Leseempfehlungen für heiße Tage: Aufbruch, Freundschaft, Nostalgie – diese 11 Bücher machen den Sommer besser

Die Suche nach der perfekten Sommerlektüre ist nicht immer einfach - wir erleichtern sie.
Sandra BelschnerSommerlektüre muss nicht immer nur leicht sein. Sie darf auch dunkel, komisch, klug, melancholisch oder wild sein. Die Hauptsache ist doch, sie zieht einen hinein und trägt für ein paar Stunden an einen anderen Ort. Die Bücher dieser Liste tun genau das: Sie erzählen von Aufbrüchen und Zusammenbrüchen, von Freundschaft und Familie, von Körpern, Kunst und Herkunft, von Liebe, Scham, Meer und Hitze. Manche passen perfekt an den Strand, andere eher auf den Balkon im Schatten, wieder andere ins Freibad zwischen Pommesgeruch und Chlorwasser.
Wenn man aus diesen elf Büchern etwas über den Sommer lernen kann, dann vielleicht dies: Dass er nicht nur die Jahreszeit der Leichtigkeit ist, sondern auch die der Verschiebungen. Man reist, bleibt liegen, blickt zurück, verliebt sich, zweifelt, schwitzt, liest anders. Diese elf Bücher nehmen dieses Lebensgefühl ernst. Sie geben einem nicht einfach nur etwas, um Zeit zu vertreiben, sondern etwas, in dem man sich für ein paar Tage verlieren kann.
„Tage wie Salzwasser“ von Sita Maria Frey
Es beginnt mit einem Zusammenstoß und endet in Sizilien: Atlanta, Mathematikerin und schwanger, ist nach der Entscheidung ihres Partners aus dem Gleichgewicht geraten, als sie auf Enza trifft, die ebenfalls auf dem Weg nach Süden ist. Aus dieser zufälligen Begegnung wird ein Roadtrip, der von Frankfurt über Marseille bis nach Noto führt – und langsam aus Schmerz wieder Bewegung macht. Sita Maria Frey erzählt das mit leiser Intensität, zart, klug und ohne falschen Trost. Ein Roman, der nach Sonne, Regen, Benzin und Neubeginn schmeckt.
Passt für: alle, die sich lesend nach Süden träumen wollen – ideal für Urlaubstage mit Meerblick oder Fernweh.
„Tage wie Salzwasser“, Sita Maria Frey, Droemer HC, 320 Seiten, 22 Euro
„Weißer Sommer“ von Eva Pramschüfer
Alma und Théo lieben sich, und doch steht ihre Beziehung bereits auf brüchigem Grund. Um herauszufinden, ob sie noch eine gemeinsame Zukunft haben, verbringen sie einen letzten Sommer im Haus von Almas Eltern in Frankreich. Viel mehr muss man über die Handlung eigentlich gar nicht wissen, denn der Reiz dieses Romans liegt in seiner Stimmung: in der Hitze, der Schwebe, den Erinnerungen, dem Gefühl, dass Liebe manchmal gerade dann am stärksten ist, wenn sie zu verschwinden droht. Ein Sommerbuch im klassischen Sinn – aber ohne Kitsch, dafür mit sprachlicher Präzision.
Passt für: alle, die im Liegestuhl lieber Sehnsucht als Sorglosigkeit lesen.
„Weißer Sommer“, Eva Pramschüfer, Rowohlt, 272 Seiten, 24 Euro
„Sonnenhang“ von Kathrin Weßling
Katharina ist Ende dreißig, ihre Freundinnen bekommen Kinder, auf Instagram scheint das Leben der anderen ohnehin geglückt – und sie selbst betäubt sich mit Arbeit und Trash-TV. Als sie erfährt, dass sie keine Kinder mehr bekommen kann, gerät ihr Alltag endgültig ins Rutschen. Ausgerechnet in der Seniorenresidenz „Sonnenhang“, wo sie ein Ehrenamt übernimmt, öffnet sich dann ein neuer Raum: für Begegnungen, Witz, Trost und die Frage, was ein erfülltes Leben eigentlich ausmacht. Kathrin Weßling schreibt mit großer Aufrichtigkeit über die schmerzhaften Sollbruchstellen eines Alters, in dem theoretisch noch alles offen und praktisch doch schon vieles entschieden scheint.
Passt für: Balkon-Nachmittage zwischen Melancholie und Hoffnung.
„Sonnenhang“ von Kathrin Weßling, Rowohlt, 224 Seiten, 23 Euro
„Vielleicht im Sommer“ von Lukas Mi-Sa Nguyễn Egger
Sommer 2007: Der fünfzehnjährige Kian landet nach einem schweren Schicksalsschlag im Heim und weiß sofort, dass er dort nicht bleiben kann. Bei einem Fluchtversuch trifft er Marco, der ebenfalls seine Gründe hat, zu verschwinden. Gemeinsam brechen die beiden Richtung Nordsee auf – in sieben Tage, die nach Freiheit, Abenteuer und zum ersten Mal auch nach Zugehörigkeit schmecken. Lukas Mi-Sa Nguyễn Egger erzählt das unaufgeregt und berührend, mit Sinn für soziale Realität, aber ohne Sentimentalität. Ein Coming-of-age-Roman, der an große Sommergeschichten erinnert und doch ganz seine eigene Stimme hat.
Passt für: Freibad, Zugfahrt, Nordseeurlaub – und für alle, die Bücher über Freundschaft mehr lieben als Liebesgeschichten.
„Vielleicht im Sommer“, Lukas Mi-Sa Nguyễn Egger, Piper, 272 Seiten
„Hairy - Warum Körperbehaarung politisch ist“ von Franziska Setare Koohestani
Kaum eine Jahreszeit macht den Körper so sichtbar wie der Sommer – und kaum eine zeigt deutlicher, welchen Normen er unterliegt. Franziska Setare Koohestani nimmt das scheinbar banale Thema Körperbehaarung zum Ausgangspunkt für eine kluge, sehr persönliche und überraschend unterhaltsame Analyse von Schönheitsidealen, Scham, Rassismus, Kapitalismus und Selbstbestimmung. Das Buch ist keine trockene Theorie, sondern ein feministischer Zugriff auf etwas, das viele als Privatsache abtun. Gerade deshalb liest es sich so gut: weil es den Alltag ernst nimmt und die Politik darin sichtbar macht.
Passt für: Freibad und Strandtasche – für alle, die zwischen Sonnencreme und Rasierdruck gern ein paar Normen zerlegen.
„Hairy - Warum Körperbehaarung politisch ist“, Franziska Setare Koohestani, Ullstein Taschenbuch, 12,99 Euro
„Pause“ von Lena Kupke
Hanna zieht mit 36 zurück zu ihren Eltern – in ihr altes Kinderzimmer, das längst keines mehr ist, sondern ein halbherziges Büro mit Gästebett. Nach einem einschneidenden Erlebnis ist an Berlin, Alltag und das gemeinsame Leben mit ihrem Freund erst einmal nicht mehr zu denken. Was folgt, ist kein lauter Krisenroman, sondern ein warmherziges, sehr ehrliches Buch über Überforderung, familiäre Sprachlosigkeit und den langsamen Weg zurück ins eigene Leben. Lena Kupke verbindet Verletzlichkeit und Humor auf eine Weise, die leicht wirkt, ohne leichtfertig zu sein.
Passt für: alle, die diesen Sommer eher durchatmen als durchstarten wollen.
„Pause“, Lena Kupke, dtv, 320 Seiten, 23 Euro
„Kaskaden“ von Louise K. Böhm
Jojo hat sich von ihrer Herkunft weit entfernt, zumindest äußerlich. Doch das Gefühl, nicht dazuzugehören, sitzt auch an der Uni noch tief. Als sie ein Lebenszeichen ihrer ehemaligen besten Freundin Yara bekommt, ist plötzlich alles wieder da: die Vorstadt, die Enge, die Scham – und diese eine Freundschaft, die tiefer ging als vieles andere im Leben. Louise K. Böhm erzählt von Herkunft und Zugehörigkeit so klug und federleicht, dass man fast nebenbei in einen Roman über Klassismus, Begehren und soziale Unsicherheit hineingezogen wird. Vor allem aber ist „Kaskaden“ ein Buch über Freundinnenschaft als Lebensform.
Passt für: ruhige Sommertage, an denen man alten Versionen von sich selbst nachspürt.
„Kaskaden“, Louise K. Böhm, Penguin, 288 Seiten, 24 Euro
„Gelbe Monster“ von Clara Leinemann
Charlie sitzt mit blauem Auge in der U-Bahn und ist auf dem Weg zu einem Antiaggressionstraining für Frauen. Ihre beste Freundin hat es zur Bedingung gemacht, wenn Charlie weiter bei ihr wohnen will. In Rückblenden entfaltet sich nach und nach eine Beziehungsgeschichte, die zunächst perfekt schien und dann eskalierte. Clara Leinemann gelingt dabei etwas Seltenes: Sie schreibt über weibliche Gewalt, emotionale Abhängigkeit und Scham mit so viel Tempo, Witz und Ambivalenz, dass man das Buch kaum aus der Hand legt. Ein Roman, der die gängigen Erzählungen über Täter- und Opferrollen nicht einfach umdreht, sondern komplizierter macht – und gerade dadurch überzeugend ist.
Passt für: heiße Tage, an denen man lieber etwas liest, das kratzt, statt bloß zu kühlen.
„Gelbe Monster“, Clara Leinemann, Suhrkamp, 192 Seiten
„All die Farben, all das Licht“ von Cora Wucherer
Juna ist siebzehn, will Malerin werden und verliert nach und nach ihr Augenlicht. Martha, ihre jüngere Schwester, kämpft währenddessen darum, im Schatten dieser außergewöhnlichen Schwester überhaupt gesehen zu werden. Als sich Junas Diagnose verschlechtert, beginnt zwischen den beiden eine heimliche Reise, die zugleich Flucht, Abenteuer und Annäherung ist. Cora Wucherer erzählt mit viel Gefühl, ohne in Rührung zu kippen, von Geschwisterkonkurrenz, Kunst, Krankheit und dem unstillbaren Hunger aufs Leben. Ein Roman, der großherzig und bewegend ist und dabei erstaunlich viel Leichtigkeit bewahrt.
Passt für: alle, die im Sommer gern mit klopfendem Herzen lesen und am Ende ein bisschen hoffnungsvoller sein möchten.
„All die Farben, all das Licht“, Cora Wucherer, Klett-Cotta, 25 Euro
„Die Riesinnen“ von Hannah Häffner
Im Schwarzwalddorf Wittenmoos leben drei Frauen über drei Generationen hinweg mit dem Gefühl, nicht recht in die Welt um sie herum zu passen. Liese, Cora, Eva – groß, dünn, auffällig, widerständig – suchen auf je eigene Weise nach Freiheit, ohne ihre Wurzeln loszuwerden. Hannah Häffner schreibt darüber in einer Sprache, die dunkel, satt und zugleich zart ist, mit feinem Humor und einem starken Gespür für Landschaften, Körper und Dorfdynamiken. Das ist Heimatliteratur, wenn man so will, aber eine, die nicht beruhigt, sondern in Bewegung versetzt.
Passt für: Sommerabende auf dem Land, im Garten oder auf dem Balkon – für alle, die lieber in den Wald als an den Hotelpool wollen.
„Die Riesinnen“, Hannah Häffner, Penguin, 416 Seiten
„Mammut“ von Eva Baltasar
Die Erzählerin führt tagsüber Interviews im Altersheim, hat nachts ungeschützten Sex mit fremden Männern, ist erschöpft vom schlecht bezahlten Uni-Job und von ihrem unerfüllten Kinderwunsch – und fährt irgendwann einfach los. Was als Ausstieg beginnt, wird auf dem Land schnell zu einem harten, körperlichen Leben zwischen Holz hacken, Lämmer füttern, Schäfer, Hund und Verzicht. Eva Baltasar erzählt diese Verwandlung in ein archaischeres, wilderes Dasein in einer Sprache, die knapp, roh und zugleich poetisch ist. „Mammut“ ist kein Wohlfühlroman, aber ein kleines, wuchtiges Buch, das noch lange nachhallt.
Passt für: alle, die auch im Sommer lieber verstört als beruhigt werden (und keine Lust auf ein dickes Buch haben).
„Mammut“, Eva Baltasar, Schöffling & Co., 112 Seiten
