Fernsehen
: Fast alle Fernsehshows lassen Federn

Krise der TV-Unterhaltung: Die Zeiten, in denen Fernsehshows regelmäßig zwanzig Millionen Zuschauer hatten, sind lange vorbei. Das „Lagerfeuer der Nation“ brennt mittlerweile höchstens noch sonntags.
Von
Tilmann Gangloff
Stuttgart
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Damals waren TV-Shows noch Großereignisse: Dietmar Schönherr und Vivi Bach in „Wünsch Dir was“.

ZDF

Stuttgart - Ähnlich wie in der Fußball-Bundes­liga dauert eine TV-Saison vom Herbst bis zum Frühsommer. Die aktuelle Spielzeit neigt sich also dem Ende zu, aber ein Fazit ist schon offenkundig: Die Unterhaltung steckt in einer tiefen Krise. Gerade die Samstagsshows haben fast ausnahmslos Federn gelassen. Dabei galten sie lange als Königsdisziplin der Fernsehun- terhaltung. „Wünsch Dir was“ mit Vivi Bach und Dietmar Schönherr hielt von 1969 bis 1972 die Nation in Atem und lieferte tagelang Gesprächsstoff, Rudi Carrell wurde dank „Am laufenden Band“ (1974 bis 1979) zum beliebtesten Holländer in Deutschland, und Frank Elstner machte sich 1981 mit „Wetten, dass . . ?“ unsterblich.

Der Samstagabend galt als „Lagerfeuer der Nation“, die Shows hatten regelmäßig 20 Millionen Zuschauer. All das ist lange her; selbst Elstners Geniestreich wollten im Schnitt zuletzt nur noch knapp 7,5 Millionen Menschen sehen. Auch die etablierten Angebote der kommerziellen Konkurrenz („Deutschland sucht den Superstar“, „Schlag den Raab“) mussten deutliche Einbußen hinnehmen. Die großen Zahlen werden mittlerweile sonntags erreicht: Mit dem Quotengaranten „Tatort“ konnte die ARD vor wenigen Wochen innerhalb von 14 Tagen gleich zweimal die Zwölf-Millionen-Marke knacken.

Der ZDF-Sprecher Alexander Stock bestätigt, dass die am Samstagabend im Wohnzimmer versammelte Familie ein Bild der Vergangenheit ist: „Die Zeit des großen ‚TV-Lagerfeuers‘ mit leer gefegten Straßen und allen Generationen gemeinsam vorm Fernseher ist lange vorbei.“ Heute rede man von „erfolgreichen TV-Events, und die sind weitgehend unabhängig von Genres oder Wochentagen“. Das könne eine große Unterhaltungsshow sein, ein aufwendiger Fernsehfilm, ein Mehrteiler oder ein Sportgroßereignis. „Show ist für die deutschen Sender nach wie vor ein wichtiges und prägendes Genre, aber es findet längst nicht mehr nur am Wochenende statt.“ Trotzdem bleibe der Samstagabend für das ZDF ein wichtiger Showtermin.

Und den lassen sich die Mainzer auch etwas kosten; „Wetten, dass . . ?“ zum Beispiel je nach Aufwand 1,5 bis zwei Millionen Euro. Immerhin ermöglichen die regelmäßig mehreren Tausend Zuschauer in der Halle, dass ein Teil der Produktionskosten wieder reinkommt: Mit 55 Euro sind die Eintrittspreise für den ZDF-Klassiker mit Abstand am teuersten. Bis auf wenige Ausnahmen ist der Besuch öffentlich-rechtlicher Produktionen mit Publikum grundsätzlich kostenpflichtig. Den Einwand, dass man als die Gebührenzahler somit gleich doppelt zur Kasse gebeten werde, lässt der NDR-Sprecher Martin Gartzke nicht gelten: „Bei Showaufzeichnungen erhalten die Zuschauer als Gegenwert für ihr Eintrittsgeld die Möglichkeit, im TV-Studio einen unterhaltsamen Abend mit Stars zu verbringen.“ Karten für die Konzerte der Rundfunkorchester seien ja auch nicht kostenlos. Außerdem sind die Einnahmen nicht der einzige Grund für die Eintrittspreise. Erfahrene Ticket-Agenturen sorgen laut Gartzke dafür, dass die Hallen bei Auftragsproduktionen auch wirklich voll sind: „Die Erfahrung zeigt, dass die Zuschauer bei bezahlten Karten verlässlicher erscheinen.“ Zum Leistungsumfang gehörten außerdem „Maßnahmen wie Sicherheitskontrollen oder Platzanweisung, aber auch die Bewirtung mit Getränken und kleinen Snacks während möglicher Wartezeiten“. Der NDR, versichert Gartzke, verdiene an diesem Kartenverkauf nichts.

Auch der SWR wird durch die Eintrittspreise zu Shows wie „Verstehen Sie Spaß?“ nicht reich, zumal die Kosten deutlich unter jenen von „Wetten, dass . . ?“ liegen; die Preise bewegen sich je nach Halle zwischen 15 und 29 Euro. Die 1983 von Kurt Felix entwickelte Sendung ist eine der wenigen Shows, die dem allgemeinen Abwärtstrend trotzen. Kein Wunder, dass der SWR-Fernsehdirektor Christoph Hauser keinerlei Anlass sieht, das Konzept für veraltet zu halten: „Wir sind stolz auf diesen Beitrag, den der SWR zum ARD-Programm leistet.“ Zu den Produktionskosten will sich der SWR nicht äußern. Dafür betont der Pressesprecher Wolfgang Utz einen ungewöhnlichen Kosten-Nutzen-Faktor: Kurz nach „VSS“ werde mit dem gleichen Equipment und einem großen Teil der Ausstattung die „Große Show der Naturwunder“ aufgenommen.

Wissenssendungen erfolgreich

Die Einspielfilme aus den beiden SWR-Shows werden zudem auch in anderen Sendungen verwertet. Damit widerspricht Utz der Behauptung, bei Shows sei der Ausstrahlungstermin gleichzeitig das Verfallsdatum. Der ARD-Programmdirektor Volker Herres verweist zudem auf Wiederholungen in den dritten Programmen der ARD. Auch Siegmund Grewenig, der Leiter des WDR-Programmbereichs Unterhaltung, Familie und Kinder, hält die These, Filme oder Serien seien nachhaltiger als Shows, für unsachgemäß: „Man kann diese beiden Genres gar nicht vergleichen. Eine Show ist ein Ereignis, und Ereignisse sind tendenziell einmalig. Schon deshalb kann die Show nicht so oft wiederholt werden wie ein Fernsehfilm.“

Gerade die Angebote aus dem Wissensbereich, einer Kernkompetenz des WDR („Das fantastische Quiz des Menschen“), hätten jedoch „eine hohe Repertoirefähigkeit“. Dass sich das Sehverhalten am Samstagabend gewandelt habe, räumt allerdings auch Grewenig ein. Mit der aufwendigen Familienshow „Frag doch mal die Maus“ ist der WDR im Ersten daher auf den Donnerstag ausgewichen: „Hier sitzen noch alle Generationen zusammen.“ Die Wissens-Show habe seit ihrem Start 2006 mit knapp 5 Millionen Zuschauern eine beständig gute Einschaltquote. Herres sieht dem allgemeinen Abwärtstrend zum Trotz ohnehin keinen Grund, die Unterhaltung infrage zu stellen: „Shows wie ‚Klein gegen Groß‘ oder die ‚Feste der Volksmusik‘ erreichen im Ersten immer noch regelmäßig zwischen fünf und sieben Millionen Zuschauer.“

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