Ärger in Baden-Baden: Reimender Pfarrer wird an die Autobahn abgeschoben

Eine Aktion so richtig nach dem Geschmack von Pfarrer Matthias Koffler: eine Regenbogenfahne hängt im Mai 2024 vor der Baden-Badener Autobahnkirche.
dpa/Benedikt SpetherAus der Sicht der Freiburger Erzdiözese ist es eine gute Lösung und sogar ein Kompromiss: Der wegen einer offenbar zu launigen Fasnachtspredigt bei der Diözesenleitung in Ungnade gefallene Pfarrer Matthias Koffler muss zwar seine Seelsorgeeinheit verlassen, darf aber in seiner Heimatstadt Baden-Baden bleiben. Wie das Erzbistum in einer Erklärung mitteilte, habe sich Koffler entschieden die Baden-Badener Autobahnkirche als neue Wirkungsstätte zu übernehmen. Er habe diese Variante aus mehreren Optionen ausgewählt.
Der Vorsitzende des Pfarrgemeinderats, Markus Bähr, sprach von einer enttäuschenden Entwicklung, die all diejenigen, die sich in den vergangenen Wochen für eine Rückkehr Kofflers eingesetzt und mittlerweile 3000 Unterschriften gesammelt hätten, nicht glücklich mache. Auch sei der Pfarrgemeinderat „wieder einmal übergangen worden“. Deshalb habe man sich noch nicht zu einer gemeinsamen Stellungnahme abstimmen können. Aus seiner Sicht sei es immerhin gut, dass Pfarrer Koffler in der Nähe bleibe. Die Autobahnkirche befindet sich an der A 5 und gilt auch als Ort der Kultur.
Die Seelsorgeeinheit steht vor einem Scherbenhaufen
Er rechne damit, dass in spürbarem Umfang Gläubige aus den Gemeinden der Seelsorgeeinheit abwandern und zu den Gottesdiensten in der Autobahnkirche pilgern könnten, sagte Bähr. „Die Frage, wer bei uns die Lücke füllt, lässt die Erzdiözese offen.“ Dies werde in der Mitteilung aus Freiburg nicht einmal thematisiert. „Wir stehen weiter vor einem Scherbenhaufen.“ Damit müsse jeder Pfarrer, der nun nach Baden-Baden beordert würde, umgehen. Wer die Ostermessen zelebriere, sei völlig offen.

Pfarrer Matthias Koffler gilt als unkonventioneller Priester.
Foto: Erzbistum Freiburg/privatKarin Ziegler, die aus Protest gegen die Ablösung Kofflers als Pfarrgemeinderätin zurückgetreten war, kündigte eine Fortsetzung der freitags stattfindenden Protestabendgebete auf dem Baden-Badener Bernhardusplatz an. Sie erwarte, dass viele Ehrenamtliche unter diesen Umständen weiterhin ihre Mitarbeit in den Gemeinden der Seelsorgeeinheit ruhen lassen würden. „Das Problem ist auch, dass der Großpfarrer weiter da ist.“
Der Dekan hat kaum noch Sympathien
Das Erzbistum löst zum 1. Januar 2026 die mehr als 1000 Pfarreien im badischen Landesteil auf und lässt sie in 36 Großpfarreien aufgehen. Als Leiter der Großpfarrei Baden-Baden ist vom Erzbistum der gegenwärtige Dekan Lorenz Seiser vorgesehen. Doch er besitzt offenbar kaum noch Sympathien unter Baden-Badens Katholiken. „Wir hatten nicht den Eindruck, dass er uns unterstützt hat“, sagte Ziegler. Die Gemeinden werde er kaum befrieden können.
Koffler war in Baden-Baden beliebt und hatte auch die Besuchszahlen in seinen Gottesdiensten ansteigen lassen. Konservativen Kräften war der auch vom Erscheinungsbild her unkonventionelle Pfarrer wegen seines Lebenswandels allerdings offenbar schon länger ein Dorn im Auge. Bei Koffler gerieten die Gottesdienste zu bloßen Events, bei denen quasi mehr getanzt worden sei als gebetet. Das Fass zum Überlaufen brachte dann Kofflers traditionelle gereimte Fasnachtspredigt.
Darin äußerte sich der Geistliche nicht nur satirisch zu politischen und kirchlichen Fragen, sondern er berichtete auch von Beschwerdebriefen an die Diözesanleitung über ihn. So habe sich eine Frau darüber mokiert, dass er als Pfarrer in die Sauna gehe und in kurzen Hosen durch die Stadt jogge. Doch es ging in den Briefen wohl auch darum, mit wem er da joggte: mit seinem Haushälter.
Eine prominente „Madame Wichtig“
Obwohl Koffler in seiner Fasnachtspredigt den Namen der Frau nicht nannte, fühlte sie sich bloßgestellt und hat sich inzwischen auch öffentlich zu erkennen gegeben. Bei der „Madame Wichtig“, wie Koffler die Beschwerdebriefschreiberin in seiner Fasnachtspredigt nannte, handelt es sich um Elisabeth Lammert, die stellvertretende Vorsitzende der Kommission zur Aufklärung von Missbrauchsfällen im Erzbistum und Schwester des ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU).
Der gegenwärtige Protest sei eine „Blase“, erklärte Lammert gegenüber den „Badischen Neuesten Nachrichten“. Koffler habe eine „Gehorsamspflicht“ gegenüber der Erzdiözese. Genau dies scheinst man in Freiburg ähnlich gesehen zu haben, als man die Abberufung Kofflers verfügte. Die prominente Einsprecherin konnte man offenbar nicht übergehen. Koffler habe mit seiner Predigt die „Einheit“ der Kirche verletzt, heißt es beim Erzbistum. Viele Katholiken in Baden-Baden werfen dies nun umgekehrt der Bistumsleitung und dem Dekan vor.
