Besuchermagnet in München
: Überwältigende Welten

Eine raumgreifende Ausstellung im Münchner Haus der Kunst nimmt Besucher gefangen und weckt das Interesse an ökosozialen Visionen. Ein Kunststück, das dem Argentinier Tomás Saraceno gelingt.
Von
Jan Sellner
München
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Installation bei der Ausstellung "Verwobene Welten" von Tomas Saracento im Haus der Kunst in München

Installation in der Ausstellung "Verwobene Welten" von Tomás Saraceno im Haus der Kunst in München

Haus der Kunst München, 2026/Jan Sellner
  • Im Haus der Kunst München zeigt Tomás Saraceno „Verwobene Welten“ – eine raumgreifende Schau.
  • Ein Ballon aus verbundenen Plastiktüten, „Museo Aero Solar“, bläht sich durch Fahrräder auf.
  • Im Raum „Towards the Sanctuary of Water“ schweben Kugeln über Wasser, Beamer zeigen Spinnen.
  • Tonnenweise Salz bedeckt zwei Räume und verweist auf Lithiumabbau und seine Folgen in Argentinien.
  • Spinnennetz-Installation erzeugt Klänge bei Berührung, echte Spinnweben sind in Vitrinen zu sehen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Ist das Kunst oder . . . ein Versuch, die Welt zu retten? Oder wenigstens einen Teil davon? Und ihre Bewohner aufzurütteln? Der Gedanke begleitet einen beim Gang durch die Ausstellung des Argentiniers Tomás Saraceno im Haus der Kunst in München. „Verwobene Welten“ lautet der Titel dieser von Sarah Johanna Theurer und Andrea Lissoni kuratierten, in jeder Hinsicht raumfüllenden und ausgreifenden Schau. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Besucher selbst in sie hineinverwoben und Teil des Ganzen wird. Das beginnt beim Entrée, dem Mittelbau, in dem ein riesiger Ballon gelandet zu sein scheint. Aus der Nähe wird klar: es handelt sich um Unmengen von Plastiktüten, die Saraceno mit einander verbunden hat. Ein begehbarer Müllberg oder -ballon, dem er den Titel Museo „Aero Solar“ gegeben hat und der sich dank Muskelkraft aufbläht; für das Gebläse sorgen Fahrräder, die rund um das bunte Tüten-Monster platziert sind.

Schon da wird klar: Saraceno, 53, arbeitet mit Mitteln der Überwältigung. Wie anders, als ein kleines Element kann man sich fühlen, wenn man den ersten, mit „Towards the Sanctuary of Water“ betitelten, großen Raum betritt, der Weltraum-Ambitionen hat. Riesige Kugeln schweben wie silberfarbene Planeten durch Saracenos Universum, spiegeln sich in einer Wasserfläche. Gleichzeitig erzeugen Beamer Lichtspiele und projzieren Spinnen an die Wände, die sich dort auf und ab bewegen - ein Vorgeschmack auf die „verwobenen Welten“, die noch folgen werden.

Kunstvoll gesplnnte Schnüre, die bei Berührung Töne erzeugen

Kunstvoll gesplnnte Schnüre, die bei Berührung Töne erzeugen: „Algo-R(h)i(y)thms“

Haus der Kunst München, 2026/Jan Sellner

Aus dem Dunkel führt der Weg in gleißendes Licht. Dieser Effekt stellt sich ein durch tonnenweise Salz, mit dem der Boden der beiden nächsten Räume bedeckt ist. Vorbei ist es mit der Raumfahrerei, jetzt wird anhand von Zahlen und Fakten gelernt, was Menschen bei der Ausbeutung von Rohstoffen in der Natur anrichten und an indigenen Völkern, die mit ihr verwoben sind.

Künstlerische Intervention gegen den Lithiumabbau

Es geht um Lithium, den zentralen Baustein von Batterien, dessen Abbau in der Atacama-Wüste in Argentinien enorme Wasserressourcen verschlingt. Saraceno präsentiert, großflächig wie alles hier, seine Forschungsprojekte „Aerocene“ und „Arachnophilia“. Dazu eine Art Mahnmal, das in den Las Salinas Grandes im Norden Argentiniens gemeinsam mit den dort beheimateten indigenen Ge­mein­schaften entsteht: igluartige Halbkugeln aus Salz, unwirklich schön, und - sobald man mit den Hintergründen vertraut gemacht ist - von beklemmender Dringlichkeit. In der Verbindung von Kunst, Architektur und Wissenschaft entstehen ökosoziale Zukunftsvisionen“, heißt es im Begleittext.

Spinnweben - ausgestellt wie Schätze

Spinnweben - ausgestellt als wäre es ein Schatz

Haus der Kunst München, 2026/Jan Sellner

Verwoben ist der Besucher in Saracenos unreal reale Welten spätestens dann, wenn er auf eine - erneut raumhohe - Installation aus Fäden blickt und diese, was ausdrücklich erwünscht ist, betritt. Wochenlang haben Mitarbeiter hier ein spinnennetzartiges Gewebe mit dem Titel „Algo-R(h)i(y)thms“ geknüpft, das den Betrachter gefangen nimmt, ohne dass er zur Beute wird. Beim Berühren der Fäden entstehen Klänge. Die Luft vibriert. Raum und Musik - auch sie sind miteinander verwoben. Von dort ist es ein konsequenter Schritt zu tatsächlichen Spinnweben, Kunstwerken der Natur, die Saraceno in dunkler Umgebung in beleuchteten Vitrinen wie Schätze präsentiert. Geisterhaft, meisterhaft, der Grad der Verwobenheit.

Saracenos Ausstellung entspinnt einen Zauber, dem man sich schwer entziehen kann. Bis 7. Februar 2027 strahlt er von München ins Land hinein aus.