlte ein Austausch mit anderen betroffenen Eltern. Doch eine Selbsthilfegruppe gab es nicht. Daher wandte sie sich an den Landesverband für Legasthenie und Dyskalkulie. Er unterstützte sie mit einem Aufruf. So kam im Jahr 2023 das erste Treffen der Elterngruppe Ludwigsburg und Umgebung zustande.
Dass die Probleme überall ähnlich sind, hat Meike Hirschauer durch die Gespräche mit anderen Eltern erfahren. Die Treffen finden inzwischen etwa fünfmal jährlich in Ludwigsburg und Umland statt. „Von dem persönlichen Austausch nehmen alle am meisten mit“, sagt sie. Dem Frust in einem geschlossenen Rahmen Luft machen, das tue gut. „Es ist für Familien eine anhaltende Stresssituation“, sagt sie. Man wolle seine Kinder bestmöglich unterstützen und ihnen beim Lernen helfen. „Aber es greift einen auch emotional an“, gibt sie zu.
Wechsel auf die Gemeinschaftsschule bringt Spaß am Unterricht
Besonders aber für die Kinder ist die Legasthenie eine psychische Belastung. Darunter leidet der Selbstwert. In der Lerntherapie, die die Zwillinge seit geraumer Zeit machen, bekommen sie nicht nur Strategien an die Hand, wie es mit dem Lesen und Schreiben besser klappt, sondern werden auch seelisch aufgebaut. „Es ist mehr als nur Nachhilfe“, betont die Mutter.
Seit dem Wechsel auf die Gemeinschaftsschule haben die Zwillinge Spaß am Unterricht. In Fächern wie Biologie, IT und Erdkunde ist der Stoff abwechslungsreich und entspricht eher den Interessen der beiden Jungen. „Plötzlich gibt es in der Schule Erfolgserlebnisse“, sagt Hirschauer. Allerdings sind Textaufgaben und das Auswendiglernen noch immer nicht leicht. Und: Mit der ersten Fremdsprache, Englisch, wird das Lesen und Schreiben neuerlich zu einer großen Herausforderung.
Vortrag gibt Tipps
Deshalb ist es wichtig, dass betroffene Kinder einen Nachteilsausgleich erhalten. Zum Beispiel mehr Zeit zum Bearbeiten einer Aufgabe eingeräumt bekommen oder Hilfsmittel nutzen dürfen. Doch das ist längst keine Selbstverständlichkeit. „Viele Lehrer kennen sich damit nicht aus“, weiß Hirschauer. Immer wieder hat sie in Gesprächen um Verständnis geworben.
Weil noch viel Aufklärungsarbeit nötig ist, hat die Ludwigsburgerin mit dem Landesverband einen kostenlosen Vortrag zum Thema Legasthenie organisiert. Er findet statt am Freitag, 24. April, von 18.30 Uhr an in der Aula der Gemeinschaftsschule Innenstadt, Alleenstraße 21, in Ludwigsburg. Schulpsychologin Bettina Multhauf wird darüber sprechen, wie Eltern und Pädagogen Kinder stärken und unterstützen können. Wer Kontakt zur Gruppe sucht, kann sich an diesem Abend oder per E-Mail an ledy.elterngruppe.lb@web.de mit Meike Hirschauer in Verbindung setzen.
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