Leonberg: 45 Minuten lang wird auf der Bühne gefoltert

Verstörende Bilder im Leonberger Berufsschulzentrum.
FACTUM-WEISELeonberg - Brutale Bilder: Das Bühnenbild zeigt fünf Gefangene. Sie sitzen am Boden. Neben ihnen stehen mit Packpapier bespannte Wände, die Gefängniszellen darstellen sollen. Ein langes Plakat zeigt einen Gehängten. Es baumelt auf der Bühne herum wie ein toter Körper und zieht unweigerlich die Blicke auf sich.
Doch als die Männer zu agieren beginnen, rückt den Ermordeten schnell in den Hintergrund. „Stellt euch ruhig hin, ihr Hurensöhne. Kommt her, hierher zu mir“, kommandiert einer der beiden auf der Bühne erschienen Aufseher. Dabei beginnt er auf die fünf Gefangenen mit einem Gummistock einzuprügeln, wieder und immer wieder. Was dann beginnt, sind 45 Minuten Live-Performance, die gleichermaßen schockierend wie ernüchternd sind.
Das verstörende Theaterstück „Der deutsche Stuhl“ will einen Vormittag lang das jahrelange Leiden der Häftlinge im menschenverachtenden syrischen Foltergefängnis Palmyra (Tadmor) auf die Bühne bringen. „Es ist nicht leicht, dieses Theaterstück anzuschauen“, gibt die Leiterin des gesamten Projekts zu, die Journalistin und Filmemacherin Monika Borgmann. „Es ist nicht leicht zu ertragen.“ Mit der Performance möchte sie „der Welt“ zeigen, was libanesische Folteropfer in den Kerkern des Assad-Regimes erleben mussten und noch müssen. Das Anliegen teilt Borgmann mit den Akteuren auf der Bühne.
Echte Ex-Häftlinge stellen ihre Qualen dar
Die sieben Männer sind keine Schauspieler. Es sind Libanesen, die alle über ein Jahrzehnt die Folter in den syrischen Gefängnissen am eigenen Leib ertragen haben. Die Folteropfer haben sich im Verein „Former Lebanese Political Detainees in Syria“ zusammengeschlossen. Die Männer wurden während des libanesischen Bürgerkriegs nach Syrien verschleppt und dort bis zu 15 Jahre festgehalten. Noch heute werde etwa 600 weitere Libanesen in syrischen Gefängnissen vermutet, durch den Bürgerkrieg kommen vermutlich ständig noch neue Opfer dazu.
Die Gewalt geht durch Mark und Bein. Immer wieder wird geschlagen, getreten und beleidigt. Die Libanesen reden in ihrer Landesprache. Ein Beamer wirft dabei die deutsche Übersetzung an die Wand hinter der Bühne. Oberbefehlshaber Numan brüllt überheblich: „Ich zieh dir gleich aus Versehen die Haut ab, du Schwein, nicht wahr!“ Dann prügelt und tritt er auf den Gefangenen ein, während der immer leiser um Erbarmen winselt. „Der Mann ist tot“, sagt der Gesundheitsverantwortliche.
Es ist ruhig im Saal der Aula des Beruflichen Schulzentrums Leonberg, wo das Stück vor Schülern und Lehrern der Schule aufgeführt wird. Der Freundeskreis des BSZ hatte die Initiative des Psychologiekurses des Beruflichen Gymnasiums realisiert. Die Mehrzahl der Schüler schaut gebannt zur Bühne. Doch nicht jeder konnte die ganze Zeit hinsehen, eine junge Frau hebt nur gelegentlich den Kopf.
Dann senkt sie ihn wieder und liest in dem Skript mit dem deutschen Text, das vor Beginn ausgelegt wurde. Enes Yurtsever, der Schulsprecher am Berufsschulzentrum, hat das verstörende Drama tief berührt. „Da haben auch meine Emotionen ein bisschen mitgespielt, mir kamen fast die Tränen“, sagt der junge Mann. „Ich wollte fragen, was sie dazu bewegt hat, am Leben zu bleiben und sich nicht umzubringen“, will einer der Zuhörer nach der Vorstellung von den Libanesen wissen.
Die Antwort des Folteropfers wird von der Dolmetscherin übersetzt, und ist nicht weniger eindrücklich: „Wer foltert, versuchen ja gerade den Geist, die Persönlichkeit eines Menschen zu zerstören. Das ist die größte Kraft die man besitzt.“