Stuttgart-Ost: Balkon des Ostendkinos gibt es noch

Das Ostendkino ist 1980 geschlossen worden.
privatS-Ost - In der Ostendstraße beim Ostendplatz ist auch in den Sommerferien immer wieder viel los. Da wird eingekauft, gebummelt, Geld von der Bank geholt, auf den Bus gewartet. Am schmalen Gebäude Ostendstraße 68 gehen die meisten aber achtlos vorbei. Die Spielautomaten drinnen taugen nicht zur Massenattraktion. Früher war das an dieser Adresse einmal anders. Das Gebäude mit Anbau im rückwärtigen Bereich war viele Jahre lang ein fester Treffpunkt im Osten und Schauplatz so mancher Rendezvous. Bis 1980 lockte hier das Ostendkino die Menschen an. Bei der wirklich letzten Vorstellung im umgebauten Kinosaal am 27. Mai 1980 flimmerte „Vom Winde verweht“ über die Leinwand, vermutlich verbunden mit vielen Tränen und einem hohen Taschentuchverbrauch.
Die Hinterlassenschaften des Kinos jedoch sind auch heute, mehr als 30 Jahre später, nicht vom Glücksspielwind verweht, es gibt sie immer noch. Der Kinosaal in dem Gebäude war einst vergleichsweise groß, 281 Zuschauer passten hinein. Plätze gab es im Saal selbst und auf dem Balkon darüber. Irgendwann nach dem Aus für das Kino und vor dem Einzug der Spielhalle wurde eine Zwischendecke eingezogen, um die Räume besser nutzen zu können. So blieb der Balkon bis heute erhalten, „komplett mit Stühlen und Teppich an der Wand“, sagt Ulrich Gohl vom Museumsverein Stuttgart-Ost (Muse-O). Der Verein zeigt noch bis November die Ausstellung „Vorstadtkino – Die Lichtspielhäuser des Stuttgarter Ostens“ in seinen Ausstellungsräumen am Schmalzmarkt in Gablenberg. Würde sich ein großzügiger Investor finden, könnte dort das alte Kino wieder hergerichtet werden.
Die Ausstellung erfreut sich seit Juni großer Beliebtheit
Das ist nur eine der vielen kleinen Geschichten, die Gohl und eine kleine Gruppe von kinointeressierten Menschen aus dem Osten bei ihrer zum Teil mühsamen Suche nach den Ursprüngen des Kinos in Stuttgart und damit auch im Osten ausgegraben haben. Die Anregung für die Ausstellung kam von dem Gaisburger Matthias Ahrens, der eines Tages auf einer Fassade in der Raitelsbergstraße über dem Eingang zu einem Maler-Betrieb die Aufschrift „Ostend-Lichtspiele“ entdeckte und sich fragte, was es damit wohl auf sich hat. Daraus entstand mit tatkräftiger Unterstützung des ebenfalls in Stuttgart-Ost beheimateten Stadtmedienzentrums die Ausstellung, die sich seit Juni großer Beliebtheit erfreut. Das Stadtmedienzentrum ist übrigens, wenn man so will, mit seiner Reihe Donnerstagskino in seinem Filmsaal in der Rotenbergstraße das letzte verbliebene Kino im Stadtbezirk.
Die Ausstellung selbst wurde inzwischen übrigens dank einiger engagierter Besucher und weiterer Nachforschungen um einige Exponate ergänzt. So dürfte die Suche nach dem ersten Kino in Stuttgart jetzt tatsächlich beendet sein. Auf einer neuen Schautafel ist es nachzulesen: „Am 1. Juli 1906 eröffnete Felix Bayer das erste stationäre Kino in Stuttgart, und zwar im Deutschen Haus (Tübingerstr. 13/Ecke Christophstr.) – laut Werbeanzeige ein ,ständiges vornehmes Etablissement’. Dem neuen Unternehmen gab er den Namen Kinematograph Edison, musste ihn aber auf Betreiben der Edison-Gesellschaft in Kinematograph International ändern.“ Als Beweis dafür wird eine Kopie der Eröffnungsanzeige für das Kino gezeigt.
So lange die Ausstellung läuft, bevölkern auch zahlreiche bekannte Filmfiguren von Charlie Chaplin bis Winnetou die Gablenberger Hauptstraße. Dafür haben die Mitgliedsbetriebe des Handels- und Gewerbevereins ihre Puppen ausgepackt und filmgerecht kostümiert.