Erinnerung an Robert Lembke: Der Höchstgewinn liegt bei fünfzig Mark

Robert Lembke und die Schweinderl in „Was bin ich?“
dpaStuttgart - In den ersten Jahren ist stets ein Hund dabei gewesen, der Sicherheit wegen. Zunächst war es Struppi, ein Foxterrier. Als Struppi 1959 starb, brachte Robert Lembke fortan zur Aufzeichnung von „Was bin ich?“ immer Jacky mit ins Studio. Einer musste schließlich das viele Geld bewachen, das in der Quizshow gewonnen werden konnte. Es kam einiges zusammen, wenn ein Kandidat einen wirklich schwer zu erratenden Beruf hatte. Im besten Fall warf Lembke zehn Fünfmarkstücke ins Sparschwein. Also fünfzig D-Mark. Eine Menge Geld, zumindest damals.
Am kommenden Dienstag wäre Robert Lembke hundert Jahre alt geworden. Er schrieb mit dem „heiteren Beruferaten“ in seiner harmlosen Familienshow „Was bin ich?“ Fernsehgeschichte. Mehr als dreißig Jahre lang lief die Sendung, 337-mal, von 1955 bis 1989 – das Jahr, in dem der Moderator, starker Raucher, eine Operation am offenen Herzen nicht überlebte.
Viele haben seither versucht, das Format zu kopieren. Aber niemand hatte damit je so viel Erfolg wie Robert Lembke, der Mann mit der dicken Brille im nichtssagenden Anzug, der Mann, der die Rituale liebte und pflegte. „Grüß Gott, liebe Zuschauer“, sagte er, schlug den Gong auf seinem Tisch, blätterte die Nummernkarten von eins bis neun um und plauderte mit dem Stargast. Und fragte vor allem: „Welches Schweinderl hätten S’ gern?“
Unser Verhältnis zum Geld hat sich verändert
Heute würde man sagen, „Was bin ich?“ war Kult. Die Nation unterhielt sich prächtig, wenn „die Marianne, der Hans, die Annette und der Guido“ – Lembke nannte sie stets beim Vornamen und mit Artikel – raten mussten, welcher Profession der Gast nachging. „Könnte auch ich zu Ihnen kommen?“ war eine der ewigen Fragen in der Show – oder auch „Gehe ich recht in der Annahme, dass . . .“
Obwohl sich „Was bin ich?“ so lange im deutschen Fernsehen gehalten hat, zeigt genau diese Quizsendung, wie sich die Welt, die Gesellschaft drum herum verändert hat – und das nicht nur, weil heute alles digitalisiert abläuft und niemand mehr Nummernkärtchen von Hand umklappen muss. Im Fernsehen wird zwar immer noch auf allen Kanälen geraten, aber die Dimensionen haben sich geändert – und unser Verhältnis zum Geld.
Wer heute mit „nur“ 25 000 Euro nach Hause geht, macht ein langes Gesicht. 25 000 Euro reichen nicht einmal für ein ordentliches Auto. 100 000 Euro? Dafür bekommt man keine Eigentumswohnung. Selbst 500 000 Euro sind letztlich zu wenig, denn: besteht das Ziel der Rätselei nicht darin, den Job zu kündigen und sich als Privatier ein schönes Leben zu machen?
Wenn Jörg Pilawa oder Günther Jauch in ihren Quizshows die Kandidaten fragen, was sie mit dem zu erwartenden Gewinn machen wollen, heißt es fast immer: reisen. Man macht eben noch eine Fernreise mehr. Die einen wollen auf den Mount Everest, die anderen ans Ende der Welt. Man war zwar schon in Singapur, würde aber gern nochmals hinfliegen, um dort im besten Luxushotel logieren zu können. Für fünfzig Euro Gewinn aber würde heute kein Mensch mehr den Finger krümmen.
Wer will heute noch eine Kaffeemaschine gewinnen?
Was werden dagegen Lembkes Kandidaten gemacht haben mit den 35 oder 45 Mark, die sie mit nach Hause nehmen konnten? Vielleicht haben sie die Familie zum Essen ins Restaurant eingeladen, was heute nichts Besonderes mehr ist. Vielleicht haben sie sich auch eine elektrische Kaffeemühle gekauft. Auch in der Show „Am laufenden Band“, der erfolgreichen Quizsendung mit Rudi Carrell, fuhren höchst praktische Dinge auf dem Fließband vorbei. Das, was man sich merken konnte, durfte man mit nach Hause nehmen: Kaffeemaschine, Toaster, Küchenmixer und Staubsauger. Höchstgewinn damals: eine Flugreise.
„Das ist überschaubar, aber es ist schon noch viel Geld“, sagte Jörg Pilawa kürzlich zu den Kandidaten, als nur noch 25 000 Euro übrig waren von der Million, die man eigentlich hatte gewinnen wollen. Natürlich war es ein Witz, dass Robert Lembke seinen Hund mit in die Sendung brachte, damit er das Geld bewacht. Aber es war doch auch ein Ausdruck dafür, dass selbst die paar Fünfmarkstücke wertvoll waren. In „Rette die Million!“ werden die Geldpakete dagegen hemmungslos hin- und hergeschoben. Wie selbstverständlich wird mit den vierzig Bündeln zu je 25 000 Euro hantiert, als wäre es nur Papier. Für die Kandidaten ist so viel echtes Geld aufregend, für das Publikum unterhaltsam. Auf die Idee aber, dass das auch pervers und geschmacklos sein könnte, derart locker mit Geld umzugehen, kommt niemand.
Aber heute muss eben selbst eine hundsgewöhnliche TV-Show nach Feierabend die ganz große Sensation bieten. Robert Lembke wäre für das heutige Fernsehen viel zu harmlos und betulich. Gemessen an heutigen Maßstäben war er auch nicht der beste Interviewer. Gerade die Gespräche mit den Stargästen, mit Roy Black und Peter Alexander, mit Jennifer Rush oder Konstantin Wecker waren mitunter mühsam, weil Lembke keine vernünftigen Fragen stellte, sondern onkelhaft erklärte, wer die Person ist – und diese Person das nur nickend bestätigen konnte. Oft scherte sich Lembke auch nicht um die Antworten seiner Gäste, sondern sprang ad hoc auf eine Formulierung oder ein nebensächliches Detail an, so dass die armen Stars nicht wussten, wo der Moderator nun schon wieder im Gespräch gelandet war.
Das Quiz der Bildungsbürger
Das Rateteam war bieder und solide: Annette von Aretin, die erste Fernsehansagerin des Bayerischen Rundfunks. Guido Baumann, der Unterhaltungschef beim Schweizer Fernsehen. Marianne Koch, die Schauspielerin, die Werbung machte für „die mit der Goldkante“ und sich mit der Fernsehmoderatorin Anneliese Fleyenschmidt ablöste. Und dann war da noch Hans Sachs, der Oberstaatsanwalt aus Nürnberg, der Mann mit der Fliege. Alles in allem: echte Bildungsbürger. Und sie sagten und fragten Dinge, die heute vermutlich rausgeschnitten würden: „Dann ist ihre Muttersprache Romanisch?“ Anders als heute, wo vom Fernsehkoch bis zum Quizkandidat jeder wahnsinnig originell und witzig sein muss, konnte sich das Team entspannt auf die Berufe konzentrieren und Promis erraten: „Dann sind Sie die Mathieu!?“
Robert Lembke, der moderierte, weil seine Kollegen nicht wollten, bekam pro Sendung sechstausend Mark als Honorar. Bei Günther Jauch sind es heute angeblich 100 000 Euro. Aber vermutlich geht es ihm nicht anders als manchem Kandidaten, der denkt: Hunderttausend sind ja schön und gut, aber es hätte schon etwas mehr sein können.