Heimatbund entdeckt Herrenberger Kleinod wieder: Bürger retten Herrenberger Kirchenmodell
Beim Festumzug zur 700-Jahr-Feier Herrenbergs ist es zum ersten Mal gezeigt worden: das stattliche Modell der Herrenberger Stiftskirche. Zweimal wurde es im Festjahr auf einer Art Sänfte von vier Kindern durch die Gassen der Altstadt getragen, und mancher Herrenberger dürfte sich gewundert haben, dass die Kirche zwei hochragende gotische Türme trägt – denn man kannte die Kirche anders: Als Glucke des Gäus, die unter ihren Fittichen friedlich die Häuser des Städtchens versammelt, und mit einem kleinen Glockenturm auskommt.
Doch das war nicht ihr ursprünglicher Zustand. Nachdem im Jahr 1749 der Blitz ins Gotteshaus einschlug, wurden die Türme abgebrochen und durch die heute bekannte Zwiebelhaube ersetzt.
Kirchenfreund und Kupferstecher
In einer Stadtansicht des Kupferstechers Matthäus Merian ist ein Bild der Doppeltürme überliefert. Und das brachte die Stadtväter im Jahr 1929 auf eine Idee, genauer gesagt, auf die Idee, eine Idee zu klauen, die kurze Zeit zuvor in Horb für Furore gesorgt hatte: Dort waren ebenfalls im Festumzug hölzerne Modelle von historischen Bauten gezeigt worden.
Dahinter stand der Horber Bürger Wilhelm Klink, ein geachteter Maler, Bildhauer, und Restaurator, der im Jahr 1952 starb und vor allem für seine Gestaltung der Horber Rathausfassade bekannt ist, dem sogenannten Herrenberger Bilderbuch. Wilhelm Klink bekam den Auftrag, nun auch für Herrenberg tätig zu werden. Ob er deswegen das doppelte Honorar wie in Horb verlangte, weil es Doppeltürme sind, ist nicht überliefert.

Mit einem Kran wurde das Holzmodell geborgen
Foto: Fritz DeppertNoch einmal bei der Feuerwehr
Überliefert ist, dass dieses Holzmodell noch zweimal gezeigt wurde: Beim Herbstfest 1959 und beim Feuerwehrfest 1960. Danach hörte man nichts mehr von dem kleinen großen Kunstwerk. Es wanderte in das Stadtarchiv, verstaubte und verfiel.
Gewundert haben sich Fritz Deppert und Otto Beerstecher vom Schwäbischen Heimatbund, wo das Modell geblieben war, als sie in alten Aufzeichnungen davon gelesen hatten. Denn: So sicher wie das Amen im Gottesdienst der Herrenberger Stiftskirche ist die Tatsache, dass nach der 700-Jahr-Feier eine 800-Jahr-Feier heraufziehen wird, die im Jahr 2028 ins Haus steht. Die 700-Jahr-Feier war merkwürdigerweise ein Jahr nach dem Jubiläum anno 1929 begangen worden.
Unterm Dach im Farrenstall
Die beiden Historiker wurden im Stadtarchiv fündig, genauer in dessen Fundus im Farrenstall von Unterjesingen. Dort stand das Modell unter dem Dach, in einem aus Latten gezimmerten Gehäuse. „Für uns war es so wertvoll wie eine Schatz“, erinnert sich Fritz Deppert, und genauso haben sie das Modell der mittelalterlichen Kirche auch behandelt. Sie ließen es vorsichtig mit einem Kran und Tragriemen auf den Boden. Dann besorgten sie einen Transporter vom Möbelgeschäft Wohnidylle Gack und fuhren das Modell zum Restaurator.
Antoaneta Ferres hat schon öfter im Auftrag der Stadt Herrenberg gearbeitet. Sie restaurierte die Kirchenkanzel im Ortsteil Kayh und hat auch die vier übermannshohen Figuren der barocken Ammermühle konserviert. Für den Heimatbund die beste Adresse für eine erfolgreiche Restaurierung des Modells. Es musste grundlegend gereinigt, Schadstellen mussten ausgebessert, und auch die Malereien auf dem Holz mussten nachgearbeitet werden. Alles in allem brauchte der Heimatbund einen Betrag von etwa 3000 Euro. Die Stadt winkte ab: Kein Geld für das Kirchenmodell, das einst zu ihren Ehren geschaffen wurde. Doch für den Schwäbischen Heimatbund war das Kunstwerk zu wichtig, um es weiterhin dem Verfall preiszugeben.
Im Jahr 2024 hatte die Stadt Horb in einer viel beachteten Ausstellung sich nicht nur des Künstlers Wilhelm Klink erinnert, sondern einer in Vergessenheit geratenen Einrichtung, der Horber Bildhauerschule, die sich mit sakraler Kunst beschäftigte und bis zum Ersten Weltkrieg existierte. Fritz Deppert und Otto Beerstecher besuchten die Ausstellung und nachdem ihnen klar war, aus welch gutem Hause das Modell der Stiftskirche stammte, entwarf der Schwäbische Heimatbund zusammen mit dem Stadtarchiv einen Finanzierungsplan.
Die Bürger legten zusammen
Ein Spendenaufruf über die örtliche Presse brachte einen soliden Grundstock. Die Bürgerstiftung sagte eine Spende zu und dann noch ein Projektpool, der einen Malwettbewerb für den guten Zweck ausschrieb. Ein Spendenaufruf an die Mitglieder der Regionalgruppe Herrenberg-Gäu des Schwäbischen Heimatbundes hatte großen Erfolg und brachte den Rest der Summe zusammen.
Nun war nur noch ein formaler Akt zu machen. Bei seiner jüngsten Sitzung stimmte der Gemeinderat zu, die Spende von rund 3000 Euro anzunehmen. Damit reicht das Geld, um die Restauration anzugehen. Bis zum kommenden Frühjahr soll sie abgeschlossen werden.
Irgendwann im Fruchtkasten
Für Fritz Deppert und Otto Beerstecher blieb dann noch die Frage, wo das Modell nach seiner Restauration ausgestellt werden soll. Der natürlichste Ort dafür schien den beiden Historikern die Herrenberger Stiftskirche zu sein, doch der Kirchengemeinderat habe sich dagegen ausgesprochen, berichtet Fritz Deppert.
Offene Ohren und Türen fand der Heimatbund stattdessen bei Elena Hocke, die für die Sammlung des Herrenberger Fruchtkastens verantwortlich ist. Sobald der Fruchtkasten saniert ist, soll das Modell dort seinen endgültigen Standort finden.












