Die Sixtinische Kapelle: Ein kreisender Wirbel der höheren Ordnung
Stuttgart - Kardinal müsste man sein. Dann hätte man dieser Tage das Privileg, sich in der Sixtinischen Kapelle in Gesellschaft von höchstens 114 Kollegen (falls keiner krank geworden ist) in aller Ruhe umzuschauen und diese unfassbaren Bilder in sich aufzunehmen. Als Normalsterblicher gelangt man in die prächtigste Wahlkabine der Welt während des Konklaves natürlich überhaupt nicht und unter gewöhnlichen Umständen nur, wenn drangvolle Enge herrscht, da sich mindestens dreihundert Touristen zugleich darin aufhalten, die im Gewühle, überbrüllt von einer im Minutenabstand „Silenzio“ donnernden Lautsprecherstimme, vergeblich versuchen, so etwas wie Konzentration oder Andacht im Angesicht der Superlativkunst an Wänden und Decke aufkommen zu lassen.
Aber es ist immer zu laut und zu eng und zu heiß, und mit den berühmten Fresken ergeht es einem wie mit den abgenudelten Greatest Hits aus der Klassikabteilung, „Kleine Nachtmusik“ oder – dadada daaaaa – Fünfte von Beethoven. Man hört und sieht das alles schon gar nicht mehr richtig. Überblendet von Werbebildern haben die Originale, allen voran Michelangelos „Erschaffung Adams“ mit den zwei prominentesten Zeigefingern der Kulturgeschichte, Mühe, sich gegen ihre kommerzielle Vernutzung zu behaupten. Der Besuch endet damit, dass man sich draußen auf dem Petersplatz an einem Kiosk eine in komischem italogermanischem Kauderwelsch verfasste Broschüre über die Sixtina kauft oder daheim im Kunstband blättert, um die Gemälde mal ungestört zu betrachten. „Wäre nur ein Mittel, sich solche Bilder in der Seele recht zu fixieren“, seufzte schon der Italienreisende Goethe 1786, nachdem er den „Plafond“ dieses Sanktuariums angeschaut hatte.
Monumentalgemälde an der Stirnseite
Wäre man aber Kardinal, könnte man, während die anderen Eminenzen einzeln mit ihren Stimmzetteln zur Urne gehen, seine Augen jeden Tag gemächlich über die Fresken wandern lassen, in der Summe eine Essenz dessen, was die Malerei der Renaissance an Großmeistern hervorgebracht hat: Perugino, Botticelli, Pinturicchio, Ghirlandaio, Signorelli, Rosselli und – den größten von allen – Michelangelo. Man würde die Ruhe und Kühle in diesem ungefähr vierzig Meter langen, dreizehneinhalb Meter breiten und 21 Meter hohen Raum genießen, der nach seinem Bauherrn, Papst Sixtus IV., benannt wurde – bis man dann selber aufgerufen wird, aufsteht und sich nach vorn zur Stimmabgabe begibt.
Dabei würde man frontal auf Michelangelos „Jüngstes Gericht“ an der Stirnseite der Kapelle zuschreiten, dieses 200 Quadratmeter große Monumentalgemälde, das der Künstler mehr als zwanzig Jahre nach den Deckenbildern schuf, die er zwischen 1508 und 1512 im Auftrag von Papst Julius II. gemalt hatte. Geht es im Gewölbe um die Schöpfungsgeschichte, zeigt die Komposition an der Altarwand Jesus als Weltenrichter. Von ihm und seinem erhobenen Arm im Zentrum des Bildes geht ein wie in Zeitlupe kreisender Wirbel aus, in den sämtliche Figuren und Heilige einbezogen sind. Im unteren Teil wecken die Engel der Apokalypse mit ihren Trompeten die Toten auf, links steigen die Gerechten zum Himmel empor, rechts ringen Engel und Dämonen darum, wer die Verdammten in die Hölle werfen darf. Im heiligen Bartholomäus soll sich der Maler angeblich selbst porträtiert haben – mit abgezogener Haut.
Kein passender Ort für angeblich Obszönes
Vielleicht würde man, kurz bevor man sein Zettelchen einwirft, daran denken, dass diese Unmassen nackten Fleisches einst den Unwillen kirchlicher Würdenträger erregten. Der Künstlerbiograf der Renaissance, Giorgio Vasari, berichtet, dass viele Zeitgenossen „eine Badestube oder ein Wirtshaus“ als passenderen Ort für solche Obszönitäten erachteten. Michelangelo selbst ließ dem nach Übermalung verlangenden Pontifex ausrichten: „Der Papst möge die Welt in Ordnung bringen, dann bringen auch die Bilder sich bald in Ordnung.“ Die Sittenwächter setzten schließlich durch, dass die vielen nackten Männer etwas zum Überziehen bekamen. Der Unglücksrabe, Daniele da Volterra, der damit beauftragt wurde, ist als „Braghettone“ in die Kunstgeschichte eingegangen, als Höschenmaler.
Nach dieser gedanklichen Abschweifung würde man sich aber wieder auf seine Kardinalspflicht besinnen, einen neuen Papst im Konklave zu bestimmen. Und man würde, auf das aufrüttelnde „Jüngste Gericht“ zusteuernd, noch einmal gewahr, dass diese Bilder nicht nur zur ästhetischen Erbauung, zum Kunstgenuss der Besucher der Sixtina da sind, sondern eine theologische Aussage, eine „lectio divina“ enthalten: Angesichts des Höllenschlunds, in das Michelangelo den Betrachter blicken lässt, werden auch die hochgestellten Diener Gottes sich der eigenen Fehlbarkeit bewusst, werden sie das Bild als Ermahnung lesen, das Richtige zu tun – und vor allem: den Richtigen zu wählen.










