Terror im Südwesten: Der Polizist Seliger: „Das war nichts Persönliches“

Wolfgang Seliger wurde 1977 schwer verletzt.
Achim ZweygarthHerr Seliger, erzählen Sie uns vom 3. 5. 1977?
Ich war damals seit etwa vier Monaten mit der Ausbildung fertig. An diesem Dienstag hatte ich Frühdienst. Gegen neun Uhr kam eine Zeugin auf das Revier, die glaubte, im Café Hanser ein Terroristenpärchen erkannt zu haben. Nun war das damals keine Seltenheit. Das Buback-Attentat lag nur einen Monat zurück. Knut Folkerts, der als Mittäter genannt wurde, hatte seine Kindheit in Singen verbracht, das war allgemein bekannt – und wohl auch der Grund, warum in der Stadt öfters vermeintliche Folkerts erkannt wurden. Ein älterer Kollege schickte mich dann zur Personenkontrolle rüber ins Café. Mein Kollege Uwe Jacobs, nur ein Jahr älter als ich, kam gerade zur Tür herein. Ihn nahm ich mit.
Standen Sie unter Anspannung?
Überhaupt nicht. Reine Routine. Das beschriebene Pärchen war so gut wie fertig mit dem Frühstück, las Zeitungen und machte keinen nervösen oder verdächtigen Eindruck. Sie sagten, sie kämen aus Stuttgart, die Ausweise hätten sie im Auto, das in der Nähe geparkt sei. Also entschlossen wir uns, sie dahin zu begleiten und uns die Ausweise zeigen zu lassen. Wir gingen eine Weile durch die Innenstadt, sie schienen den Parkplatz nicht mehr zu finden. Irgendwann fragte ich dann etwas ungehalten: „Wo ist denn die Kiste jetzt?“ Heute weiß ich: Die beiden wollten Zeit gewinnen. Auf dem Weg müssen sie sich durch Handzeichen oder kurze Codeworte irgendwie darüber verständigt haben, wie sie uns am besten ausschalten konnten.
Sie schöpften aber noch keinen Verdacht?
Wir ahnten beide nicht im Geringsten, dass wir da mit den Terroristen Günter Sonnenberg und Verena Becker durch die Stadt gingen. Sonnenberg wies schließlich in Richtung Höristraße. Da stehe der Wagen. Die beiden gingen vier, fünf Meter vor uns. Als Sonnenberg auf einen blauen VW Passat zeigte und ich das Kennzeichen sah, raste mir in Sekundenbruchteilen ein Adrenalinschub durch den Körper. Das Auto hatte eine Konstanzer, keine Stuttgarter Zulassung. Ich wusste sofort: Das ist eine Falle, jetzt stimmt gar nichts mehr. Ich wollte meine Waffe ziehen, bin aber nicht mehr dazu gekommen. Die beiden hatten sich schon umgedreht und, ohne zu zögern, das Feuer eröffnet. Günter Sonnenberg auf mich, Verena Becker auf Uwe. Der erste Schuss traf meine Hand – meine Pistole war nun weg und mein Finger auch. Der zweite Schuss traf in den Oberschenkel. Ich fiel zu Boden und versuchte, unter den Passat zu kriechen. Sonnenberg folgte mir, feuerte aus ungefähr zwei Metern das ganze Magazin auf mich leer. Ich sehe ihn noch vor mir, sein Gesicht, höre die ohrenbetäubend lauten Schüsse. Ein Projektil traf meinen Unterleib, zwei Kugeln schlugen in der Brust ein, eine Kugel bekam ich den Hals.
Wie fühlt sich so was an?
Man spürt eine Wucht wie bei einem Pferdetritt. Mich haute es nach hinten, und dann brannte alles vom Hals abwärts, als stünde mein Körper in Flammen. Da lag ich, der Schock überlagerte alle Gedanken.
Günter Sonnenberg, Jahrgang 1955, wächst in Karlsruhe als Sohn eines Bundesbahnoberrats auf. Auf dem Gymnasium ist er der Klassenbeste. Nach dem Abitur schreibt er sich an der Heidelberger Uni in Philosophie, Geschichte und Politologie ein. Zwei Jahre später, 1976, verabschiedet er sich von seinen Eltern, um – wie er sagt – eine Weltreise anzutreten. In Wirklichkeit taucht er in den Untergrund ab. Im gleichen Jahr erscheint sein Namen auf der Fahndungsliste des Bundeskriminalamts.
Was passierte mit Ihrem Kollegen?
Beckers Schüsse gingen an Uwes Kopf vorbei in den Teer, in die Jacke. Er erlitt nur einen Unterarmdurchschuss und stellte sich tot. Becker und Sonnenberg kaperten dann mit Waffengewalt einen Opel Ascona. Durch einen unglaublichen Zufall konnte die Polizei sie in dem Fahrzeug orten und die Verfolgung aufnehmen. Sie führte durch ein Wohngebiet auf einen Feldweg, wo die Terroristen zu Fuß weiter flüchteten und weiter schossen. Sonnenberg erlitt schließlich einen Kopf-, Becker einen Oberschenkeltreffer. Ein Kollege von mir hatte im Fluchtauto die abgesägte Schnellfeuerwaffe 5,6 mm von Heckler & Koch entdeckt, die beim Buback-Attentat verwendet wurde. Er hatte sie durchgeladen und die beiden quasi mit eigenen Waffen geschlagen. Ich war da schon mit Karacho ins Krankenhaus gebracht worden.
Das dann zur Hochsicherheitsklinik wurde.
Ja. Und binnen Stunden war sie von Reportern belagert. Ich lag mit Uwe in einem Zimmer. Davor saß immer ein Polizist, die Tür war abgeschlossen, und erst beim Kennwort „Schwester Bertha“ öffneten wir. Becker und Sonnenberg lagen im Zimmer nebenan. Die Boulevardpresse wandte alle Tricks an, um Fotos zu bekommen, postierte sich mit gigantischen Objektiven auf dem Hohentwiel. Versuchte, einen Kollegen von mir mit 10 000 Mark zu bestechen. Ein Reporter verkleidete sich als Coca-Cola-Techniker und schaffte es sogar bis auf die Wachstation. In meinem Heimatdorf versuchten Journalisten, alles Mögliche über mich in Erfahrung zu bringen. In welchem Verein ich bin, mit wem ich beim letzten Polterabend getanzt habe. Aber niemand hat mit ihnen gesprochen.
Wie schnell kamen Sie wieder auf die Beine?
Ich ging nach einem Vierteljahr wieder aufs Revier. Wochen zuvor wurden Uwe und ich bereits mehr oder weniger vom BKA verpflichtet, bei der filmischen Rekonstruktion der Tat mitzuwirken. Es war ein großes Spektakel, die Singener Innenstadt wurde abgesperrt und alles minutiös nachgestellt, sogar die Schüsse auf uns. Das war wenig rücksichtsvoll, ich hätte es ablehnen sollen. Psychologische Betreuung, die ich gern angenommen hätte, gab es damals nicht. Ich musste alles so wegstecken.
Hat es funktioniert?
Mehr schlecht als recht. Die Sache wurde totgeschwiegen. Meine Kollegen schwiegen, meine Familie schwieg. Ich auch. Mein Sohn erfuhr erst mit 15, woher meine Narben stammen. Er erfuhr es aus den Medien, nicht von mir. Das hab ich leider versäumt.
Sonnenberg wird wegen zweifachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht geht davon aus, dass er der Vize der Haag-Mayer-Bande ist und damit eines der gefährlichsten Mitglieder der zweiten RAF-Generation. Wollten Meinhof, Baader, Ensslin noch im Geiste Maos und Che Guevaras den revolutionären Flächenbrand in die Metropolen des Kapitals tragen, ist der RAF-Nachwuchs kaum mehr um ideologische Rechtfertigung für das Morden bemüht. Mit Sonnenberg verbindet sich das Ende dessen, was man intellektuellen Terrorismus nennen konnte.
Was lief an jenem 3. Mai schief?
Die Terroristen waren uns haushoch überlegen, hatten Nahkampfschulungen im Nahen Osten hinter sich, während unsere Ausbildung eher der im örtlichen Schützenverein glich. Wir waren unerfahren und haben sicherlich Fehler gemacht. Wir hätten sie vielleicht gleich im Café durchsuchen müssen. Wir hätten uns vielleicht nicht auf die Autosuche einlassen dürfen. Anderseits war die Aktion, rein sachlich betrachtet, ein Erfolg. Zwei Topterroristen wurden gefasst, ohne dass ein Mensch zu Tode kam. Hätten zwei erfahrene Kollegen sie kontrolliert, wäre es womöglich im Café oder in der Fußgängerzone, wo an dem Tag eine Karstadt-Filiale eröffnet wurde, zu einem Blutbad gekommen. Denn die wären nicht freiwillig mit.
Schärfte die Tat Ihr politisches Bewusstsein?
Den Schahbesuch, das mit Ohnesorg oder Dutschke habe ich als Jugendlicher schon am Rande mitbekommen. Die erste echte Berührung mit der RAF war dann in Stammheim während meiner Ausbildung. Bestimmt habe ich nach der Tat mehr über das Thema und die Hintergründe gelesen als der Durchschnittsbürger. Aber richtig reingekniet habe ich mich auch nicht.
1992 kommt Sonnenberg auf Bewährung frei. 2011, beim zweiten Prozess gegen Verena Becker, tritt er noch einmal kurz ins Licht der Öffentlichkeit. Der 56-Jährige wohnt zu dieser Zeit in Frankfurt am Main und bezieht 350 Euro Sozialhilfe monatlich. Auf die Frage, warum er als Arbeitskraft nicht vermittelbar sei, sagt er dem Richter: „Ihnen ist wohlbekannt, dass ich 1977 einen Schuss in den Hinterkopf bekommen habe und danach 13 Jahre in Isolationshaft war. Es waren Ihre Kollegen, die die Verantwortung dafür haben.“ Ansonsten schweigt Sonnenberg und antwortet auf Fragen nur monoton „55“″ als Verweis auf den entsprechenden Paragrafen.
Günter Sonnenberg war kaum älter als Sie. Doch unterschiedlicher können Lebenswege kaum sein. Der eine geht zur Roten-Armee-Fraktion, der andere zur Polizei.
Aus meiner Sicht ging es uns zu der Zeit, Mitte der 70er Jahre, gut in Deutschland. Ich konnte nie nachvollziehen, was die Terrorristen dazu bewegt hat, dies alles anzuzweifeln. Ich habe nie verstanden, was sie auf diesen Irrweg brachte, was ihr Aufruhr bringen sollte. Zumal sie ja ohnehin nie eine echte Chance hatten, das System umzustürzen. Für mich waren es Kriminelle.
Wie hat die Tat Sie verändert?
Anfang der Neunziger, im Zuge der Begnadigungsdiskussion, haben sich Medien mit Interviewwünschen bei mir gemeldet. Ich merkte damals, dass es mir guttat, über meine Erlebnisse zu reden. Später erzählte ich auch in Oberstufenklassen und Volkshochschulen meine Geschichte. Ich glaube, ich habe keine psychischen Schäden davongetragen, und die körperlichen Folgen sind nicht der Rede wert. Natürlich werde ich die Tat nie ganz wegstecken – was mir vielleicht bei einem Unfall gelungen wäre. Es ist was anderes, wenn ein Mensch vor dir steht, der dich mit Eiseskälte und Mordlust auslöschen will. Das geht nie aus dem Kopf.
Sind Sie Sonnenberg noch einmal begegnet?
Ein halbes Jahr später beim Prozess. Er wurde in den Saal geführt, sprach keinen Ton, wirkte apathisch, hat auch nie aufgeschaut. Ich muss sagen: Ich bekam es mit der Angst zu tun, als ich so zum zweiten Mal mit ihm konfrontiert wurde.
Spüren Sie in irgendeiner Form eine Verbindung zu diesem Menschen?
Nein.
Hass?
Nein. Es war für ihn ja nichts Persönliches, ich war halt ein Uniformträger.
Wären Sie bereit, ihm zu verzeihen?
Sicher nicht.
