Felix Schindele aus Weil der Stadt: Der, bei dem Helene Fischer auf dem Sofa saß

Noch heute übt Felix Schindele eine Stunde am Tag. Denn wenn Corona vorbei ist, tritt er wieder auf.
/Simon GranvilleWeil der Stadt - Am Ende eines Konzerts steht Felix Schindele immer am Ausgang, umringt von Menschenmassen, alle mit einem riesigen Lächeln auf den Lippen und viel Glück im Herzen. „Für die Leute ist so ein Live-Musik-Abend immer ein Highlight“, sagt er. „Die Leute können abschalten und sind glücklich.“
Und der Mann, der die Leute glücklich macht, ist es selbst dann auch. Felix Schindele sitzt im Schuppen, neben seinem Bauernhof in Weil der Stadt. Holzgetäfelt ist es innen, Geweihe an der Wand, eine Couch, ein Stuhl und ein Notenständer, 80er-Jahre-Gemütlichkeit. Erst am Morgen hat er eine ganze Stunde Trompete geübt, erzählt der 61-Jährige, man müsse fit bleiben. Schindele bittet in die gute Stube. Andy Borg, Heino und Bernhard Brink waren auch schon da.
Und hier saß Helene Fischer, im Weil der Städter Schuppen. „Ja, zu ihrer Anfangszeit“, schränkt er dann ein, kann ein bisschen Stolz aber nicht verhehlen, dass er zu jenen gehört, die den deutschen Superstar entdeckt haben. „Sie hat Musical studiert, sie kann richtig gut singen“, erklärt er. „Wir waren ihre erste Live-Band, die sie begleitet haben.“ Bis das Management von Helene Fischer beschloss, dass sie eine eigene Band haben müsse.
Mit allen von Rang und Namen sind sie per Du
Felix Schindeles Band Edelweiß-Express aber hat sich noch nie auf nur einen einzigen Künstler beschränkt. Jeder mit Rang und Namen am Schlagerhimmel, der sich in den 90er und 2000er-Jahren in deutschen Plattensammlungen fand, war auch mit Felix Schindele per Du. Es war die große Zeit der Tourneen mit einem erfolgreichen Konzept: Ein Abend in einer Stadthalle, vier bis fünf Künstler, und eine Band. Das hieß dann zum Beispiel „Deutsche Schlagernacht“, mit dabei waren Andy Borg, die Geschwister Hofmann, Angela Wiedl, Drafi Deutscher und Michelle.
Aus etwa 40 Abenden bestand eine Tournee, und Felix Schindele bestritt mit seinem Edelweiß-Express vier Tourneen pro Jahr – neben vielen anderen Engagements. 300 Tage im Jahr war er zu der Zeit unterwegs. Ein atemloser Alltag, aber ein glücklicher. „Ich hatte ein wunderschönes Leben“, sagt Felix Schindele. Aber auch: „Vom Aufwachsen meiner beiden Töchter hab ich kaum was mitbekommen.“ Das holt er deswegen heute nach.
Er selbst ist in Merklingen aufgewachsen, wo der Vater einen Sanitär-Großhandel hatte. Mit fünf spielt er Klavier, mit sieben Trompete, mit 16 hat er die erste Band. Die Aufnahmeprüfung zur Musikhochschule hat er zwar bestanden, lässt das Studium aber sausen, weil vorgesehen war, dass er den Betrieb des Vater übernimmt. Die Musik aber lässt ihn nicht los.
Bei einer Veranstaltung in Leonberg geht’s los
Die Karriere nimmt 1993 so richtig Fahrt auf, als er den Edelweiß-Express gründet und Musiker um sich schart. „Ich wollte Berufsmusiker werden“, sagt er. Also wendet er sich an den Chef der Agentur Künstlermedia bei Ulm. Der sieht auf der Veranstaltung in Leonberg, was er drauf hat, und nimmt den Edelweiß-Express exklusiv unter Vertrag. Fortan ist er nonstop unterwegs, begleitet vier Jahre lang die Tourneen von Carmen Nebel, sieben Jahre lang die „Feste der Volksmusik“ von Florian Silbereisen und zehn Jahre lang die Veranstaltungen von Andy Borg. Gefragt nach den Höhepunkten muss er nicht lange nachdenken. 1998 begleitet der Edelweiß-Express das Große Deutsche Schlagerfestival mit Dieter Thomas Heck im Gerry-Weber-Stadion in Halle (Westfalen) vor 15 000 Zuschauen, mit 15 verschiedenen Künstlern. „Alles haben wir live gespielt“, sagt Schindele. „Unser Verhältnis zu den Künstlern war bestens.“ Eine Stunde Probe, dann muss es klappen. Und wenn der Künstler sich mal versingt, reagiert die Band sofort.
Aber hat man da einen Lieblingskünstler? „Das sind Karel Gott und Wencke Myhre“, erzählt er. „Beide sind auf einem ein sehr, sehr hohen Niveau und absolut exakt.“ Den Silvesterabend zur Jahrtausendwende 1999/2000 bestreitet der Edelweiß-Express mit Wencke Myhre im Spielcasino Luxemburg. Der Stargast singt dann eine Stunde lang, anschließend spielt die Band den Rest des Abends, wechselt sanft von der Gala-, zur Partymusik. Felix Schindele als Bandleader muss die Stimmung erkennen, sich aufs Publikum einstellen. „Wenn man die Leute dann hat, wenn sie aufspringen und tanzen – dann ist das einfach ein unbeschreibliches Gefühl.“
Ireen Sheer nimmt den Edelweiß-Express überall mit
Noch heute sprudelt es aus Felix Schindele nur so raus, wenn er beim Erzählen ist. „Wir hatten teilweise richtig Glück gehabt“, sagt er. Ireen Sheer zum Beispiel ist vom Edelweiß-Express so begeistert, dass sie die Band exklusiv zu all ihren Auftritten mitnimmt – und schon ist auch Schindeles Edelweiß-Express für all die Veranstaltungen gebucht, für die eigentlich Ireen Sheer nur angefragt worden war.
Vor etwa zehn Jahren dann geht aber die große Zeit der Tourneen durch die Stadthallen Deutschlands zu Ende. Felix Schindele besinnt sich auf seinen Bauernhof in Weil der Stadt, den er 2002 gekauft hat. Eine der Töchter will reiten. „Das hat mir dann selbst aber so gut gefallen“, sagt er und schmunzelt. Er baut den Stall aus, errichtet dort nach und nach eine Pferdepension. 17 Pferde betreut er.
Wenn Corona vorbei ist, tritt er wieder auf
Die Musik hängt er aber noch lange nicht an den Nagel. Wenn Corona vorbei ist, spielt er wieder in der Bosch-Big-Band, der Polizei-Big-Band Heilbronn und der Gout-Big-Band. „Eigentlich bin ich ja ein Jazzer“, erklärt er sein breites Repertoire. Denn auch der Edelweiß-Express fährt noch, zum Beispiel sechs Wochen lang auf dem Berliner Oktoberfest.
Ein bisschen Wehmut schwingt aber mit. „Heute heranwachsende Musiker haben kaum noch die Chance, in großen Big-Bands zu spielen“, sagt er. Wo früher acht Mann auf der Bühne standen, bucht man heute noch drei Leute, die Hälfte der Musik kommt dann vom Band, sagt er. Dabei ist es der Live-Moment, der Felix Schindele antreibt, egal in welcher Musikrichtung. Deshalb geht ihm auch der Schlager nach all den Jahrzehnten nicht auf die Nerven. „Wichtig ist, dass man sauber und exakt spielt“, sagt er. Und wenn die Menschen dann herzerfüllt und tiefseufzend-zufrieden nach Hause gehen, dann haben sie einen bedeutenden Moment erlebt.