Beziehungsweise (17): Fürst Philipp und Fürstin Saskia zu Hohenlohe-Langenburg: „Ich kann im Schloss nicht gut entspannen“

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Stuttgarter ZeitungLangenburg - Das Schloss Langenburg thront malerisch auf einer Bergzunge hoch über dem Jagsttal. Seit dem 13. Jahrhundert lebt hier das Geschlecht derer zu Hohenlohe. Seit 2004 führen Fürst Philipp und seine Frau Saskia den Betrieb. Sie empfangen im Gelben Salon.
Fürst Philipp, Fürstin Saskia, Sie haben ein ziemlich großes Haus.
Philipp zu Hohenlohe Neulich entdeckten meine Buben sogar eine Turmnische, die ich gar nicht kannte. Dafür kenne ich ein paar Schlupfwinkel, von denen sie nichts wissen. Einen kleinen Vorsprung hab ich noch.
Saskia zu Hohenlohe Schon als ich zum ersten Mal hier war, gefiel es mir. Ich mag auch die Landschaft. Ich bin ja am Starnberger See aufgewachsen. Da war es zwar auch ländlich, ich hatte ein Pferd, es gab einen Bauernhof hinter unserem Haus. Aber es ist eben ein Vorort von München und nicht vergleichbar mit Langenburg.
Wie macht man ein Schloss zum Heim?
Saskia zu H. Wir bewohnen nur den zweiten Stock, da nur den vorderen Teil. So rücken wir etwas näher zusammen.
Philipp zu H. Wir haben, als wir einzogen, das Schlafzimmer neu eingerichtet und ein kleines Wohnzimmer geschaffen, wo wir meistens sitzen. Bei den Kinderzimmern im Nordflügel gibt es ein Treppenhaus vom Keller bis zum Dachstuhl. Weil es da zog wie Hechtsuppe, bauten wir unten eine Türe ein. Jetzt ist es etwas heimeliger, wenn wir abends zu den Kindern gehen oder sie nachts zu uns kommen und am dunklen Treppenhaus vorbei müssen.
Saskia zu H. Nicht zu vergessen die Küche. Sie war als Arbeitsplatz für die Köchin gedacht, ein langer Schlauch ohne Tisch. Als fürstliche Familie hielt man sich ja nicht in der Küche auf. Wir haben jetzt eine Wohnküche, wo wir uns abends bekochen und die Familie zusammenkommt.
Philipp zu H. Unsere Kinder wollten auch auf keinen Fall historische Möbel in ihren Zimmern. Sie finden Ikea cooler.
Schützen Sie Ihre Möbel vor den Kindern?
Philipp zu H. Die großen Räume eignen sich natürlich bestens, um von Sessel zu Sessel zu springen, ohne den Boden zu berühren. Solche Spiele kenne ich auch aus meiner Jugend. Wenn unsere Kinder mal wieder eine Tob-Attacke überfällt, weisen wir sie schon drauf hin, das Sofa nicht zu doll als Trampolin zu missbrauchen. Aber ich würde sagen: Durch junge Hunde ist bei uns mehr kaputtgegangen als durch unsere Kinder.
Wie haben Sie sich kennengelernt?
Philipp zu H. Auf einer Party in München, das war im Juni 2001. Wir stellten fest, dass wir beide Betriebswirtschaft studiert hatten und auch noch im selben Block wohnten – ich in Hausnummer eins, Saskia in Nummer sechs.
Saskia zu H. Wir waren offenbar schon auf diversen Events gemeinsamer Bekannter gewesen, hatten uns aber nie wahrgenommen. Philipp zu H. 2003 heirateten wir. Ein halbes Jahr später starb überraschend mein Vater. Wir sind sofort hergezogen, um den Betrieb weiterzuführen. Am Anfang war Land unter. Chaos. Ein Jahr lang tauchten wir in den Schubladen. Zunächst wollten wir unsere Firmen weiterführen – ich mein Sportmarketing, sie ihre Investmentfonds. Aber das ging auf keinen Fall.
War klar, dass Sie das Schloss übernehmen?
Philipp zu H. Ja, so bin ich aufgewachsen: Der älteste Sohn übernimmt. Die klassische Generationenübergabe ist leider nicht gelungen. Wenn ich nach Hause kam, war das immer eher Freizeit für mich. Ich sprach mit meinem Vater nie über wirtschaftliche Details. Er wusste wohl insgeheim, dass das Schloss auf Dauer so nicht mehr zu halten war, scheute aber die Veränderung.
Saskia zu H. Das war dann unsere Aufgabe: Wege suchen, um laufende Kosten zu reduzieren und neue Einnahmequellen zu erschließen.
Wie fanden Sie in Ihre neue Rolle?
Saskia zu H. Ich hatte Philipp gebeten: Sag mir zwei Jahre, bevor wir nach Langenburg ziehen, Bescheid, damit ich mich vorbereiten kann. Dann bin ich doch so schnell in die neue Aufgabe hineingestolpert, dass ich gar nicht groß zum Nachdenken kam. Ich kann jetzt aber immer noch alle Dinge machen, die ich als Saskia Binder auch gerne gemacht hätte.
Philipp zu H. Mir fällt es schwer, hier völlig zu entspannen. Ich kann ja nicht in der Jogginghose übers Gelände spazieren, wenn unten Führungen sind. Nicht, dass ich oft joggen würde, aber ich bin hier halt immer in gewisser Habachtstellung. Deshalb gönnen wir uns, immer wieder wegzufahren, um Kraft zu tanken. Oder die gesellschaftlichen Verpflichtungen: Ich habe so viele Ehrenämter, dass ich sie eigentlich gar nicht so gut erledigen kann, wie man es als gewissenhafter Mensch von sich erwartet. Ich hätte früher Nein sagen sollen. Ich dachte jedes Mal: Mein Vater hatte das Amt – dann nimmst du es eben auch an.
Saskia zu H. Ich finde, wir kriegen es zumindest bei den Kindern gut hin, dass sie ein normales Leben leben. Sie gehen hier in den Kindergarten, die Grundschule, haben Freunde im Ort. Manchmal müssen sie sich zwar Sprüche wie „Der kleine Prinz“ anhören, aber das gehört dazu.
Prinzessin Anne ist die Patentante Ihres Mannes. Seine Großmutter war die Schwester von Philip, dem Gemahl der Queen. Bei der Hochzeit von William und Kate standen Sie als eine von zwei deutschen Familien auf der Gästeliste. Wie sicher waren Ihre ersten Schritte auf königlichem Parkett?
Saskia zu H. Anfangs ist man schon nervös und etwas eingeschüchtert. Ich fragte vorher meinen Mann, was zu beachten ist: Wie mache ich den Knicks? Vor wem mache ich einen Knicks?
Philipp zu H. Inzwischen knickst sie wie ’ne Eins.
Saskia zu H. Die königliche Familie ist sehr freundlich und macht es einem wirklich leicht. Philip mit seinen 95 Jahren erinnert sich auch noch an Geschichten aus Langenburg. Das ist für uns sehr interessant.
Philipp zu H. Und er kennt die Versteckmöglichkeiten im Schloss so gut wie ich. Er war ja noch im Entdeckungsalter, als er eine Zeit lang hier in Langenburg lebte.
Sie haben die Etikette in Buckingham Palace längst verinnerlicht?
Philipp zu H. Mit der Zeit hat sich eine Freundschaft entwickelt, die über das rein verwandtschaftliche Verhältnis hinausgeht. Durch eine gewisse Regelmäßigkeit der Besuche bin ich da schon auch routinierter geworden. Wobei auch mir der ein oder andere Fauxpas passiert.
Sie können gerne erzählen.
Philipp zu H. Das lassen wir lieber.
Saskia zu H. Bei der Hochzeit von William und Kate fragte er, ob er einen Pimm’s – ein Sommergetränk auf Ginbasis mit Limonade und Früchten – serviert bekommen könnte. Der Kellner wies ihn dann sehr sophisticated darauf hin: „Pimm’s we drink next month in Ascot, Sir.“
In Thomas Manns „Buddenbrooks“ setzt Hanno in der Familienchronik einen Strich unter seinen Namen und erklärt dem ungehaltenen Vater in kindlicher Vorahnung: „Ich glaubte . . . es käme nichts mehr.“ Fürchten Sie manchmal den heiligen Zorn einer schier endlosen Ahnenreihe?
Philipp zu H. Der innere Druck wird einem bewusst, wenn man mitbekommt, wie andere Häuser durch finanzielle Schieflage gezwungen werden, ihre Schlösser zu verkaufen oder wegzuziehen. Da fragt man sich schon: Was, wenn du derjenige bist, der nach 800-jähriger Geschichte im Langenburger Schloss alles vermasselt?
Saskia zu H. Wir haben anfangs alles durchdacht, alles durchgespielt: Aufgeben, um den Kindern diesen Schritt mal zu ersparen? Weitermachen, damit sie uns mal nicht vorwerfen: „Warum habt ihr uns um die Chance gebracht, was daraus zu machen?“ Das Allerwichtigste ist, dass uns irgendwann eine Übergabe mit gutem Gewissen gelingt. So, dass die nächste Generation einigermaßen sorgenfrei wirtschaften kann.
Wie genau kennen Ihre drei Kinder den fürstlichen Stammbaum?
Philipp zu H. Sie können sicher mehr Youtuber aufzählen als Vorfahren. Ich versuche, es lockerer anzugehen als mein Vater. Wenn er mir historische Vorträge hielt, fand ich das als Bub stinklangweilig. Er war so ein Experte, dass er bei Nachfragen oft unwirsch reagierte: „Junge, das ist doch ganz einfach!“ Richtig gelernt, wie man mit wem verwandt ist, habe ich erst, als ich Hauschef wurde – als mich hier jeden Morgen meine in Öl porträtierten Vorfahren anstarrten und ich bei vielen nachdenken musste: Sag mal, wer bist du eigentlich?
Ihr ältester Sohn ist jetzt zwölf. Zeit fürs Internat?
Philipp zu H. Ich kam mit elf nach Salem – vor allem, weil ich Schwergewichtsmeister der Legasthenie war. Salem hat mich mit meinen Problemen aufgenommen und zum Abitur geführt. Es war eine prägende Zeit. Aber so jung wie ich sollen meine Kinder nicht weg von zu Hause.
Saskia zu H. Ich war in keinem Internat, könnte es mir aber durchaus für meine Kinder vorstellen – wenn sie es denn selbst wollen! Für Max wäre es jetzt noch zu früh. Aber, wer weiß, in zwei Jahren ist er vielleicht so weit.
Gibt es heute mehr familiäre Wärme im Schloss?
Philipp zu H. Das ist so. Sie müssen bedenken, mit welchem Rollenverständnis meine Großeltern noch aufwuchsen. Meine Großmutter, um es sich in Erinnerung zu rufen, war eine geborene Prinzessin von Griechenland, ihre Schwiegermutter die Enkelin von Queen Victoria und von Zar Alexander II. Meine Großeltern erschienen jeden Abend frisch umgezogen im Smoking und Abendkleid zum Diner. Das Höfische ging bis zum Versuch meines Großvaters, ausschließlich Französisch mit meinem Vater zu reden – was nur mittelgut funktionierte. Auch ich erinnere mich nicht, dass mein Vater je an der Bettkante von uns Kindern saß. Ich sage das ohne Vorwurf. Wir haben es ja trotzdem irgendwann gelernt.
Kurz und knapp: Was mögen Sie am anderen?
Philipp zu H. Sie ist sehr entspannt.
Saskia zu H. Seinen Humor.
Was gar nicht?
Philipp zu H. Dass ihr völlig egal ist, wenn der FC Bayern verliert.
Saskia zu H. Dass er Angst vor Pferden hat. Wo reiten doch mein liebstes Hobby ist. Philipp zu H. Was sie auch ziemlich stört: Dass ich besser Ski fahre als sie.
S askia zu H. Wenn’s denn so wäre.
