Forschungsprojekt des Stadtarchivs: Wie erging es den NS-Zwangsarbeitern in Böblingen?

Im Frühjahr 1938 rollen Panzer über den Böblinger Postplatz. Sie sind Teil einer groß angelegten Parade zur Einweihung der nationalsozialistischen Panzerkasernen.
Stadtarchiv BöblingenDie Zeit des Nationalsozialismus in Böblingen ist historisch kaum aufgearbeitet. Das will die Stadtverwaltung nach und nach ändern. Ein neues Forschungsprojekt fand im Gemeinderat große Unterstützung. Die freischaffenden Historiker Yvonne Arras und Michael Walther von der Agentur Fachwerk bearbeiten nun in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv das Thema „Zwangsarbeiterlager in Böblingen im Nationalsozialismus“. Mit der NS-Zeit hat sich das Duo bereits über diverse Forschungsprojekte beschäftigt.
Vorgespräche legen Thema fest
Da der Nationalsozialismus einem weißen Fleck innerhalb der Geschichte Böblingens gleiche, sei es wichtig gewesen, zunächst sowohl inhaltlich wie auch zeitlich Grenzen zu ziehen, betonen Arras und Walther, die mit ihrer Agentur in Vöhringen südlich von Horb am Neckar sitzen. Zu diesem Zweck fanden im Vorfeld zunächst Gespräche mit Kulturamtsleiter Sven Reisch und Stadtarchivarin Tabea Scheible statt.
Letztlich fiel die Entscheidung auf die Erforschung der Zwangsarbeiterlager während des Zweiten Weltkriegs. „Wir haben die Arbeit am Thema Erinnerungskultur in den letzten Jahren bewusst auf die Agenda gesetzt“, betont Reisch. „Dieses Projekt verstehen wir als Auftakt zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus hier vor Ort.“
Yvonne Arras und Michael Walther haben sich zuletzt an die Arbeit gemacht. „Derzeit sind wir dabei, das Quellenmaterial zu heben, das zur Bearbeitung dieses Thema zur Verfügung steht“, berichten die beiden. Die erste Anlaufstelle sei selbstverständlich das Böblinger Stadtarchiv, das zahlreiche Fundstellen sowohl in den Akten – wie auch in den Bildbeständen zu bieten habe. Aber auch in anderen öffentlichen Archiven, zum Beispiel dem örtlichen Kreisarchiv oder dem Staatsarchiv in Ludwigsburg, will das Duo recherchieren. Dabei müsse auch definiert werden, was man sich unter einem Zwangsarbeiterlager vorzustellen habe. Auch der Begriff des Zwangsarbeiters müsse geklärt und differenziert betrachtet werden.
Die Historiker vermuten, dass sich im Kreisarchiv Akten der amerikanischen Militäradministration nach 1945 mit Listen von Zwangsarbeitern und deren Unterbringung befinden. In Ludwigsburg wiederum werden Unterlagen zu den Entnazifizierungsverfahren aufbewahrt, in denen sich oftmals wichtige Hinweise befinden.
Das Projekt hat eine Laufzeit bis Ende dieses Jahres und soll mit der Vorlage einer Forschungsarbeit abgeschlossen werden. Außerdem ist geplant, dass Yvonne Arras und Michael Walther im Laufe des Jahres Einblicke in den Sachstand geben. „Die Zwangsarbeit in Böblingen während der NS-Zeit ist ein bisher unerforschtes Kapitel unserer Stadtgeschichte“, sagt dazu Oberbürgermeister Stefan Belz. „Die Gräueltaten, die damals geschahen, dürfen nicht in Vergessenheit geraten.“
Wer hat privates Material?
„Unser Anspruch an das Team von Fachwerk ist, dass eine sauber recherchierte und gut verständliche Arbeit entsteht“, fasst Stadtarchivarin Tabea Scheible zusammen, „da erfahrungsgemäß nicht für alle Böblinger Arbeitslager, die während des Nationalsozialismus existierten, tiefer gehendes Quellenmaterial aufzufinden sein wird, muss hier mit Schwerpunkten gearbeitet werden.“
Deshalb wenden sich die Macher auch an die Stadtbevölkerung: Wer selbst über private Dokumente und Quellenmaterial aus der Zeit des Nationalsozialismus verfüge, dürfe dieses gerne zur Verfügung stellen.
Kontakt zum Forschungsprojekt über Tabea Scheible, Telefon 0 70 31 / 669-16 88 oder unter stadtarchiv@boeblingen.de per Mail.