Helmut Walker von der Aidlinger Raiffeisenbank
: Ein gottgesegnetes Bankerleben

Die Raiffeisenbank Aidlingen feiert in diesem Jahr ihr 125-jähriges Bestehen. Helmut Walker (77) hat fast 50 davon miterlebt und mitgestaltet. Dabei wollte er eigentlich Pfarrer werden.
Von
Eddie Langner
Aidlingen
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Urgestein der Aidlinger Raiffeisenbank: Helmut Walker mit historischen Sparbüchern und sogenannten Kontogegenbüchern.

Urgestein der Aidlinger Raiffeisenbank: Helmut Walker mit einem fast 100 Jahre alten Kontogegenbuch.

Eddie Langner
  • Porträt von Helmut Walker: 77 Jahre alt, fast 50 Jahre bei der Raiffeisenbank Aidlingen.
  • Er wollte Pfarrer werden, begann 1964 als Lehrling und blieb der Bank treu.
  • Seine Arbeit reichte von Brennstoff- und Warenhandel bis zur Kundenbetreuung ohne Computer.
  • In Lehenweiler leitete er die Zweigstelle, war bis 2012 das Gesicht der Bank.
  • Die Bank feiert dieses Jahr 125 Jahre und lädt zur Generalversammlung in die Sonnenberghalle ein.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Gottes Wege sind unergründlich. Manchmal scheinen sie vom rechten Weg zu führen, nur um einen schließlich genau dorthin zu leiten, wo man hingehört. Im Falle von Helmut Walker war das wohl so. Der heute 77-jährige Aidlinger wollte eigentlich Pfarrer werden. „Des war mein Traum“, erzählt er. Dass er stattdessen bei der örtlichen Raiffeisenbank landete, sieht er heute als einen Gottessegen.

Die Aidlinger „Raiba“ hat in ihrer 125-jährigen Geschichte eine enorme Wandlung durchgemacht. Fast 50 dieser Jahre hat Helmut Walker aktiv miterlebt und mitgestaltet. Dabei hat er erfahren, dass der Berufsalltag eines Bankers im Heckengäu gar nicht so weit von dem eines Pfarrers entfernt ist.

Handel mit Dünger, Torf, Kohle und Heizöl

Doch zuvor lernte er erst einmal, was es bei so einer Raiffeisenbank alles zu tun gab: zum Beispiel Dünger und Torf vom Ehninger Bahnhof abholen, den bankeigenen Haus- und Gartenmarkt mit Waren bestücken, Bestellungen für Kohle und Heizöl aufnehmen, Versicherungskennzeichen für Mopeds ausgeben oder Milchgeld mit den örtlichen Bauern abrechnen.

Die heutige Ortsbücherei diente bis Mitte der 60er-Jahre als Lagerhalle und Sitz der Raiba Aidlingen.

Die heutige Ortsbücherei diente bis Mitte der 60er-Jahre als Lagerhalle und Sitz der Raiba Aidlingen.

Raiffeisenbank Aildingen

Mit einer modernen Bankausbildung hatten Walkers Lehrjahre nicht viel zu tun. Das lag am Geschäftsmodell. Als Genossenschaftsbank stellte die Aidlinger Raiba viel mehr dar als ein Kreditinstitut. Die angestammten Kunden und Mitglieder waren Landwirte und Handwerker.

Böblingen

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Als 14-Jähriger begann Walker 1964 seine Lehre. Damals gehörten der Handel mit Brennstoff, landwirtschaftlichen Waren und Baustoffen noch zum Kerngeschäft der Raiba. Seinen Traum vom Pfarrerberuf hatte er damals vorerst zurückgestellt. „Ich war auf d'r Volksschul'“, erklärt er. Um Pfarrer zu werden, hätte er Abitur machen und Theologie studieren müssen. „Du kannst ja später immer noch umsatteln“, habe der örtliche Pfarrer ihm damals geraten.

„Ha, da war i happy!“
Helmut Walker
Der Bankmitarbeiter erinnert sich an sein erstes selbst verdientes Lehrlingsgeld

Über die Vermittlung eines Onkels kam Walker zu seiner Ausbildung. Sitz der Bank war damals noch ein Lagerhaus im Gäßle. Heute befindet sich dort die Ortsbücherei. Sein damaliger Chef, der langjährige Geschäftsführer Jürgen Hanßmann, beauftragte den jungen Burschen damit, die Zettel für die Kohlebestellungen im Ort auszutragen. „Da hab i damals zehn Mark dafür kriegt. Ha, da war i happy!“, erinnert sich der 77-Jährige an sein erstes selbst verdientes Lehrlingsgeld. Zum Unterricht ging er auf die Kaufmännnische Berufschule in Böblingen, später besuchte er die Bankfachklasse in Stuttgart.

Seit 1967 hat die Aidlinger Raiba ihren Sitz an der Hauptstraße 8 in der Ortsmitte. Rechts daneben steht das alte Aidlinger Rathaus.

Seit 1967 hat die Aidlinger Raiba ihren Sitz an der Hauptstraße 8 in der Ortsmitte. Rechts daneben steht das alte Aidlinger Rathaus.

Raiffeisenbank Aildingen

Als er 18 Jahre alt ist, übernimmt er die Zweigstelle „im Laia“. So heißt der Ortsteil Lehenweiler bei der einheimischen Bevölkerung. Für die „Laiamer“ ist Walker bis zum Beginn seiner Altersteilzeit im Jahr 2012 das Gesicht und die Stimme der Raiba. Er kennt alle, und alle kennen ihn. So wie ein Pfarrer für seine Schäfchen da ist, kümmert er sich um seine Kundengemeinde. Zu ihm kommen die Leute, wenn sie ein Sparbuch eröffnen wollen, wenn sie Bargeld ausgezahlt haben möchten oder auf ein Darlehen für ihr Häusle hoffen.

Bei schwierigen Kunden den richtigen Ton getroffen

Das persönliche Gespräch habe ihm am meisten Spaß gemacht. Auch wenn es dabei gelegentlich um unangenehme Themen ging, zum Beispiel, wenn jemand tief in der Kreide stand und die nächste Rate fällig war. Walker traf dabei offenbar stets den richtigen Ton. „Bei schwierige' Kunde' hän se immer mi g'schickt“,  erzählt der ehemalige Prokurist mit einem Lächeln. Vermutlich wäre er tatsächlich ein guter Seelsorger geworden.

Helmut Walker (rechts) mit dem ehemaligen Vorstand Eckhard Gräsle und einer Gewinnerin bei einem Gewinnspiel.

Helmut Walker (rechts) mit dem ehemaligen Vorstand Eckhard Gräsle und einer Gewinnerin bei einem Gewinnspiel.

Raiffeisenbank Aidlingen

Wenn Helmut Walker aus seinem Berufsleben erzählt, fühlt man sich in eine andere Zeit versetzt: eine Zeit, in der man mittags vom Bankschalter noch kurz aufs Feld gefahren ist, um auf der väterlichen Landwirtschaft das Heu einzuholen; eine Zeit, in der man als Mann von der Bank schnell mal für hilfsbedürftige Kunden zum Einkaufen in den Flecken gefahren ist, weil es in der kleinen Ortschaft Lehenweiler keinen Laden gab; vor allem aber war es eine Zeit, in der es noch kein Online-Banking und keine Bankautomaten gab.

Ein ganzes Berufsleben ohne Computer

Mit den Jahren hat sich vieles verändert. Digitalisierung, Bürokratie und unnötige Vorschriften prägen aus Walkers Sicht heute den Bankberuf. Für ihn war das nichts. Sein ganzes Berufsleben hin zu seinem letzten Arbeitstag vor 14 Jahren habe er in der Arbeit keinen Computer benutzt, erklärt er. Anscheinend ist er auch ohne ganz gut klargekommen.

  • Historische Fotos der Raiffeisenbank Aidflingen

    Aidlingen um das Jahr 1967: Blick auf das neu eingeweihte Bankgebäude an der Hauptstraße.

    Raiffeisenbank Aidlingen
  • Historische Fotos der Raiffeisenbank Aidflingen

    Draufsicht auf das Bankgebäude im Aidlinger Ortskern.

    Raiffeisenbank Aidlingen
  • Historische Fotos der Raiffeisenbank Aidflingen

    Das Bankgebäude steht in direkter Nachbarschaft zum alten Aidlinger Rathaus.

    Raiffeisenbank Aidlingen
  • Bis Mitte der 60er-Jahre hatte die Raiba ihren Sitz „Im Gäßle“ in diesem Lagerhaus. Dort befindet sich heute die Ortsbücherei.

    Bis Mitte der 60er-Jahre hatte die Raiba ihren Sitz „Im Gäßle“ in diesem Lagerhaus. Dort befindet sich heute die Ortsbücherei.

    Raiffeisenbank Aidlingen
  • Historische Fotos der Raiffeisenbank Aidflingen

    Die Filiale in Lehenweiler war bis zum Jahr 2016 in Betrieb.

    Raiffeisenbank Aidlingen
  • Historische Fotos der Raiffeisenbank Aidflingen

    Mit dieser Maschine wurden Überweisungen und Schecks ausgerdruckt.

    Raiffeisenbank Aidlingen
  • Historische Fotos der Raiffeisenbank Aidflingen

    Schreibmaschine statt Computertastatur.

    Raiffeisenbank Aidlingen
  • Historische Fotos der Raiffeisenbank Aidflingen

    Historische Sparbücher und Kontogegenbücher.

    Raiffeisenbank Aidlingen
  • Historische Fotos der Raiffeisenbank Aidflingen

    Dieser Tresor steht noch immer im Aidlinger Bankgebäude.

    Raiffeisenbank Aidlingen
  • Historische Fotos der Raiffeisenbank Aidflingen

    Elektronische Taschenrechner gab es noch nicht: So sah eine Rechenmaschine in den 1930er-Jahren aus.

    Raiffeisenbank Aidlingen
  • Historische Fotos der Raiffeisenbank Aidflingen

    Auch diese alte Additionsmaschine befindet sich noch im historischen Bestand der Aidlinger Raiba.

    Raiffeisenbank Aidlingen
  • Der langjährige Mitarbeiter Helmut Walker (Mitte) mit den aktuellen Vorständn Marco Bigeschi (links) und Markus Vogel.

    Der langjährige Mitarbeiter Helmut Walker (Mitte) mit den aktuellen Vorständn Marco Bigeschi (links) und Markus Vogel.

    Eddie Langner
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„Seiner“ Raiba ebenso wie seiner früheren Kundschaft fühle er sich auch als Rentner noch eng verbunden. „Das war einfach ein starker Zusammenhalt“, sagt der 77-Jährige. Bis heute gehe er deshalb auch noch zu jeder Beerdigung.

Dass aus Helmut Walker kein Pfarrer wurde, hat er nie bereut. Im Gegenteil. Stattdessen freut er sich über vermeintlich kleine Dinge – zum Beispiel, dass er durch seine Arbeit bei der Aidlinger Raiba jeden Mittag nach Hause kommen und frisches Mittagessen genießen durfte. „I ben gesegnet. Durch des, dass i koi Pfarrer gworde ben, isch's mir viel besser gange“, erklärt Walker – und fängt so herzlich an zu lachen, dass man gar nicht anders kann, als mit ihm zu lachen.

Die Raiffeisenbank Aidlingen eG – 125 Jahre Geschichte

  • Die Raiffeisenbank Aidlingen eG wurde am 12. Oktober 1901 als „Darlehenskasse Aidlingen e.G.m.u.H." gegründet. Das Unternehmen basiert auf den genossenschaftlichen Werten, die Friedrich Wilhelm Raiffeisen mit seinem Leitgedanken „Einer für alle, alle für einen" geprägt hat.
  • Es folgte die Gründung weiterer Darlehenskassen in den heutigen Ortsteilen Dachtel und Deufringen. Im Jahr 1924 errichtete die Bank ein Lagergebäude am heutigen Standort der Bücherei „Im Gäßle“. 1967 folgte der Umzug in das heutige Bankgebäude in der Hauptstraße 8 in der Aidlinger Ortsmitte.
  • Zuletzt erfolgten einige bauliche Maßnahmen, darunter der Umbau der Schalterhalle 2008 sowie die Modernisierungen und der barrierefreie Ausbau des Hauptgebäudes im Jahr 2025.
  • Am Montag, 12. Oktober, findet in der Aidlinger Sonnenberghalle die Generalversammlung der Bank statt. Beginn ist um 19 Uhr.