Böblingen: Wie die Dagersheimer Angler für ihre Schwippe kämpfen

Jürgen Rothfuss (vorne links) ist noch immer tatkräftig mit dabei, wenn die Schwippe von Müll und Unrat befreit wird.
H. SchmidtWaschmaschinen, Kanister mit Schadstoffen, Autoreifen: Kaum zu glauben, was die Dagersheimer Schwippe-Angler schon alles aus dem gleichnamigen Gewässer gezogen haben. Die Schwippe, die auf 3,2 Kilometer zwischen Böblingen und Darmsheim auch die Dagersheimer Gemarkung passiert, ist nicht umsonst jahrelang eine ökologisch tote Dreckbrühe gewesen. Ungeklärtes aus Böblingen hatte das Gewässer ebenso verschmutzt wie Industrieabwässer von Mercedes-Benz. Erst strengere Umweltrichtlinien ließen die Schwippe allmählich gesunden. „Plötzlich wurden wieder Fische in der Schwippe gesichtet“, erinnert sich Jürgen Rothfuss, 20 Jahre lang Vorsitzender der Schwippe-Angler, zu deren Gründungsmitgliedern er 2003 gehörte, an den Beginn der 2000er-Jahre.
Für ihn und andere rührige Mitstreiter bildete dies den Startschuss zur Gründung des Vereins „Schwippe-Angler“. „Unser Hauptaugenmerk und großes Anliegen ist es seitdem, die Schwippe wieder beleb- und befischbar zu machen“, sagt der ehemalige Vereinsvorsitzende. Ein ehrenamtliches Engagement, für das der 64-Jährige jetzt von der Stadt Böblingen mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde.
OB Stefan Belz (Grüne) lobte in seiner Laudatio den Einsatz von Jürgen Rothfuss für die Wiederbelebung und den Erhalt des noch bis in die 1990er-Jahre verunreinigten Fließgewässers. „Sie haben lange Verantwortung übernommen und durchgehalten“, gratulierte er.
Angel-Urlaub in Kanada
Dem reinen Angelsport hat sich der Ur-Dagersheimer schon viel länger verschrieben. „Ich gehe angeln, seit ich 18 bin“, erzählt Jürgen Rothfuss – und wie er damals beim Angeln mit seinen Freunden am Epplesee in Kirchentellinsfurt ein Stück persönliche Freiheit suchte. 1980 schloss er sich dem Angelsportverein Sindelfingen an, Mönchsbrunnen- oder Klostersee wurden seine „Jagdreviere“. Dazu war er schon in vielen anderen, vor allem nordeuropäischen Ländern und sogar in Übersee zum Fischen unterwegs. Sein bislang weitester Trip führte ihn 2019 gemeinsam mit seinem Sohn Andreas zum Lachsfischen nach Alaska. Kapitale Hechte bis zu ein Meter Länge waren seine stattlichste Beute, für die noch größeren Welse dauere ihm dagegen das ‚Ansitzen’ schlichtweg zu lange, schmunzelt Rothfuss.
Kaum gegründet, veranstalteten die Schwippe-Angler auch schon die erste Schwippe-Putzete. Anfangs zweimal im Jahr, später jährlich rückten die großen und kleinen Vereinsmitglieder dem Müll zu Leibe und füllten damit reihenweise Traktorenanhänger. Aber: „Es ist bedeutend besser geworden“, freut sich Jürgen Rothfuss.
Die Fließgeschwindigkeit verringern
Seit 14 Jahren päppeln die Schwippe-Angler außerdem mit einem Eierbrutprojekt Bachforellen, zudem zählt Rothfuss als Bestand Weißfische, Schleien und Döbel sowie anderswo vom Aussterben bedrohte Kleinfische von Grundelarten über Elritzen bis hin zu Stichlingen auf. Möglich geworden sind solche Erfolge nicht zuletzt durch den naturnahen Rückbau, den sich die Schwippe-Angler mit dem Einbringen von Buhnen zur Verlangsamung der unnatürlich schnellen Fließgeschwindigkeit ebenfalls auf die Fahnen geschrieben haben. „Da ist auch die Stadt gefordert“, unterstrich Jürgen Rothfuss in seiner Dankesrede.
„Euer Engagement sorgt dafür, dass die Schwippe sauber gehalten wird“, lobte Stefan Belz den gesamten Verein mit seinen rund 90 Mitgliedern, davon 35 aktive Angler. Angefangen bei derzeit fast einem Dutzend Kindern und Jugendlichen, darunter mit Jenny und Manuel auch die beiden Enkel des Vereinsgründers.
Der bleibt auch nach seinem Rückzug vom Amt des Vorsitzenden weiterhin umtriebig. „Ich bin immer noch in dem einen oder anderen Ausschuss dabei“, erklärt Jürgen Rothfuss, dazu in der ebenfalls von ihm mitgegründeten Hegegemeinschaft Schwippe-Würm. Die trotzdem gewonnene Freizeit widmet er aber nicht nur der eigenen Familie. „Ich habe nach 24 Jahren das schon früher betriebene Motorradfahren wieder aufgenommen“, verrät der jetzt mit der Landesehrennadel Ausgezeichnete.