ZDF-Komödie „Familie Sonntag auf Abwegen“: Gestrandet am Ammersee

Getrübte Stimmung: Familie Sonntag feiert.Getrübte Stimmung: Familie Sonntag feiert.
ZDFStuttgart - Kürzlich im Kino Tränen gelacht: Über die Leinwand ging Judd Apatows „Immer Ärger mit vierzig“, derweil zu Hause der Sohn in den achtzehnten Geburtstag hineinfeierte. Man will ja nicht im Weg sein als Eltern. Da passte es, dass gerade diese abgedrehte Komödie lief, die einen über den herrlichen Wahnsinn des Kleinfamilienlebens mit Teenagern zum Kreischen bringt. Etwas Ähnliches, wenn auch auf viel reifere Nachkommenschaft bezogen und auf deutschem, fernsehtauglichem, etwas behäbigeren Niveau, gelingt dem ZDF am Donnerstagabend mit „Familie Sonntag auf Abwegen“.
Es geht um ein älteres Ehepaar und seine drei, dem Alter nach längst erwachsenen Sprösslinge. Die Eltern Bärbel und Franz Sonntag, mit großer Alterssouveränität verkörpert von Gisela Schneeberger und Friedrich von Thun, träumen auf sehr unterschiedliche Weise vom Ruhestand. Während der Frau ein Alterssitz auf Mallorca vorschwebt, postiert der Mann sich im Oldtimer als kritischer Beobachter vor dem Autohaus, das ihm bis vor Kurzem gehörte. Doch dann drängen ganz andere Probleme in die Beziehung. Das leere Nest, in dem sich die Eltern gemütlich eingerichtet hatten, füllt sich wieder, nacheinander kehren die Töchter und der Sohn nach Hause zurück. Sie sind alle in den Dreißigern – und trotzdem planlos. Karo, die ehrgeizige Älteste, hat ihren Status als erfolgreiche Managerin unter dem neuen, indischen Investor eingebüßt. Moni, das Blumenmädchen, konnte zwar zahllose Titel und Praktikumserfahrungen sammeln, ist aber in der Welt der Wirtschaft völlig fehl am Platz, und Robert lässt sich als überambitionierter, realitätsfremder Architekt von seiner Frau aushalten.
Bei Familien dürften die Pointen zünden
Alle drei – Christiane Paul, Anna Maria Sturm und Sebastian Bezzel stellen sie mit großer Spielfreude dar – sind etwas klischeehafte, aber durchaus realistische, zeitgenössische Charaktere, Menschen, denen man beigebracht hat, dass sie alles erreichen können – und die dann an ihre Grenzen stoßen. Mit Topfpflanzen, Koffern und Sorgen verwandeln sie das gerade noch so aufgeräumte Elternhaus schnell in ein Chaos. Dass sich dabei jeder vor dem anderen verstellt, so gut es geht, um den Erwartungen zu entsprechen, wird erst mit der Zeit deutlich. Es muss heftig gestritten, ein Auto kaputt gefahren und ein romantischer Chinese gefunden werden, bevor nach einer Orgie der Überschreitung und Zerstörung jeder Spross der Vorzeigefamilie zumindest ahnt, wie es weitergehen könnte mit dem eigenen Leben, das bei Weitem nicht so planbar scheint, wie sich die Eltern das an der Wiege vorgestellt haben.
Globalisierung versus Mittelschicht
Denn auch davon handelt diese an vielen Stellen wirklich ziemlich lustige Komödie: wie der scheinbar unaufhaltsame Siegeszug von Globalisierung und Digitalisierung die Biografien deutscher Mittelschichtskinder durcheinanderwirbelt, die nicht mehr damit rechnen können, dass es ihnen finanziell besser gehen wird als ihren Erzeugern. Wie aus falschem Sicherheitsdenken falsche Entscheidungen getroffen werden, die der veränderten Wirklichkeit nicht standhalten können. Und wie durch ein gewisses Maß an Offenheit, Mut zur Selbsterkenntnis und zum Downshifting neue Perspektiven entstehen.
Nun kann man dem Feelgood-Film, der den bayerischen Drehort am Ammersee in leuchtenden Bildern und Farben preist, sicher einiges vorwerfen. Zum Beispiel zählen die Sonntags mit ihrem schicken Haus am See zur oberen Mittelschicht, ihre finanziellen Schwierigkeiten finden auf hohem Niveau statt und wirken deshalb nicht bedrohlich. Aber die meisten Dialoge sind stark und schnell, und die Pointen dürften bei vielen Zuschauern zünden, die eine Familie haben. „Der große Vorteil von Konflikten in Familienkonstellationen ist, dass jeder sie kennt und wir uns immer auch an unsere eigene Familie erinnert fühlen. Das Identifikationspotenzial ist einfach sehr, sehr hoch“, sagt die Drehbuchautorin Kirsten Peters, die zuspitzt, aber nicht sorglos mit schwierigen Themen wie Arbeitslosigkeit und Singlewesen umgeht. Der Film betrachte die Schicksale der einzelnen Figuren sehr ernsthaft, sagt der Regisseur Ulli Baumann. „Je mehr und je intensiver wir das machen, umso komischer wird es.“ Man darf „Familie Sonntag auf Abwegen“ also durchaus als Ermunterung zu etwas mehr Leichtigkeit angesichts widriger, aber nicht aussichtsloser Umstände betrachten. Und als Lehrstück für Eltern älterer Heranwachsender. Wie antwortet Friedrich von Thun so schön auf die Frage nach seinem Familienverständnis: „Als Vater sollte man immer loslassen können.“ Als Mutter auch.