Kunstfälschung: Millionen schmelzen dahin

Die großen Figuren werden mit der Säge zerstückelt.
Heinz HeissSüßen - Es tut einem in der Seele weh. Wie schön stehen sie da, die großen, stolzen Schreitenden, diese anmutigen Gestalten aus Bronze. Oder die kleinen Figürchen, die so zerbrechlich wirken mit ihren hageren Leibern. Es dauert nur ein paar Sekunden, schon sind sie halbiert. Der Hydraulikzange schnappt zu und schneidet Arme und Beine ab. Die Kreissäge durchtrennt die Körper. In einem Gitterkorb stapeln sich die Gliedmaßen, die Köpfchen und zerstückelten Leiber, die Überreste dieser einst so schönen Skulpturen. Es ist grausig, das mit anzuschauen.
Ernst Schöller hat dagegen seine helle Freude. Es ist ein sehr guter Tag und ein Höhepunkt in der langen Karriere des Stuttgarter Kriminalhauptkommissars. Schwitzend steht Schöller neben dem heißen Schmelzofen der Kunstgießerei Strassacker in Süßen und schaut zu, wie eine Bronzeskulptur nach der anderen in dem brodelnden Sud versinkt. Langsam sacken die aufragenden Körper ein und verschwinden in der mehr als tausend Grad heißen Masse. Beine schmelzen dahin, Köpfe verflüssigen sich. „Noch die große Figur“, sagt Schöller, „dann gehen wir einen Kaffee trinken.“
Schöller und seine Kollegen haben sich den Kaffee wahrlich verdient. Drei Jahre hat die Sonderabteilung Kunst des Landeskriminalamts Stuttgart in einem der spektakulärsten Fälle von Kunstfälschung ermittelt. Ein Mainzer Kunsthändler und ein ehemaliger DDR-Heizer, der sich vornehm Lothar Senke Graf von Waldstein nannte, haben seit 2003 zahllose gefälschte Arbeiten des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti (1901–1966) auf den Markt gebracht. Sie betrogen gutgläubige Käufer um mindestens acht Millionen Euro. Ein Stuttgarter investierte allein 4,2 Millionen Euro, ein Anwaltsehepaar aus Hessen kaufte Werke für 3,8 Millionen Euro.
Neun Jahre Haft für den Haupttäter
Seit einem Jahr sitzen die Täter hinter Gittern. Das Stuttgarter Landgericht hat den damals 61-jährigen Pseudografen von Waldstein wegen banden- und gewerbsmäßigen Betruges in fünfzig Fällen für schuldig befunden und zu neun Jahren Haft verurteilt. Der Mainzer Kunsthändler muss sieben Jahre und vier Monate ins Gefängnis.
Schöller hat schon viele Fälscher dingfest gemacht – die Fälschungen aber, mit denen sie handelten, bleiben meist trotzdem auf dem Kunstmarkt. Denn anders als etwa in Frankreich dürfen sie in Deutschland nicht beschlagnahmt und zerstört werden. Sie sind weiterhin im Eigentum des Besitzers – und werden mit betrügerischer Absicht oder von ahnungslosen Erben häufig wieder in den Kunstmarkt zurückgeschleust.
Diesmal ist alles anders. Im August 2009 entdeckten die Ermittler in Mainz ein geheimes Lager mit tausend gefälschten Bronzeskulpturen und Gipsarbeiten Giacomettis. Ein absoluter Ausnahmefall. „Von daher sind wir umso glücklicher, wenn wir Fälschungen im Besitz des Täters finden“, sagt Schöller. „Das ist klar, die wären auf dem Kunstmarkt gelandet“ – spätestens, wenn die Täter sie nach der Entlassung aus der Haft verkauft hätten.
Damit das nicht passiert und damit auch niemand versucht, sich eine der grazilen Stehenden oder Gehenden für den Privatgebrauch zu sichern, hat Schöller den gesamten Transport begleitet. Drei Tage war er mit seinen Kollegen unterwegs. Sie sind nach Mainz gefahren, um das versiegelte Lager zu räumen. Sie haben bei der Bereitschaftspolizei in Gemeinschaftsunterkünften übernachtet und schließlich noch haltgemacht bei einer Bank in Hessen. Denn der geschädigte Anwalt war bereit, auch seine Werke zerstören zu lassen, die 52 teuer bezahlten Stücke, die den Grundstock einer Privatsammlung bilden sollten.
Eines dieser Figürchen liegt schon bereit im Gitterkorb, es hat ein rotes Geschenkband um den Hals mit einer Karte, auf der die Herkunft der Fälschung und die Asservatennummer verzeichnet sind. Eine Skulptur nach der anderen lässt der Gießer in den Schmelzofen gleiten. Auch wenn durch das offene Tor ein kühles Lüftchen weht, ist die Hitze kaum auszuhalten, die von der glühenden, orangefarbenen Masse abstrahlt. Funken spritzen, als der schöne, leuchtende, zähe Brei in Pfannen gegossen wird, die zuvor mit Formsand ausgekleidet wurden. So wird aus den vermeintlichen Giacomettis wieder das, was sie einst mal waren: große, schwere Bronzebarren, die ein wenig an riesige Leberkäse erinnern.
Auch für die Mitarbeiter von Strassacker ist es ein besonderer Tag, schließlich wird in der Kunstgießerei gewöhnlich nichts zerstört, hier werden Skulpturen oder Friedhofslampen gegossen. Heute sind die Mitarbeiter den gesamten Tag über ausschließlich für das Landeskriminalamt im Einsatz. „Das gibt eine ordentliche Stromrechnung“, sagt einer. Als Gegenleistung darf das Unternehmen die rund fünf Tonnen Bronze behalten, vermutlich wird das Material in ein paar Monaten weiter nach Abu Dhabi reisen – als Bronzetüren.
Im Hof stehen bereits die ersten dampfenden Formen. Die glühende Bronze braucht Tage, bis sie vollständig abgekühlt ist. Mit einem Bagger werden nebenan die Gipsfiguren und Gipsbüsten zerschlagen. In einer Figur steckte sogar noch ein Schnipsel einer holländischen Zeitung jüngeren Datums. Die Fälschungen sollen in den Niederlanden hergestellt worden sein. Wo, konnte Schöller bis jetzt noch nicht in Erfahrung bringen.
Die Fälscher haben sich eine perfekte Legende ausgedacht, um ihre Kundschaft zu hintergehen. Der falsche Graf von Waldstein behauptete, mit Diego Giacometti, dem Bruder des Künstlers, befreundet gewesen zu sein. Diego habe immer wieder Arbeiten aus dem Atelier geholt und einen geheimen Fundus mit Bronze- und Gipsskulpturen angelegt. Aus dem stammten die Stücke.
Der teuerste Bildhauer der Welt
Zertifikate wurden gefälscht, aber vor allem schrieb der Mainzer Kunsthändler Schulte im Namen des Grafen das Buch „Diegos Rache“ und veröffentlichte 300 Exemplare, um die These von Diegos Lager zu stützen. „Jede Zeile darin ist erstunken und erlogen“, sagt Schöller, selbst die ISBN-Nummer wurde gefälscht. Den Fälschern kam entgegen, dass es kein Werkverzeichnis von Giacometti gibt – und dass Arbeiten des teuersten Bildhauers der Welt immer gefragt sind. Für seine lebensgroße Bronze „L’Homme qui marche“ zahlte die Witwe eines libanesischen Bankers vor zwei Jahren immerhin 74 Millionen Euro.
Auch wenn Kunstfälschungen oft als Kavaliersdelikte abgetan werden – für Hauptkommissar Schöller sind die Täter nichts als Kriminelle, die Menschen um sehr viel Geld bringen. Er ist auf die beiden Giacometti-Fälscher nicht gut zu sprechen. Im Jahr 2008 war der Mainzer Kunsthändler Schulte schon einmal verurteilt worden – ebenfalls wegen des Handels mit gefälschten Giacomettis. „Aber sie haben munter weitergemacht“, sagt Schöller bitter, „da gibt es keinerlei Unrechtsbewusstsein.“
Die letzte Fuhre wird in die Schmelzerei in Halle 20 gefahren. Ernst Schöller wirkt müde, aber es gibt kein Pardon: „Wir bleiben bis zum bitteren Ende“, sagt er, „es kann ja nicht sein, dass wir sie erst bewachen und beschützen – und dann gehen.“ Auch Kristoff Ritlewski schaut etwas derangiert aus, sein teurer Anzug ist völlig eingestaubt. Der Hamburger Anwalt vertritt die Giacometti-Stiftung, die in dem Prozess als Nebenkläger aufgetreten ist. Ritlewski darf einen kleinen Bronzebarren mitnehmen. „Den werde ich meinen Mandanten geben“, sagt er, „damit sie wissen, was aus den Fälschungen geworden ist.“
Auch Schöller packt zwei kleine Barren ein – fürs Büro. „Mehr als 800 Bronzefiguren haben sich in Wohlgefallen aufgelöst“, sagt er und nimmt sich nach einem langen Tag endlich im Pausenraum ein großes Stück Kuchen. Man sieht, dass er zufrieden ist. „Das ist ein Ergebnis, das man sich als Ermittler wünscht“, sagt er, „wenn sich der Kreis schließt und die Fälschungen in die Urform zurückgeführt wurden.“