Deutscher Buchpreis 2026: Diese sechs Romane stehen auf der Shortlist

Deutscher Buchpreis: Shortlist 2026
Lena EverdingDie Entscheidung rückt näher: Sechs Romane haben es in diesem Jahr auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. Unter den Finalistinnen und Finalisten sind Shida Bazyar, Franziska Gänsler, Valeria Gordeev, Elias Hirschl, Peggy Mädler und Dana Vowinckel. Der Sieger oder die Siegerin wird am 5. Oktober 2026 zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse bekannt gegeben.
Insgesamt hat die siebenköpfige Jury 205 Romane gesichtet, die zwischen Oktober 2025 und dem 8. September 2026 erschienen sind. Aus ihnen wurden zunächst die Kandidaten der Longlist und nun die sechs Titel für das Finale ausgewählt.
Jurysprecherin Cornelia Geißler von der „Berliner Zeitung“ hebt vor allem die thematische und sprachliche Vielfalt der nominierten Bücher hervor. Die Romane beschäftigten sich mit Geschichte und politischen Verbrechen ebenso wie mit individuellen Freiheiten, Freundschaft, Liebe, Gewalt und der Suche nach einem Platz in der Welt. Zugleich zeige die Auswahl, wie unterschiedlich Gegenwart literarisch erzählt werden könne.
Shida Bazyar: „Die Lücken“
Mit „Die Lücken“ richtet Shida Bazyar den Blick auf die Frage, wie Vergangenheit in Orten, Familien und Lebensgeschichten fortwirkt. Schauplatz ist das fiktive Heimesbach im Hunsrück, in dem sich rund neun Jahrzehnte deutscher Geschichte überlagern.
Der Roman erzählt von jüdischen Familien, die während des Nationalsozialismus alles verlieren, von Profiteuren des Regimes, die sich später als harmlose Mitläufer darstellen, und von Menschen, die Jahrzehnte danach aus dem Iran nach Deutschland fliehen und in dem Dorf eine neue Heimat suchen.
Bazyar verbindet die verschiedenen Biografien zu einem Panorama über Erinnerung und Verdrängung. Dabei geht es auch um die Frage, ob ein gesellschaftlicher Neubeginn überhaupt möglich ist, wenn die Fundamente der Vergangenheit nicht offengelegt werden.
Franziska Gänsler: „Orca“
Im Mittelpunkt von Franziska Gänslers Roman steht Cora, deren Alltag aus Arbeit an einer Supermarkt-Fleischtheke und stillen Nächten besteht. Als ihre frühere Freundin Olympia verhaftet wird, wird Cora jedoch mit einer Vergangenheit konfrontiert, die sie längst hinter sich geglaubt hatte.
Erinnerungen führen zurück in einen gemeinsamen Sommer, in dem sich die beiden wieder näherkommen. Doch Olympia schließt sich zunehmend einer Aktivistengruppe an. Nach einer illegalen Party und ersten Grenzüberschreitungen beginnt auch Cora, sich immer stärker in die Ereignisse hineinziehen zu lassen.
Was zunächst wie die Geschichte einer intensiven Freundschaft beginnt, entwickelt sich zu einem Roman über Zugehörigkeit, Radikalisierung und die Frage, wie weit ein Mensch geht, um für einen anderen wichtig zu bleiben.
Valeria Gordeev: „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“
Die Bachmann-Preisträgerin Valeria Gordeev erzählt in ihrem Debütroman von einer Familie, deren Leben zwischen Kyjiw, Moskau und Berlin auseinanderdriftet.
Konstantin arbeitet in einem unterirdischen Forschungslabor in Moskau, in dem Lenins Leichnam konserviert wird. Seine Schwester Lada kämpft währenddessen in Berlin mit einer Haussanierung, die ihre Wohnung praktisch unbewohnbar macht. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs verstehen die Geschwister einander immer weniger.
Gordeevs Roman verbindet Familiengeschichte, Wissenschaft, Macht und politische Gegenwart zu einer ebenso ungewöhnlichen wie überbordenden Erzählung.

Deutscher Buchpreis: Shortlist2026
Lena EverdingElias Hirschl: „Schleifen“
Elias Hirschl widmet sich in „Schleifen“ der Macht der Sprache. Seine Hauptfigur Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet bereits als Kind unter einer eigenartigen Erkrankung: Sobald sie von einem Krankheitssymptom hört oder darüber liest, entwickelt sie es selbst.
In dem Mathematiker Otto Mandl findet sie einen Menschen, der ihre Faszination für Sprache teilt. Gemeinsam entdecken sie einen möglichen Ausweg aus Franziskas Leiden: Wörter aus ausgestorbenen Sprachen. Daraus entwickelt sich eine immer größere sprachliche Obsession.
Die beiden beginnen nach einer vollkommenen Sprache zu suchen und treiben ihre Forschungen immer weiter. Hirschl verknüpft historische und wissenschaftliche Elemente mit erfundenen Biografien und macht daraus einen Roman über Sprache, Wahrnehmung und die Grenzen menschlicher Erkenntnis.
Peggy Mädler: „Selbstregulierung des Herzens“
Peggy Mädler erzählt von Liebe, Freundschaft und Loyalität unter den Bedingungen staatlicher Kontrolle. Ihr Roman spannt einen Bogen von der DDR bis in die ersten Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung.
Zu den zentralen Figuren gehören Georg, der zunächst davon überzeugt ist, seinem Land mithilfe von Computern und Kybernetik eine Zukunft eröffnen zu können, und die Künstlerin Mona. Um sie versammelt sich ein größeres Ensemble: Intellektuelle, Künstlerinnen und Künstler, Reformer und Menschen, die die DDR schließlich verlassen.
Der Roman handelt von Nähe und Distanz, Anpassung und Widerstandskraft – und davon, was von großen Hoffnungen bleibt, wenn gesellschaftliche Systeme zusammenbrechen.
Dana Vowinckel: „Anton und Alma“
Dana Vowinckel erzählt die Geschichte einer Beziehung, die zunehmend unter dem Druck politischer und gesellschaftlicher Konflikte steht.
Anton und Alma begegnen sich erstmals bei einem Schüleraustausch in der Bretagne. Später treffen sie sich in Berlin wieder und werden ein Paar. Ihre Lebensgeschichten könnten jedoch unterschiedlicher kaum sein: Anton stammt aus einer Akademikerfamilie und ist Jude, Alma wächst am östlichen Berliner Stadtrand in schwierigen familiären Verhältnissen auf.
Als Anton für seine Masterarbeit nach New York zieht, bleibt Alma in Berlin zurück und sucht zunehmend Halt in einem religiösen Umfeld. Mit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Gaza-Krieg verändert sich auch die Beziehung der beiden. Die Polarisierung an der Universität, in Antons Familie und im gesellschaftlichen Umfeld dringt immer stärker in ihr gemeinsames Leben ein.
„Anton und Alma“ erzählt damit nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern auch von Religion und Zugehörigkeit, Trauer, politischer Spaltung und dem Wunsch nach einem Ort, an dem persönliche Nähe noch möglich ist.
Preisverleihung Anfang Oktober
Neben Cornelia Geißler gehören Theresa Donner von der Buchhandlung „heiter bis wolkig“ in Halle an der Saale, NDR-Journalist Jan Ehlert, Literaturwissenschaftlerin Maha El Hissy, Emily Grunert vom Literaturbüro NRW, Stefanie Kreuzer von der Universität Kassel sowie „Zeit“-Autor Adam Soboczynski zur diesjährigen Jury.
Der Deutsche Buchpreis wird von der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels vergeben. Der ausgezeichnete Roman erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro. Die übrigen fünf Autorinnen und Autoren der Shortlist bekommen jeweils 2.500 Euro.
Wer den Deutschen Buchpreis 2026 gewinnt, entscheidet sich am 5. Oktober im Kaisersaal des Frankfurter Römers. Die Preisverleihung wird auch live im Internet übertragen.



