US-Gemälde
: Alle in einem Boot und auf zu neuen Ufern

„General Washington überquert den Fluss Delaware“: dieses Bild ist eine politische Ikone der Amerikaner. Und wer hat es gemalt? Ein Schwabe.
Von
Andreas Mink
Stuttgart
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„Washington Crossing the Delaware“

AP

New York - Wir arbeiten seit Jahrzehnten als Restauratoren und häufig auch an Meisterwerken“, erzählt Gay Myers. „Aber unsere Nichten und Neffen zeigen sich erst davon beeindruckt, seit sie gehört haben, dass wir ,Washington Crossing the Delaware‘ restauriert haben.“ Die junge Verwandtschaft von Gay Myers und ihrem Lebensgefährten Lance Mayer kennt das 3,8 auf 6,5 Meter große Gemälde so wie wohl fast jeder Amerikaner von unzähligen Abbildungen auf Briefmarken, Münzen und in ihren Geschichtsbüchern.

Vom Restauratorengespann Myers/Mayer nun über zwei Jahre lang gereinigt und ausgebessert, ist das populärste Bild Amerikas seit Mittwoch wieder öffentlich im New Yorker Metropolitan Museum ausgestellt. Dort steht es fortan im Mittelpunkt der neu eröffneten amerikanischen Abteilung. Das Gemälde ist eine politische Ikone der US-Gesellschaft, denn es zeigt den Wendepunkt der amerikanischen Revo­lution im 18. Jahrhundert am Delaware ­River. Doch entstanden ist „Washington Crossing the Delaware“ aus einer anderen Revolution heraus und an einem ganz anderen Fluss. Und gemalt ­hat es noch dazu ein Schwabe.

Truppe zusammengeschmolzen

Verfolgt von britischen Berufssoldaten und hessischen Söldnern zog sich die Freiwilligenarmee George Washingtons Ende 1776 über den Delaware von New Jersey nach Pennsylvania zurück. Seine Truppe war nach vielen Niederlagen auf ein Zehntel ihrer ursprünglichen Stärke zusammengeschmolzen. Das mögliche Ende der Auflehnung gegen Großbritannien vor Augen führte Washington in der Nacht des 25. Dezember etwa 2400 Freiheitskämpfer über den Fluss nach Trenton.

Dort überrannte die Continental Army 1400 hessische Söldner in ihrem Winterquartier. Und mit dieser Verzweiflungstat konnte Washington der Revolution eine entscheidende Atempause erfechten und seinen Landsleuten neuen Mut machen. Für den US-Historiker David Hackett stand darum am Delaware eine ganz grundsätzliche Frage auf dem Spiel – ob es nämlich Menschen möglich ist, auf der Grundlage von Gerechtigkeit und Freiheit eine funktionierende Gesellschaft zu organisieren und sich gegen eine autoritäre Ordnung durchzusetzen.

Es war dieser Gedanke, der den Schwaben Emanuel Leutze 1848 zu seinem Werk inspirierte. Als Sohn eines freisinnigen Kunsthandwerkers 1816 in Schwäbisch Gmünd geboren, wanderte er mit der Familie neun Jahre später nach Philadelphia aus. Früh als künstlerisches Talent erkannt, konnte er nach dem Tod des Vaters 1831 mit Porträts prominenter Bürger den Lebensunterhalt für Mutter und Geschwister verdienen. Im Jahr 1841 reichte das Vermögen, um zwecks Fortbildung zurück nach Deutschland zu gehen und an der Düsseldorfer Kunstakademie zu studieren. Am Rhein traf der begeisterte Demokrat den Dichter Ferdinand Freiligrath. Dessen Gedicht „Vor der Fahrt“ feierte das junge Amerika und rief „verweg’ne Männer“ auf, an Bord eines „Schiffes namens Revolution“ für Freiheit und Recht in den Kampf zu ziehen. In Washingtons entschlossener Tat erkannte Leutze im deutschen Revolutionsjahr 1848 die kurz zuvor geschriebenen Zeilen seines Freundes wieder. Die Idee für ein eigenes Bildwerk war geboren.

Der Maler gab den ersten Entwürfen seines „Washington“ hoffnungsvolle, kräftige Farben. Doch nach dem Einrücken preußischer Truppen im Rheinland wurde Leutzes Palette dunkler, die Hochstimmung im Boot wich grimmiger Entschlossenheit. 1850 war eine erste Fassung des Gemäldes fertig. Sie kam später in den Besitz der Bremer Kunsthalle und verbrannte 1942 nach einem Luftangriff auf die Stadt. Leutze und seine Assistenten malten 1851 jedoch binnen weniger Monate eine zweite Fassung, die er im Herbst des Jahres in New York zeigen und für den damals sehr hohen Preis von 10 000 Dollar verkaufen konnte. Einer glanzvollen Karriere Leutzes in Amerika stand nun nichts mehr im Weg. 1868 starb er. Sein zweiter „Washington“ gelangte 1897 ins Metropolitan Museum.

Typisches Produkt des Neoklassizismus

Kunsthistoriker stufen Leutzes Werk als typisches Produkt des Neoklassizismus ein. Sie betrachten es als eine Art Fries nach dem Vorbild des „Schwurs der Horatier“ vom Franzosen Jacques-Louis David aus dem Jahr 1784, denn auch Leutze reiht seine Figuren streng bühnenhaft nebeneinander auf. Kritiker zählen auch gerne die historischen Schnitzer des Malers auf: Die von dem zukünftigen Präsidenten James Madison gehaltene Flagge gab es damals so noch gar nicht; die Revolutionsarmee setzte auch in der Realität auf breiteren Flachbooten über den Delaware, auf dem zudem glatte Schollen trieben und keineswegs „kleine Eisberge“, so der Restaurator Myers. Ohnehin gleicht der Fluss auf dem Bild mehr dem Rhein als dem Delaware.

Doch solche Mängellisten gehen an der ideellen Bedeutung des Gemäldes für die Amerikaner natürlich völlig vorbei. Der Demokrat Leutze wollte das Motto der Vereinigten Staaten „E pluribus unum“ (Aus vielen eines) symbolisch darstellen. Zu dieser Gemeinschaft unterschiedlicher Gruppen und Interessen zählten für ihn die Pflanzeraristokraten Washington und Madison aus Virginia ebenso wie Bauern aus New Jersey im Heck oder die Waldläufer in ihrer Lederkleidung, die am Bug, in der Mitte und am Heck ihren Mann stehen.

Prince Whipple

Der Historiker Hackett Fischer vermutet in der „androgynen“, rudernden Figur im roten Hemd sogar eine Frau in Männerkleidung. Das deutlichste Signal hat Leutze jedoch mit dem Schwarzen im Bug gesetzt, der das Kostüm eines neuenglischen Seemanns trägt. Forscher sehen in ihm ein Bildnis von Prince Whipple, der zwar als Sklave eines Generals aus New Hampshire an der Überquerung des Delaware teilnahm, aber später für seinen Kriegsdienst freigelassen wurde. Leutze selbst war ein glühender Gegner der Sklaverei. Ein „Staatsschiff Amerika“ ohne freie Schwarze wollte er sich nicht vorstellen.

Über dieser verschworenen Gemeinschaft steht neuerdings links oben im Bild der Morgenstern. Myers und Mayer haben dieses Zeichen in geduldiger Kleinarbeit frei gelegt. Die Kunstexperten am Met hatten Leutzes „Historienschinken“, wie es intern hieß, lange stiefmütterlich behandelt. Myers und Mayer verwandten daher viel Zeit auf die Entfernung einer Firnis auf Wachsbasis, die das Bild verdunkelt und mit Schlieren überzogen hatte. Wie Myers lächelnd sagt, sind nun selbst die „elitären Met-Mitarbeiter“ von ihrem „Washington“ begeistert. Vielleicht kommt für die USA die Neupräsentation ja gerade recht. Im aufgeheizten Präsidentschaftswahlkampf mag ihnen das Gemälde eines idealistischen Schwaben neue Perspektiven zeigen.