Simply Red in Stuttgart
: Die guten alten Zeiten

Soulpop-Legende Mick Hucknall und seine Band Simply Red eröffnen die neue Konzertsaison in der Stuttgarter Schleyerhalle. Von ihrem neuen Album spielen sie allerdings kein einziges Stück – erst bei der Zugabe erklingt „Shine on“.
Von
Jan Ulrich Welke
Stuttgart
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  • In der Schleyerhalle lassen Simply Red die guten alten Zeiten hochleben.

    Jan Reich
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    achim zweygarth
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Stuttgart - So kann man’s natürlich auch machen: ein neues Album veröffentlichen und auf der anschließenden Tournee keinen einzigen Song davon spielen. Erst in der Zugabe des Auftritts von Simply Red am Freitagabend in der Schleyerhalle erklingt „Shine on“, und es wird ein so lässiger wie einmaliger Ausflug in die Gegenwart bleiben. Ansonsten spielt die neue CD keine Rolle für den Konzertverlauf, aber das ist in Ordnung so. Zum einen, weil es die öde Musikbusinessroutine durchbricht, auf der zwangsläufig einem neuen Album folgenden Tournee pflichtschuldig eben jenes Werk ausgiebig vorstellen zu müssen. Und zum anderen, weil die Tournee bewusst unter ein anderes Motto gestellt wurde: als Livetour zur Feier des dreißigjährigen Bandbestehens.

Das ist ein wenig geflunkert, weil sich die Band schon 1984 gegründet hat und sie sich nach der Ankündigung von 2007, ein letztes Album einzuspielen und ein letztes Mal auf Tournee zu gehen, 2010 nach der Tournee unter dem Motto „Farewell – The final Tour“ dann tatsächlich aufgelöst hat. Wir befinden uns nun also, aber auch das ist ja Teil des Popmusikzirkus‘, nach zwei Abschiedstourneen auf der ersten Wiedervereinigungstournee der Band aus Manchester im 26. Jahr ihres Bestehens.

Das Motto, die schon etwas länger währende Karriere Revue passieren zu lassen, setzt die Band allerdings kompromisslos um, mit einer leicht ungeschickten Dramaturgie freilich. Stringent geht das Konzert mit ihrem ersten Nummer-Eins-Hit los, „Holding back the Years“ von 1986, sofort beifallsumrauscht. Dann jedoch folgt eine lange, vom Publikum eher zögerlich gefeierte Durststrecke mit sechs eher unbekannten Stücken aus dem Repertoire, kreuz und quer allen bisherigen Alben entstammend. Erst bei der filigranen Sly&Robbie-Coverversion „Night Nurse“ lodert es wieder unter dem Hallendach. Es folgt das Kracher-Doppelpack „A new Flame“ und „It’s only Love“, bereits zu diesem frühen Zeitpunkt startet das sonst doch eher dem Konzertende vorbehaltene putzige Ritual, bei dem die Besucher von den hinteren Rängen erst zaghaft, aber zusehends vehement ihre Sitzplätze verlassen und zum Bühnenrand vormarschieren.

Ein Feuerwerk der alten Hits

Im Stehkonzertteil beginnt nun der zweite Teil dieses Auftritts, das allseits beliebte Hitfeuerwerk. Zunächst das kompositorisch vorzügliche „Thrill me“, „Do the right Thing“ sowie „Come to my Aid“ in einer blendend instrumentierten Livevariante, als letztes Stück schließt die Simply-Red-Debütsingle „Money’s too (tight to mention)“ den eingangs mit der ersten Nummer-Eins-Single angezirkelten Kreis.

„We talk about Money Money Money“ singt Mick Hucknall in der Abschiedsnummer, aber diesen Schuh muss sich die Band glücklicherweise überhaupt nicht anziehen. Allein die zehntausend Zuschauer in der mehr oder weniger ausverkauften Schleyerhalle und die insgesamt sehr ausufernd dimensionierte Tournee sprechen da eine andere Sprache: Simply Red kommt nicht zum Abkassieren vorbei, das mit der Band gereifte Publikum schätzt sie nach wie vor sehr. Sei es wegen ihres freundlichen, charmanten und redefreudigen Vorstehers, der (wie schon beim „Abschiedskonzert“ im Jahr 2010 an gleicher Stelle) sowohl optisch wie technisch souveränen Soulpopvorstellung, sei es wegen des Sacks voller Welthits oder sei es, das vielleicht vor allem (der Autor dieser Zeilen schließt sich da nicht aus), in seliger Erinnerung an die eigene Jugend.

Mit einer fein ziselierten großformatigen Videocollage, in der die Bandhistorie nebst der wandelnden Frisurenmode ihres rotschopfigen Kopfs rekapituliert wird, beginnt der Abend. Mit zwei Klassikern zum Abschied, „Something got me started“ und der Ballade „If you don’t know me by now“, klingt er nach 120 Minuten und 22 Songs in der zweiten Zugabe aus (auch das ist, insbesondere bei den Großkonzerten in der Schleyerhalle, rar geworden). Eine exzellente Videoregie setzt den Abend stimmungsvoll in Szene, die sechs warmherzig vorgestellten Begleitmusiker – man darf das so despektierlich sagen, denn Simply Red definiert sich nun einmal durch den charismatischen Texter und Sänger der Band – musizieren vorzüglich und punktgenau, werden gebührend in Szene gesetzt und weiden sich ebenso wie ihr Chef an der ebenfalls ungebrochenen Liebe dieser Band zu beiläufig eingestreuten Coverversionen. Bezeichnend und ein übrigens sehr ernstzunehmender Fingerzeig also, dass die einzige Krittelei an diesem souverän vorgetragenen Abend jenseits der etwas matten Dramaturgie im ersten Konzertdrittel (aber die darf man getrost auch als künstlerische Freiheit werten) ausgerechnet von der Band selber stammt. Die übereifrigen Securitymitarbeiter hätten fast den Abend verdorben, heißt es nächtens auf der Facebookseite der Band – „But Stuttgart, we won in the End.“

Mick Hucknalls Stimme ist weiter exzellent

Kann man so sagen. Mick Hucknall ist mittlerweile 55 Jahre reif, nach wie vor verblüffend exzellent bei Stimme sowie blendend ausschauend scheint’s längst im Status der Alterslosigkeit angelangt, und wenn ihn überhaupt irgendeine Sorge beschweren könnte, dann ist es die, dass zwischen „Money’s too tight (to mention)“ und „Thrill me“ im zwar imposanten, aber sehr kondensierten Hitbilderbuch der Band gerade sieben Jahre liegen, die wiederum auch schon seit satt über zwei Dekaden Vergangenheit sind. Zweifelsohne ist dieses Konzert also eine sehr retrospektive Zeitreise, und wegen der aktuellen Singleauskoppelung „Shine on“ werden die Menschen bei der nächsten Abschiedstournee gewiss auch nicht wiederkommen. Aber sie werden, und zwar zu Recht.

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