Ein Film als Spiegel der Gegenwart
: Der „Brutalist“ wirkt lange nach

Den kulturellen Konflikt zwischen Amerika und Europa, man könnte ihn nicht eindringlicher darstellen als im Kinofilm „The Brutalist“, findet unsere Kolumnistin.
Kommentar von
Elisabeth Kabatek
Stuttgart
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Dafür gab es den Oscar: Adrien Brody als László Tóth in „The Brutalist“.

Universal Pictures/Courtesy Everett Collection

Wenn man in Stuttgart auf dem Marktplatz auf das Rathaus deutet und Gäste fragt, wie sie das Gebäude finden, fallen die Reaktionen oft harsch aus. Hässlich, klobig, gesichtslos, zu viel Beton – wenig Begeisterung löst das in den Fünfzigerjahren von den Architekten Hans Paul Schmohl und Paul Stohrer konzipierte Gebäude heute aus. Der damalige Oberbürgermeister Arnulf Klett wollte sich deutlich vom Nationalsozialismus abgrenzen und mit dem „Neuen Bauen“ nach vorne in eine bessere Zukunft blicken. Doch die Ästhetik von damals scheint uns heute nicht mehr anzusprechen.

Paul Stohrer gilt als Vertreter des Brutalismus, eines Baustils der Moderne, zu dem auch das von ihm entworfene und gerade abgerissene Gebäude am Hirschbuckel in Stuttgart zählte. Somit haben wir in Stuttgart, aber auch in Backnang, Esslingen oder Pforzheim, wo ebenfalls brutalistische Bauten stehen, die jedoch denkmalgeschützt sind, eine klitzekleine Verbindung zum Filmdrama „The Brutalist“, das gerade mit drei Oscars ausgezeichnet wurde. Adrien Brody, der übrigens während der Fußball-EM am Stuttgarter Fernsehturm ein Bier trank, ohne dass es irgend jemandem groß aufgefallen wäre, wurde als bester Hauptdarsteller prämiert.

Opfer eines Wahlkampfes

Der Film erzählt sehr glaubhaft die fiktive Geschichte des ungarischen Architekten László Tóth, der, vom Holocaust traumatisiert, in Amerika einen Neuanfang sucht. Seine künstlerischen Wurzeln liegen im Bauhaus, doch dann entwirft er ein monumentales brutalistisches Bauwerk.

Obwohl der Film in der Nachkriegszeit spielt, scheint er der Gegenwart den Spiegel vorzuhalten, und deshalb wirkt er lange nach. Der von Brody fulminant dargestellte Lászlo ist ein Geflüchteter, ein Einwanderer, und er macht sich nicht die geringsten Illusionen über seinen gesellschaftlichen Status: Er wird niemals wirklich in Amerika ankommen und immer ein Ausländer bleiben, den man mit Verachtung straft, trotz oder vielleicht gerade wegen seiner intellektuellen Überlegenheit. Da fragt man sich, wie sich wohl die unzähligen Menschen in Deutschland fühlen, die ohne deutschen Pass auf die Welt gekommen und in den Wochen vor der Wahl zum Spielball, um nicht zu sagen: zu den Opfern eines Wahlkampfes geworden sind, in dem das Thema Migration alles beherrscht hat.

In einer Schlüsselszene des Films soll Lászlo bei einem Essen mit der feinen Gesellschaft vom Krieg erzählen. Die Bitte kommt so naiv daher, als solle er vom Wetter reden. Lászlo weiß darauf nicht zu antworten, aber in seinem Gesicht spiegelt sich das ganze Grauen des Krieges und das unermessliche Leid des Holocaust. Der kulturelle Konflikt zwischen Amerika und Europa, man könnte ihn nicht eindringlicher darstellen. „The Brutalist“, diese Bezeichnung würde nach den Entwicklungen der letzten Wochen perfekt zum neuen amerikanischen Präsidenten passen.