Interview zur Bandenkriminalität: „Bereit, für die Ehre zu sterben“

Bandidos und Hells Angels liefern sich teilweise erbitterte Kämpfe um ihre Reviere.
dpaStuttgart - Der Jurist Florian Albrecht forscht über Rocker und rockerähnliche Gruppen. Polizei und Staatsanwaltschaft diskriminierten eine Subkultur, meint er. Albrecht ist Volljurist und Kriminologe an der Universität Passau und als Rechtsanwalt tätig. Seit Jahren beschäftigt er sich mit Subkulturen, seit einiger Zeit speziell mit dem Verbot von Rockergruppierungen.
Was ist der Zweck einer Bande?
Demnach sind Rocker und rockerähnliche Gruppen eine friedfertige Subkultur?
Eine pauschale Betrachtung von Rockergruppierungen verbietet sich. Ihrer Historie nach handelt es sich zumindest bei den sogenannten Motorradclubs um Gruppierungen, die Personen, die sich in die normale Gesellschaft nicht integrieren können, eine alternative Lebensweise ermöglichen wollen. Dies muss nicht zwangsweise kriminelle Aktivitäten beinhalten. Vielmehr können auch die gegenseitige Anerkennung und der Respekt vor Werten und Überzeugungen genügen.
Auffällig viele Mitglieder neuer Gruppen sind Nachkommen von Einwanderern. Was verbindet sie?
Zunächst einmal verbindet sie ihre durch politische Fehlentscheidungen verursachte Chancenlosigkeit in unserer Gesellschaft. Die Mitglieder von Rockergruppierungen sind oftmals nicht in der Lage, auf üblichem Wege das zu erreichen, was in unserer Gesellschaft für erstrebenswert erachtet wird – beispielsweise Bildung und Wohlstand. Sie wollen sich nicht damit abfinden, sondern suchen alternative Lösungswege. Zudem vertreten sie oftmals andere Lebenshaltungen als die Aufnahmegesellschaft. Ich meine insbesondere die Einstellung zur eigenen Ehre, das Frauenbild, die Möglichkeiten zur Konfliktlösung. Viele der jungen Männer sind selbst durch Gewalterfahrungen geprägt.
Wie kommt es zu der plötzlichen Erstarkung der Gruppen in den vergangenen Jahren?
Ein tatsächliches Erstarken sehe ich nicht unbedingt. Vielleicht ist das mediale und polizeiliche Interesse einfach größer geworden. Mit ruppigen Rockern und gewaltbereiten Migranten kann man leicht von den wirklichen Problemen ablenken. Die Grenze zur Diskriminierung ist dann aber auch schnell überschritten.
Nach welchen Werten leben Rocker?
Es handelt sich in Teilen um eine Gegenkultur, die unsere konsumgeprägten Werte ablehnt und durch eigene ersetzt. Mir sind zum Beispiel Rocker bekannt, die eher auf Strom im Haus verzichten, als ihre Clubbeiträge nicht zu bezahlen. Zudem wird ein echter Rocker die eigene Ehre und die Ehre des eigenen Clubs über alles andere stellen. Dafür muss er bereit sein zu sterben.
Polizei und Staatsanwaltschaft sind bei dem Thema sehr zurückhaltend. Können Sie sich das erklären?
Insgesamt stelle ich fest, dass deren Szenekenntnisse eher eingeschränkt sind. Zudem fehlen oft Kenntnisse auf dem Gebiet der Kriminalprävention sowie hinsichtlich der Folgen staatlicher Eingriffe. Vielleicht würde eine eingehende Stellungnahme nur verdeutlichen, dass hier mitunter auch Gruppierungen unter Generalverdacht gestellt werden, deren Gefährlichkeit nicht bewiesen ist. Bevor die Polizei zu Eingriffen befugt ist, sollte sie erst einmal aufklären, ob das Vorgehen gegen Rockergruppen an sich überhaupt legitim ist. Mir ist kein Fall bekannt, in dem ein Rocker allein wegen seiner Mitgliedschaft in einer solchen Gruppierung belangt werden konnte.