Neu im Kino: „Everytime“: Tod eines Mädchens

Szene aus dem Film „Everytime“
dpa/TheBarricades, PanamaFilm/Gregory Oke- „Everytime“ folgt einer Familie nach dem Tod der Teenagerin Jessie – ohne Sentimentalität.
- Eine nächtliche Partyszene endet tragisch: Jessie stürzte vom Dach, die Bilder bleiben beiläufig.
- Ein Jahr später ringen Ella, Melli und Jessies Freund Lux mit Trauer und Schuld.
- Auf Teneriffa verschwimmen Realität und Traum, Erinnerungen werden filmisch greifbar.
- In Cannes erhielt der Film in „Un certain regard“ den Hauptpreis, Kinostart ab 6. August.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Koffer sind schon gepackt. Am nächsten Morgen will Ella (Birgit Minichmayr) mit ihren beiden Kindern in Urlaub fahren. Aber in der Nacht schleicht sich die ältere Tochter Jessie (Carla Hüttermann) noch einmal raus, um sich mit ihrem Freund Lux (Tristan Lopez) zu treffen. Die Technobeats, zu denen die beiden im Stroboskoplicht tanzen, sind ohrenbetäubend. Als sie sich im Morgengrauen auf den Weg durch den nahegelegenen Wald nach Hause machen, zwitschern die Vögel.
Die Tonspur in Sandra Wollners neuem Film „Everytime“ folgt der Wahrnehmung der beiden Teenager, die sich ein paar Drogen eingeworfen haben, deren Wirkung sich langsam entfaltet. Alles verstummt, als Jessie auf eine Tram-Haltestelle im Grünen schaut. Die Welt um sie herum scheint zu verschwinden. Später steigen die beiden auf das Dach eines Plattenbaus. Im Hintergrund ist der Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz zu sehen. Mit langer Brennweite ist das Paar von Ferne zunächst nur schemenhaft zu erkennen, bis sich die Kamera langsam heranzoomt. Das Licht der Morgensonne taucht alles in ein betörendes Orange. Lex liegt schläfrig auf dem Flachdach, während Jessie am Rand steht, um den Sonnenaufgang mit dem Smartphone aufzunehmen.
Ein Körper im freien Fall, dann singen die Vögel
Es ist ein Augenblick vollkommenen jugendlichen Glücks. Aber nun folgt eine Schwenkbewegung, die man in ihrer poesievollen Dramatik nie wieder vergessen wird. Die Kamera folgt einem Vogel, der durch die Häuserlandschaft segelt, kehrt langsam wieder zurück zu den Plattenbaufassaden, hinter deren Fenstern alle Menschen noch zu schlafen scheinen, als Jessies Körper im freien Fall durch das Bild hinunterfliegt. Ein kurzer, fast schon banaler Moment, der das Herz für ein paar Schläge aussetzen lässt. Der Blick verweilt auf den Baumwipfeln, in denen der Körper verschwunden ist, und wandert weiter, während die morgendliche Vogelgesänge lauter werden und die Sonne ungerührt weiter aufgeht.
Ein dramatisches Ereignis von erschreckender Beiläufigkeit steht am Anfang von Sandra Wollners „Everytime“, der beim diesjährigen Filmfestival in Cannes große Aufmerksamkeit erregte und mit dem Hauptpreis der renommierten Sektion „Un certain regard“ ausgezeichnet wurde. Ein durch und durch außergewöhnlicher Film, der sich mit Tod, Trauer und Verlust auf eine vollkommen unsentimentale Weise, aber mit maximaler Empathie auseinandersetzt.
Nach dem Tod des Mädchens springt der Film ohne Erklärung ein Jahr weiter. Ella und ihre jüngere Tochter Melli (Lotte Shirin Keiling) versuchen ihr kleines Familienleben aufrechtzuerhalten. Die Besuche auf dem Friedhof gehören mittlerweile zur wöchentlichen Routine. Dann taucht Lux auf, der nach dem Unfall für ein Jahr als Austauschschüler in Texas war. Seine Schuldgefühle lassen ihn immer wieder die Nähe zu Ella und Melli suchen. Die beiden nehmen den Jungen in ihre trauernde Patchwork-Gemeinschaft auf, weil sie wissen, dass nur sie drei die ungeheure Leere ermessen können, die nach Jessies Tod in ihrer Seele Einzug gehalten hat.

Birgit Minichmayr als Ella
epd/EksystentDie versuchte Normalität des Alltags bekommt Risse. Melli schickt Jessie immer noch Textnachrichten, auf die keine Antwort kommen kann, und schaut sich Kindervideos ihrer Schwester an. Ella gesteht, den Tod der Tochter immer noch nicht fassen können. Lux heult in betrunkenem Zustand alle Schuldgefühle heraus.
In einem spontanen Entschluss fliegen die drei nach Teneriffa, um den Urlaub zu machen, den Jessie nicht erleben konnte. Mit der Reise auf die Vulkaninsel ändert sich noch einmal der Grundton der Erzählung. Mit großer Kraft branden die Wellen auf das Lavagestein und spritzen immer wieder hinein in den Salzwasserpool der Hotelanlage. Ein machtvoller Anblick, den Wollner und ihr Kameramann Gregory Oke (”Aftersun”) mit all seiner metaphorischen Wucht ins Bild fassen. Die Grenze zwischen Meer und Pool ist durchlässig, und so wie die Wellen hinein schwappen, durchdringt das Irreale zunehmend das filmische Geschehen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schmelzen ineinander. Ängste, Träume, Sehnsüchte nehmen in den Bildern fassbare Gestalt an und bekommen jenen filmischen Raum, den ihnen die Realität nicht zugesteht.
Die Sonne ist plötzlich viereckig
Ein Kleinkind, das genauso aussieht wie Jessie in den Homevideos, taucht auf und wird in die Familienkonstellation aufgenommen. Eine Signalrakete steigt in den Himmel mitten in die Sonne hinein, die sich zum Quadrat formt und nicht mehr untergehen will. Die Hotelanlage entvölkert sich plötzlich und wird wenig später ebenso schnell wieder belebt. Mit den Figuren, die sich ihren Gefühlen stellen, scheint auch der Film selbst den Boden unter den Füßen zu verlieren. Das geschieht hier ohne große Effekte, sondern durch die narrative Verschmelzung von Traum und Wirklichkeit, die mit fein dosierter Poesie ins Bild gefasst wird.
Kongenial gelingt es Wollner die tiefe, emotionale Verunsicherung, die mit einem unfassbaren Verlust einhergeht, in den Kinosaal zu tragen, der hier zum empathischen Erlebnisraum ausgebaut wird.
Ab 6. August im Kino
„Everytime“: Deutschland/Österrich 2026. Regie: Sandra Wollner. Mit Birgit Minichmayr, Lotte Shirin Keiling, Tristan Lopez,. 121 Minuten, frei ab zwölf Jahren.
