Der frühe Tod der Tochter
: Mama, ich hab Krebs

Vor fünf Jahren ist Heike Scherer in Schwäbisch Hall gestorben. Sie wurde 30 Jahre alt. Ihre Mutter hat die letzten Monate, Wochen, Tage, Stunden im Leben der jungen Frau dokumentiert.
Von
Christa Scherer
Stuttgart
Jetzt in der App anhören

Das letzte Bild von Heike Scherer

privat

Schwäbisch Hall - Die Diagnose ließ keine Hoffnung zu: CUP-Syndrom, eine Krebsart ohne erkennbaren Primärtumor. Als man die Metastasen entdeckte, blieb kaum noch Zeit. Nur zwei Monate später, am 18. Dezember 2007 um 21.10 Uhr, starb Heike Scherer im Alter von 30 Jahren. Ihre Mutter Christa hat den Tod ihres Kindes in einem nachträglichen Tagebuch aufgearbeitet, aus dem wir hier Auszüge drucken. „Ich möchte, dass ihr Heike kennenlernt“, schreibt sie im Vorwort, „eine junge, hübsche, lebensfrohe, temperamentvolle Frau, die voll im Leben stand.“

Sonntag, 24. Dezember 2006

Wir verbringen Weihnachten bei Heike und ihrem Mann in ihrem neuen Haus. Sie hat lecker gekocht und sich viel Mühe mit der Tischdekoration gegeben. Der Baum ist umwerfend toll geschmückt. Ich habe natürlich wieder was auszusetzen beim Essen und kann einfach nicht meinen Mund halten. Hugo, mein Mann, meint nur zu ihr: „Heike, du kennst doch deine Mutter.“ Wir trinken ein Gläschen Sekt, und es ist wieder alles gut. Ich sehe, wie Heike eine Tablette in den Mund steckt und frage so nebenbei: „Für was war die denn gerade?“ – „Ach, mein Magen spinnt wieder einmal.“

Dienstag, 5. Juni 2007

Urlaub in Bibione. Ein wunderschöner Sonnentag. Wir alle sitzen zufrieden in der Sonne, haben kalte Getränke und leckere Naschsachen. Der Pool könnte wärmer sein, aber die Kinder, diese Wasserratten, stört das nicht. Sie sind aus der ersten Ehe von Heikes Mann, wir haben sie lieb gewonnen. Am Abend bereitet Heike leckere Salate zu. Ich decke den Tisch, und die Männer sind für die Getränke zuständig. Wir haben sehr viel Spaß. In der Nacht werde ich durch ein Geräusch wach. Als ich Heike im Bad würgen höre, denke ich mir: „Die hat doch nichts getrunken, was ist da wieder los?“ Ich horche noch ein bisschen, höre aber nichts mehr.

Sonntag, 24. Juli 2007

Am Sonntagnachmittag klingelt das Telefon. Heike. Sie ist ganz aufgelöst: „Ich habe wieder so schreckliche Schmerzen, es tut so weh, Mama. Ich habe die halbe Nacht auf der Toilette verbracht. Mein Magen oder der Bauch, ich weiß nicht, was mir wehtut.“

Montag, 25. Juli 2007

Heike geht zu ihrer Hausärztin, die macht ein Blutbild und Ultraschall. Sie begutachtet ihren Bauch und überprüft ihre Lunge. Doch sie kann nichts feststellten, sie meint nur, es seien die Nerven.

Dienstag, 18. September 2007

Heike hat starke Bauchkrämpfe, sie muss in die Klinik. Nach drei Tagen bringe ich sie nach Hause. Diagnose: es fehlt ihr nichts.

Mittwoch, 26. September 2007

Die Frauenärztin untersucht Heike ausgiebig mit Ultraschall. Dabei stellt sie Flüssigkeit im unteren Beckenbereich fest. Heike soll so schnell wie möglich eine Computertomografie machen lassen.

Donnerstag, 27. September 2007

Magenspiegelung. Nach einer Woche kommt das Ergebnis: alles in Ordnung bis auf ein Magengeschwür. Harmlos, nichts Besonderes. Sie bekommt Medikamente.

Montag, 1. Oktober 2007

Heike wird in den Computertomografen geschoben: Flüssigkeit im unteren Bauchraum, geringe Flüssigkeit um die Leber, beides unauffällig, normale Gallenblase, Niere okay. Entzündungen im Fettgewebe, in der Bauchfelltasche und wahrscheinlich auch im Dickdarm. „Den genauen Befund bekommt die Hausärztin, die Ihnen alles Weitere erklären wird“, sagt der Arzt.

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Heike ruft mich an: „Mama, was habe ich nur? Ich habe schon wieder so Bauchweh.“

Donnerstag, 11. Oktober 2007

Darmspiegelung. „Nein, nach dem, was ich bis jetzt feststellen konnte, haben Sie keinen Krebs, Frau Scherer“, sagt der Arzt.

Donnerstag, 8. November 2007

Weitere Computertomografie. Im Bauchraum sei noch Wasser, alles Weitere müsse er noch auswerten, sagt der Arzt. Sie bekommt einen Termin am 12. November, um die genauen Ergebnisse zu besprechen.

Sonntag, 11.November 2007

Ich habe Heike zum Abendessen eingeladen. Heike und ich hatten noch nie so ein gutes Verhältnis wie in den vergangenen Wochen. Als sie ein pubertierendes Mädchen war, verstand ich meine Tochter überhaupt nicht. Es gab immer nur Streit und böse Worte zwischen uns. In ihren Tagebüchern war ich die schlimmste Mutter der Welt. In meinen Gedanken bitte ich dich heute: „Heike, verzeih mir.“

Montag, 12. November 2007

Ich habe Sauerbraten mit Spätzle, Kartoffeln und Salat gemacht. Heikes Mann kommt am Abend gegen halb sechs bei uns vorbei. Gemeinsam warten wir auf sie und auf das Ergebnis der Computertomografie. Wir sind so in unser Gespräch vertieft, dass wir erst gar nicht bemerken, dass Heike nach Hause gekommen ist. Sie hat wie immer ihre Jacke und ihre Handtasche auf die Kaminablage geworfen, dann steht sie plötzlich vor uns im Wohnzimmer und sagt nur: „Ich habe Krebs.“ Keiner kann etwas erwidern, so schockiert sind wir. Ich sage: „Das glaube ich nicht, damit macht man keine Scherze.“ – „Doch Mama, ich hab Krebs. Meine Leber hat drei bis vier Zentimeter große Metastasen, und mein ganzer Bauch ist voll mit Wasser.“

Meine Knie zittern. In meinem Kopf dreht sich alles. Nur keine Angst zeigen. Heike darf nicht merken, wie es in mir aussieht. Ich führe sie zum Sofa und sage zu ihr: „Das kann doch nicht sein, es wurden doch so viele Untersuchungen gemacht, sie haben doch nie etwas gefunden.“ Heike ist sehr gefasst. Keine Träne, kein Jammern, nichts. So kenne ich meine Tochter nicht.

Dienstag, 13. November 2007

Gegen 8.30 Uhr fahre ich Heike in die Klinik. Der Chefarzt meint: „Wir können noch nicht viel sagen, wir müssen erst noch einige Untersuchungen machen.“ Ich kann mich kaum ruhig verhalten. Ich frage mich: Wieso jetzt noch mal diese Untersuchungen? Sie haben doch alles. Was ist denn noch unklar? Warum fangen sie nicht mit der Behandlung an? Hat Heike doch keinen Krebs?“ Später nimmt mich im Krankenhausflur eine junge Ärztin zur Seite: „Ihre Tochter ist schwer krank, machen Sie ihr zu Hause noch ein paar schöne Tage, sie wird Weihnachten nicht erleben.“

Samstag, 17. November 2007

Heike und ihr Mann kommen gegen neun Uhr am Morgen zu uns nach Westheim zum Frühstück. Ihr Haus liegt nur fünf Kilometer entfernt. Sie erzählt mir, dass sie noch ein paar Sachen zum Anziehen braucht für die Chemo, etwas Weites. Also fahre ich am Nachmittag zu einem Modegeschäft nach Schwäbisch Hall. In meinem Kopf kreist der Gedanke: „Vielleicht ist es das letzte Mal, dass ich Heike etwas kaufen kann.“ Ich kaufe ihr schöne Schlafanzüge, einen Jogginganzug und T-Shirts.

Dienstag, 20. November 2007

Mein Mann, Heike, ihr Mann und ich haben ein Gespräch mit dem Stationsarzt. Nach fast zwei Stunden Wartezeit teilt er uns mit, dass Heike eine seltene Krebsart hat, das CUP- Syndrom: Metastasen ohne Tumor.

Sonntag, 2. Dezember 2007

Um neun Uhr ruft Heike bei uns an: „Mama, kannst du mich holen, ich brauche ein bisschen Ruhe.“ Ich setze mich sofort ins Auto. Sie steht mit gepackter Tasche und ihrem Hund Sancho vor der Tür. „Was hast du vor“, frage ich. – „Ich komm zu euch.“ – „Hast du Streit mit deinem Mann?“ – „Nein, aber ich möchte zu euch.“ – „Ja, ist in Ordnung.“ Daheim kuschelt sich Heike mit ihrem Hund aufs Sofa. Ich schalte ihr den Fernseher ein, keine zehn Minuten später schläft sie. Heike schläft in den nächsten Tagen bei uns auf dem Wohnzimmersofa. Ihr Papa feuert jeden Abend für sie den Kamin an und bleibt fast jede Nacht bei ihr.

Freitag, 7. Dezember 2007

Der ersehnte Anruf von der Klinik. Heike soll am Montag früh auf der Krebsstation sein. Dann wollen sie mit der Chemotherapie anfangen. Endlich beginnt die Behandlung. Ich nehme Heike in die Arme und drücke sie ganz fest: „Jetzt wird alles gut.“ Ich bete still: „Lieber Gott, lass meine Tochter wieder gesund werden.“

Dienstag, 11. Dezember 2007

Endlich fließt das Medikament in Heikes Körper. Es tropft und tropft. Man meint, die Zeit stehe still. Gegen 19.30 Uhr können wir die Klinik verlassen. Mit einem Rollstuhl fahre ich Heike zum Auto und dann nach Hause. Ich mache ihr das Sofa gemütlich und schalte den Fernseher ein. Es ist für Heike wichtig, dass der Fernseher läuft, dann fühlt sie sich nicht allein und kann immer toll einschlafen. Mein Mann bringt mir ein Bier und schenkt uns einen Schnaps ein. Heike schläft schon wieder.

Mittwoch, 12. Dezember 2007

Heike bekommt ihre zweite Chemotherapie. Ich sitze an ihrem Bett und bete, streichle ihre Hand, mache ihre Lippen feucht und lass sie immer wieder trinken, weil sie viel trinken soll, um das Gift auszuspülen. Heike ist nicht begeistert, dass ich sie ständig wecke. „Mama, ich bin doch schon voll mit Wasser, ich komm mir vor wie ein Luftballon.“ Sie schläft wieder ein mit halb geschlossenen Augen und einem starren Blick an die Wand. Heute denke ich, dass sie schon zu diesem Zeitpunkt eine Reise auf die andere Seite machte.

Total erschöpft bringen wir sie gegen 20 Uhr wieder nach Hause. Ihr Hund Sancho will sich gleich unter ihre Decke kuscheln, aber Heike sagt: „Mama, bring den Hund weg.“ Sonst darf Sancho immer bei ihr im Bett schlafen, sie nimmt ihn überall mit. Es ist doch ihr Baby.

Donnerstag, 13. Dezember 2007

Die dritte Chemo. Ihr Bauch ist so angeschwollen, als würde sie gleich entbinden. Heike weiß gar nicht mehr, wie sie sich hinlegen soll. Die Infusion tropft wieder, und die Uhr tickt. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, wie lange ein Tag sein kann. Heike schläft, und auf ihrem Gesicht erscheint ein Lächeln. Ich streichle ihre Haare. Heike sagt: „Mama, ich habe mir gerade ein Zimmer eingerichtet.“ – „Wieso ein Zimmer, Heike?“ – Keine Antwort. Sie hat doch ein Haus mit schönem Garten. Heute denke ich, sie meinte ihr Zimmer auf der anderen Seite.

Samstag, 15. Dezember 2007

Ihr Papa knetet und massiert Heikes Beine, damit die Durchblutung besser wird. Am späten Abend lege ich mich zu ihr aufs Bett und mache den Fernseher an. Wir sprechen fast die halbe Nacht. „Mama, weißt du noch, wie ich mit Daniela nach Italien gefahren bin? Oder wie ich mit Mirri in der Disco war und ihr Auto zu Schrott gefahren habe? Und Papa durfte den Schaden bezahlen. Das Tollste war aber immer Fasching und Skifahren in Großarl.“

Montag, 17. Dezember 2007

Tobias hat die Klinik wieder verlassen. Er kann es nicht ertragen, seine große Schwester leiden zu sehen. Mein Mann und ich gehen in den Besucherraum, wir wollen Heike ein bisschen alleine lassen mit ihrem Mann. Nach kurzer Zeit kommt er: „Sie schläft jetzt. Ich war mit ihr auf der Toilette, sie hat sich so gequält, sie kann kein Wasser lassen.“ Ich kann das nicht verstehen, ihr ganzer Körper ist ja voll mit Wasser. Irgendwo muss das doch raus. Aber ich bin ja so blind und doof. Dass ihre Organe schon nicht mehr arbeiten, auf diese Idee komme ich überhaupt nicht.

Dienstag, 18. Dezember 2007

Eine Laborantin will Heike Blut abnehmen, aber die Schwester schickt sie wieder weg. „Die Kontrolle brauchen wir nicht mehr.“ Soll ich zu Gott beten, dass sie weiterleben darf? Oder soll ich beten, dass es schnell geht? Das sind meine Gedanken. Ich hoffe, Heike, du verzeihst mir.

Auf dem Flur rufe ich meinen Mann, unseren Sohn Tobias und Heikes Mann an: „Sie wird heute Nacht sterben.“ Nach kurzer Zeit sind alle drei in der Klinik. Gegen Abend kommen Heikes Freundinnen Simone, Antje und Damaris, um sich zu verabschieden. Jedes der Mädchen kann noch einmal allein mit ihr sprechen.

Ich berühre Heike jetzt nicht mehr. In meinem Inneren weiß ich, es ist sehr wichtig für sie. So kann sie selbst entscheiden, wann sie geht, ich halte sie nicht zurück. Ich habe auch keine Tränen mehr, in mir geht irgendetwas vor, was ich nicht beschreiben kann. Der Blick aus dem Fenster vermittelt einen leuchtend-orangefarbenen Horizont. Schwarze Vögel ziehen ihre Kreise zum Himmel und dann wieder zurück zu Heikes Fenster. Gerade so, als wollten sie mein Kind abholen.

Um 20.30 Uhr nimmt sie das Sauerstoffgerät ab. Ich sage: „Heike, das brauchst du noch.“ Ich will das Gerät wieder befestigen, aber sie wehrt sich. Also lass ich es sein und sehe zu, wie sie sich abquält, um Luft zu bekommen. Um 21.10 Uhr steht Heike plötzlich auf und fällt in die Arme von ihrem Papa. Mein Mann legt sie wieder vorsichtig in ihr Bett. Ich streichle ihre Hand: „Es wird alles wieder gut.“ Sie sieht mich an, atmet noch einmal und stirbt. Ich drücke sanft ihre Augen zu und fange an zu beten.

StZ Kompakt - Der Abend
Montag - Samstag um 17.00 Uhr
Die wichtigsten Themen aus Stuttgarter Sicht - mit unserem Newsletter gewinnen Sie abends schnell den Überblick über das Tagesgeschehen.