Die tollen 1970er: Alternative Rockbands: Krautrock war mehr als nur eine Musikszene

Die Krautrock-Band Embryo bei einem Auftritt, Anfang 1970er Jahre.
Imago/United Archives- Krautrock steht für alternative Rockbands von 1967 bis 1979 in der Bundesrepublik.
- Ein JMU-Projekt erforscht Musik, Texte und Lebensweise der Szene.
- Mensch, Natur und Technik galten als verbunden – experimentelle Sounds prägten die Bands.
- Wissen zirkulierte auf Festivals wie Essener Songtagen 1967 und Burg Herzberg 1968.
- Teile der Szene sind aktiv: Faust, Guru Guru und neue Gruppen wie The Lindau Project.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Der sogenannte Krautrock ist ein Sammelbegriff für die Musik alternativer Rockbands, die in der Bundesrepublik von 1967 bis 1979 auftraten. Die Bezeichnung ist dabei umstritten: Sie stammt aus den britischen Medien der 1970er-Jahre und hatte ursprünglich eine abschätzige Bedeutung. Viele Bands fühlten und fühlen sich der Bewegung, aber nicht dem Begriff zugehörig.
Vielfalt diverser Stile
Ebenso schwierig ist es zu definieren, was den Krautrock musikalisch ausmacht, weil er diverse Stile versammelt: Die psychedelischen Sounds der Gruppe Amon Düül II, der Space- und Jazzrock von Guru Guru, der elektrisch verstärkte Minnesang von Ougenweide und die experimentelle Electronic der international bekannten Band Kraftwerk fallen darunter.Vielfalt diverser Stile
„Musikalische Merkmale reichen nicht aus, um diese popkulturell wirkmächtige Szene unter einen Hut zu bringen“, sagt Sebastian Dümling vom Lehrstuhl für Europäische Ethnologie / Empirische Kulturwissenschaft der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Er leitet ein neues Projekt, das sich mit der Krautrock-Szene musikalisch und textlich auseinandersetzt, aber auch deren Lebensweise untersucht.
Lebensmodell und Musik: Mensch, Natur und Technik vereint
Viele Bands zogen von Städten wie Hamburg und München weg und gründeten Landkommunen in Dörfern. Entgegen der zeitlich kurz vorher in den USA einsetzenden Folkbewegung mit ihrem wohl berühmtesten Vertreter Bob Dylan suchten die deutschen Bands keine vermeintlich ursprüngliche Lebensweise, abgeschottet von der modernen Technik. „Sie zelebrierten zwar das friedliche Landleben, aber sie stellten in ihren Bauernhäusern Moog-Synthesizer so groß wie Schränke auf, um mit Soundlandschaften zu experimentieren und neue Sounds zu entdecken“, erklärt Dümling.
Diese Lebensweise geht darauf zurück, dass die Szene Mensch, Natur und Technik nicht als getrennt voneinander verstand, sondern als miteinander verbunden. Diese Überzeugung findet sich wieder in Liedern wie „Der Elektrolurch“ von Guru Guru, auf Plattencovern wie bei Popol Vuhs 1970 erschienenem Album „Affenstunde“ und grundsätzlich bei der experimentellen Herangehensweise an Musik.
„Ein Pflug konnte dahingehend schon mal zweckentfremdet werden und als Schlagzeug zum Einsatz kommen“, erläutert der Forscher.
Neues Wissen über die Welt
Eine Forschungsfrage seines Projekts lautet dahingehend: Wie hängen Künstler- und Landleben zusammen? Wo harmoniert beides und wo nicht? „In ihrer neuen Funktion als Instrumente erhalten Objekte, Gegenstände und Produkte neue Bedeutungen. Sie werden zu Trägern des Wissens in der Szene und als solche weitergegeben“, erklärt Dümling.
Die Krautrock-Szene markierte so nicht nur Zugehörigkeit. Das Projekt soll zeigen, dass die Bands zudem neues Wissen über die Welt schufen, weitergaben und archivierten. „Das Projekt verbindet damit Popkultur-, Erzählforschung und Wissensgeschichte. Pop soll nicht nur als Kulturgut beschrieben werden, das Vergnügen macht.“ Das Vorhaben solle auch darlegen, dass Populärkultur als eigene Produzentin von Wissen handeln kann.
Szene ist bis heute lebendig
Wie die Bands ihr Wissen weitergegeben haben? Vor allem auf Festivals, wie zum Beispiel auf den Essener Songtagen 1967 und auf dem Burg Herzberg Festival 1968, tauschten sich die Musikerinnen und Musiker untereinander aus. Die aufkommenden „Umsonst & Draußen“-Festivals wie das 1975 in Vlotho nutzten die Bands dazu auch – der unabhängige und bis heute jährlich stattfindende Würzburger Ableger existiert seit 1988.
Das Projektteam um Sebastian Dümling wertet für seine Untersuchung Archivbestände, Texte und Albumcover aus. Zudem führt es Interviews mit Zeitzeugen aus der Szene. Diese ist teilweise heute noch aktiv. „Zwar überlebten viele Bands die 1970er-Jahre nicht, weil sie sich nicht professionalisieren wollten. Aber berühmte Vertreter wie Faust und Guru Guru sind heute noch aktiv und leben teilweise noch in ihren Kommunen.“
Neue Bands, die die Tradition der Szene weitertragen, gibt es auch: Das 2024 in Regensburg gegründete Ensemble The Lindau Project nähert sich mit seinen Liedern den Werken von Popol Vuh an.
