Herrenberg
: Viele Knoten sind zu lösen

Die Stadt will dieses Jahr die Weichen für viele Projekte stellen, die das Gesicht Herrenbergs verändern werden.
Von
Anja Tröster
Stuttgart
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Wie der Verkehr durch die Stadt gelenkt wird, soll sich dieses Jahr

factum

Herrrenberg - Seit der Oberbürgermeister Thomas Sprißler Herrenberg zur Mitmachstadt deklariert hat, ist Stadtentwicklung auch Bürgersache geworden. Allerdings laufen viele stadtprägende Entscheidungsprozesse parallel – und oft genug hat die Frage, wie das eine Grundstück bebaut wird, unmittelbare Auswirkungen auf die Zukunft des anderen. Selbst Stadträten fällt es da nicht immer leicht, den Überblick zu behalten. Mehrere Fraktionen haben deshalb schon den Wunsch geäußert, das Stadtplanungsamt möge ihnen einmal einen Überblick über die komplexen Zusammenhänge geben. Allein in der Kernstadt gibt es acht Areale, die früher oder später umgestaltet werden sollen. Sie werden hier vorgestellt, mit Ausnahme des Schäferlinde-Areals, das sich in Privatbesitz befindet und bereits überplant ist. Bei zwei Gebieten steht der Baubeginn unmittelbar bevor, weitere werden folgen.

Die Bebauung von drei dieser Areale hängt von einer weiteren zukunftsweisenden Entscheidung ab, die der Gemeinderat dieses Jahr zu fällen hat – er muss im Herbst eine der Varianten für die künftige Verkehrsführung auswählen. Die Innenstadt soll vom Durchgangsverkehr befreit werden. Im vergangenen Oktober hatte der Gemeinderat ein externes Ingenieurbüro mit einer Machbarkeitsstudie beauftragt. Bei dieser Gelegenheit hatte es erneut eine hitzige Debatte gegeben. Denn der OB drängte darauf, auch den Schlossbergtunnel sowie die Untertunnelung der Horber Straße untersuchen zu lassen. Dagegen wehrten sich nicht wenige Räte, weil sie kein Geld für die Untersuchung einer Trasse ausgeben wollen, die sowieso nicht realisierbar ist.

Im Herbst könnte die Entscheidung fallen

Als eine der aussichtsreichsten Varianten gilt die Verbindung der Bahntangente mit dem Bahndurchstich: Von Norden her kommende Autofahrer würden zunächst über die Zeppelinstraße gelenkt statt über die Seestraße – westlich der Bahnlinie würde dann Richtung Süden entlang der Gleise eine Verbindung zur Nagolder Straße geschaffen. Ein kleiner Durchstich könnte sie mit der Horber Straße verknüpfen. Die Machbarkeitsstudie soll noch vor der Sommerpause vorgelegt werden. Nach einer Bürgerinformation könnte im Herbst der Gemeinderat entscheiden. Erst dann ist es möglich, mit der Planung für das Baywa-Areal, das Aischbach-Areal sowie den früheren Standort der Stadtbibliothek fortzufahren. Das Grundstück der Baywa am Bahnhof hat die Stadt kürzlich gekauft, wie Sprißler am Wochenende beim Neujahrsempfang verkündete (wir berichteten).

Vorangetrieben werden soll nun zunächst die Bebauung des Seeländer-Areals, früher auch Bauhof-Areal genannt. Es ist von der Verkehrsplanung nicht betroffen. Schon bei der Vorstellung des Haushaltes im vergangenen November hat Thomas Sprißler betont, dass dieses Jahr hier Weichen gestellt werden. Auf dem 1,2 Hektar großen Areal soll Einzelhandel angesiedelt werden, der das Angebot der Innenstadt ergänzt – außerdem sollen Besucher von auswärts hier parken. Sieben Investoren sind an dem Projekt interessiert. Sie arbeiten zurzeit an Entwürfen für das Auswahlverfahren. Noch im Frühjahr soll einer von ihnen den Zuschlag erhalten. Das Projekt ist Herrenbergs Antwort auf die großen Einkaufszentren in Böblingen und Sindelfingen. Von einer Erweiterung des Angebots erhofft man sich, dass nicht mehr so viel Kaufkraft in die umliegenden Städte Nagold, Sindelfingen und Böblingen fließt.

Wo jetzt die Plaka-Gaststätte an der Seestraße steht, soll das Seeländer-Areal dann mit der Herrenberger Altstadt verbunden werden. Dieses Grundstück hatte die Stadt bereits vor zwei Jahren aufgekauft. Laut dem Rathauschef Sprißler rollen demnächst die Bagger an der Seestraße an, um die Plaka-Gebäude abzureißen und zugleich die historische Stadtmauer ganz freizulegen. Sollte der Verkehr tatsächlich irgendwann einmal aus der Stadt verbannt worden sein, könnte die Seestraße in eine Art Stadtboulevard verwandelt werden. Mit Alleenbäumen und breiten Gehwegen könnte man den Charakter der Einfallsschneise dann völlig verändern.

Die Stadt hat das Baywa-Gelände gekauft

Den größten innerstädtischen Gestaltungsspielraum erhofft sich Sprißler aber vom Baywa-Gelände, das die Stadt gerade eben gekauft hat. „Diese Investition halte ich für eine der Erfolg versprechendsten unseres aktuellen Haushalts“, sagte er. Zum einen, weil die Stadt damit über alle Grundstücke verfügt, die für den Bau der sogenannten Bahntangente notwendig wären. Darüber hinaus ermögliche der Besitz dieses Grundstücks der Stadt auch viele andere Gedankenspiele, betonte der OB beim Neujahrsempfang der Stadt. „Mag das Gelände auf den ersten Blick auch nicht besonders attraktiv erscheinen, so braucht man doch nur wenig Fantasie, um sich vorzustellen, was sich auf einer so zentralen Fläche entwickeln lässt“, so Sprißler. Die Entwürfe aus dem wegweisenden städtebaulichen Wettbewerb „westliche Innenstadt“ im Jahr 2012 sahen dort die Ansiedlung von Dienstleistern und Handel vor. Allerdings gibt es bislang keine verbindliche Planung für das 1,7 Hektar große „Filetstück“. Viele Herrenberger werden den Abriss des Silos allein schon als gute Nachricht empfinden.

Eng verknüpft mit dem Baywa-Gelände ist die Zukunft des benachbarten Stabi-Areals. Aus Sicht des Stadtplanungsamtsleiters Reinhold Lönarz ist diese Brache eine der größten Herrenberger Herausforderungen überhaupt. Wo sich früher die Stadtbibliothek befand, hätte nämlich schon vor 15 Jahren ein Einkaufszentrum mit Parkhaus entstehen sollen. Die Verwirklichung scheiterte an der Pleite des Investors. Bis heute hat keiner einen zweiten Anlauf zur Bebauung unternommen – auch weil die Diskussion über den Verkehr eine Entscheidung verhindert hat. „Wir halten es aber für eine der wichtigsten Flächen in der Innenstadt“, betont Lönarz.

Denkbar ist ein Stadtpark

Auch weiter westlich an der Aischbachstraße harrt ein 3,4 Hektar großes Areal der Entwicklung: Wo sich das frühere Freibad und ein Rasenplatz befinden, könnte in ferner Zukunft neben Wohnungen auch einmal ein Stadtpark entstehen. Sollte diese Vision Wirklichkeit werden, dürfte das auch Auswirkungen auf eine 2000 Quadratmeter große Oase an der Hindenburgstraße haben: Auf dem Grundstück der früheren Albert-Schweitzer-Schule soll ein Parkhaus entstehen und Einzelhandel ansiedeln.

Deutlich konkreter sind zwei Projekte im Süden der Stadt: Auf dem EnBW-Areal an der Horber Straße sowie dem Stadtwerke-Gelände werden Eigentumswohnungen entstehen. Für beide Standorte gibt es vorhabenbezogene Bebauungspläne, die zurzeit öffentlich ausliegen. Im Fall des dreieckigen Grundstücks an der Horber Straße plant die Hochtief einen Komplex aus zwölf Reihenhäusern und einem fünfstöckigen Gebäude am Schillerplatz. Anwohner kritisierten aber die Traufhöhe, was Reinhold Lönarz durchaus verstehen kann. Ob eine derart verdichtete Bebauung an dieser Stelle das Richtige sei, bezweifelt er. Der Gemeinderat hatte sich allerdings bewusst dafür entschieden.

Auf dem weiter stadtauswärts an der Horber Straße liegenden Stadtwerke-Gelände plant der Architekt Reinfried Rudolf mit der Baugemeinschaft „Stadtwerk“ zwei Gebäude, in denen insgesamt 55 Wohnungen sowie eine Kita untergebracht sind. Auch dieses Projekt steht kurz vor dem Spatenstich. In unmittelbarer Nachbarschaft soll außerdem später ein Hotel entstehen. Der dafür vorgesehene Teil des Grundstücks soll allerdings erst in einem zweiten Schritt überplant werden.

All diese Projekte stehen allerdings – im Augenblick jedenfalls – im Schatten eines anderen Bauvorhabens: Im Osten der Stadt beginnt bald der Bau des neuen Freibads.

StZ Kreis Böblingen
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